Michael Leitl

Michael Leitl

for Innovation, Wirtschaft & Management, Internet & Technologie

German Angst: der Sound der Klimadebatte

Gabriel Matula - Unsplash

Die Debatte um die Regelungen und Veränderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel nimmt häufig fast pathologische Züge an. Es wird geklagt über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, steigende Energiekosten, eine zunehmende Verunsicherung von Konsumenten und Unternehmen durch schärfere Klimaziele. Gerne wird, wie von Bosch-Chef Volkmar Denner, das Argument der „Grenzen der technischen, wirtschaftlichen und sozialen Machbarkeit“ angeführt, die angeblich erreicht werden, wenn noch strengere Grenzwerte für was auch immer angesetzt werden.

Kurz: Die Debatte ist geprägt von Abwehr, Angst, vielleicht auch Unvermögen. Dabei wird jedoch meist übersehen oder auch bewusst verschwiegen, dass sich die Hinwendung zu einer anderen, nachhaltigen Form der industriellen Produktion längst auf globaler Ebene vollzieht.

Druck erzeugt Wandel

Länder wie Indien und China, die gemeinsam fast ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, fördern verstärkt Technologien, die dazu beitragen, weniger Luft zu verpesten, Flüsse zu verschmutzen und Menschen zu vergiften. Warum? Weil sie selbst unter Druck geraten.

So investiert China massiv in die Erforschung klimaneutraler Technologien. Angesichts der viel gravierenderen Probleme mit Umweltverschmutzung als hierzulande, war die Regierung gezwungen zu handeln. Täglich starben 4000 Menschen an Atemwegserkrankungen, die Luft in Peking starrte 2013 buchstäblich vor Dreck. Ende des Jahres 2013, so die Asien-Direktorin der US-Umweltschutzorganisation Natural Resource Defense Council, hatte die Regierung ein Aktionsprogramm in Höhe von 200 Milliarden Euro initiiert.

Indien setzt stark auf regenerative Energien. Im südindischen Bundesstaat Karnataka versorgen seit Anfang 2019 700.000 Quadratmeter Solarzellen die 72.000 Menschen in der Region mit Strom. Auch hier zwingt die Industrialisierung und damit der Energiehunger des Landes die Beteiligten zu progressivem Handeln. Bis 2022 will die indische Regierung die Produktion von erneuerbaren Energien auf 175 Gigawatt steigern. Das entspricht einem Anteil von 50 Prozent am gesamten Energiemix.

Geldflüsse werden grüner

Wie werden solch gigantische Projekte finanziert? Damit kommt der zweite Trend globaler Veränderungen ins Spiel. Institutionelle Anleger wie die Investmentgesellschaft Thomas Lloyd investieren in solche Mega-Solaranlagen wie in Indien und haben dafür eigens ein Unternehmen für die Umsetzung gekauft. Insgesamt berücksichtigen 72 Prozent der institutionellen Investoren in Deutschland nachhaltige Faktoren bei der Kapitalanlage. Weltweit planen 43 Prozent der Anleger eine moderate Umschichtung und 6 Prozent eine dramatische Umschichtung ihrer Finanzmittel weg von fossilen hin zu regenerativen Energieträgern.

Dazu kommen Regulierungen auf nationaler Ebene, die ihre langen Schatten voraus werfen. So sinken aller Verzögerungen zum Trotz die erlaubten Grenzwerte für Dreck aller Art in der Umwelt eben doch. Langsam aber sicher. 

Wenn Elefanten die Richtung wechseln

Derartige globale Verschiebungen von Geld und Macht haben Konsequenzen. Langsam setzen sich auch die ersten Elefanten der Wirtschaft in Bewegung. Während auf politischer Ebene je nach Haltung der Klimawandel negiert wird, Nebelkerzen geworfen werden oder progressive Mitstreiter für die Rettung der Erde gesucht werden, ändern sich die Strategien großer Unternehmen.

BASF- Vorstandschef Martin Brudermüller plant den Aufbau einer klimaneutralen Fabrik in Indien und will bis 2030 die Verkaufsmengen verdoppeln und dabei keine Tonne Kohlendioxid zusätzlich verbrauchen. BASF ist dann zwar immer noch weit von Klimaneutralität entfernt - aber es ist ein Anfang.

Er macht dies nicht, weil er das so unglaublich ökologisch findet. Sondern Brudermüller sieht ganz grundsätzlich die Notwendigkeit, das Unternehmen in Deutschland Vorreiter bei klimarelevanten Technologien sein müssen. Ansonsten übernehme China diese Rolle.

Welche wichtige Rolle technische Innovationen bei diesem Wettlauf spielen, zeigt das Beispiel des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp. Mit Hilfe von Fördermitteln des Bundes und in einer großangelegten Forschungskooperationen mit 16 Partnern wie Evonik, Covestro und dem Fraunhofer Institut gelang es dem Konsortium, eine Technologie zu entwickeln, um Kohlendioxid aus den Abgasen von Stahlhütten in Rohstoffe für die chemische Industrie umzuwandeln.

Die Carbon2Chem getaufte Pilotanlage produziert Methanol und andere einfache Basis-Chemikalien. Aus denen lassen sich andere Erzeugnisse der Industriegesellschaften herstellen, wie zum Beispiel Silikon. In fünf bis sieben Jahren soll die großtechnische Produktion möglich sein. Als mögliche Abnehmer würden sich eigenen Angaben zufolge weltweit 50 Stahlhütten weltweit eignen. Dazu kommen andere Märkte wie zum Beispiel Zementwerke, ebenfalls große CO2-Schleudern und andere abgasintensive Fabriken. Natürlich funktioniert so eine Anlage nur, wenn Strom aus regenerativer Erzeugung verwendet wird, ansonsten wäre die Energiebilanz eine Katastrophe. 

Wie das gehen kann, zeigt der schwedische Möbelgigant Ikea. Das Unternehmen ist inzwischen energieautark. Die Ingka Holding hat laut World Economic Forum in den vergangenen zehn Jahren 2,5 Milliarden Euro investiert, um Windparks, Solarzellen auf den Warenhäusern und Solarparks zu bauen. Das Ergebnis: die firmeneigenen regenerativen Energiequellen produzieren inzwischen mehr Strom als die Holding verbraucht.

Grundsätzlich ist der Markt für nachhaltige Technologien groß. Je nach Schätzung und Definition winken den Anbietern von Morgen Umsätze zwischen 1,5 und 5,9 Billionen Euro im kommenden Jahrzehnt. 

Veränderungen bringen Chancen

Wer also den Sprung wagt, hat die Chance sich selbst neue Märkte zu definieren. In der Sprache der Managementlehre heißt dieses Vorgehen Blue-Ocean-Strategie. Man identifiziert einen Bedarf, minimiert die Risiken, ist innovativ und geht mit neuen Ideen und Konzepten dahin, wo noch kein anderer ist. In einen selbst geschaffenen, neuen Markt ohne Wettbewerber.

Er ist also wie schon so oft in der Geschichte vor allem eine Frage der Haltung: Wie geht man mit Veränderungen um? Die einen jammern und klagen. Das ist jener Sound, der die aktuelle Debatte übertönt. Die anderen sehen Chancen und Notwendigkeiten, zeigen sich innovationsfähig und finden daher auch neue Märkte. Letztendlich sind sie es, die uns langfristig Wohlstand, Arbeitsplätze und Sicherheit bescheren.

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Director Strategy, Tools of Innovators GmbH

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Innovationsfähigkeit ist das Einmaleins des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört Veränderungswille, Mut zum Lebenslangen Lernen und Neugier auf die Zukunft; die Schlüssel für meine Reise durch vier Berufe: Chemieingenieur, Harvard Business Manager Redakteur, Startup-Gründer und Innovationsberater bei TOI.
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