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Dr. Kathrin Niewiarra

Dr. Kathrin Niewiarra

for Compliance, Menschen, Unternehmen, Corporate Governance

Gesucht: Eigenverantwortung!

Dune dans la brume © bportolano /Fotolia.com
Wir müssen weg von der reinen „Legal Compliance“ hin zu einer wertebasierten Compliance.

Was hat Eigenverantwortung mit Compliance zu tun? Kurze Antwort: Viel. Aber lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten und klären: Was ist eigentlich Compliance?

Übersetzt bedeutet Compliance schlicht Regeltreue, also die Einhaltung von Recht und Gesetz. Im Unternehmenskontext kommt auch die Einhaltung von internen Richtlinien und Regelwerken dazu. Aber sollte dies nicht eine Selbstverständlichkeit sein? Ich meine Ja. Aber wieso ist dann die Presse voll von Berichten über Compliance-Verstöße – eines der neuesten Beispiele: Der Fall des zurückgetretenen DFB-Präsidenten Grindel? Ganz einfach. Recht, Gesetz und Regelwerke alleine reichen nicht aus. Die klassische „Legal Compliance“, die darauf abzielt, die Einhaltung von Regelwerken sicherzustellen und auf Sanktionen und Haftungsvermeidung setzt, scheint in der Realität nicht allzu gut zu funktionieren. Checklisten, Compliance-Richtlinien und zertifizierte Compliance Management Systeme können nicht für jede Lebenslage Regelungen enthalten – ein schlichtes Tick-The-Box führt nicht zum nachhaltigen Erfolg. Erschwerend kommt dazu, dass oft viele Regeln existieren, die teils schwer verständlich formuliert sind oder sich der Empfänger im – zugegeben wachsenden - Vorschriftendschungel nicht mehr zurecht findet.

Mehr als Regeln, Recht und Gesetz

Eine im Zusammenhang mit Compliance und Schulungen gelegentlich getätigte Aussage: „Wichtig ist doch nur, dass ich mich nicht strafbar mache – schauen Sie, dass ich nicht haften muss, der Rest interessiert mich nicht und behindert mein Geschäft.“ Im Grundsatz nicht ganz falsch oder sogar schon ein erster Schritt in die Richtung Compliance? Wie ich meine: zu kurz gesprungen. Eine nachhaltige Compliance und auch Vermeidung von Haftung und Schaden ist so nicht zu erreichen. Unstreitig ist das Wissen um und über Compliance und die Regeln erforderlich. Ohne Regeln ist ein Zusammenleben in unserer Gesellschaft und auch in Unternehmen nicht möglich. Das oben genannte Statement und die darin gezeigte Haltung verkennen aber ein für den Menschen und sein Unternehmen existentielles Thema: Schon der bloße Vorwurf eines Compliance-Verstoßes birgt ein meist unkalkulierbares Reputationsrisiko und damit untrennbar verbundenen Imageschaden in sich. Übrigens: Reputations- und Compliance-Risiken lassen sich zunehmend nicht mehr klar voneinander abgrenzen. Reputationsrisiken sind Verstärker, da sie sowohl negative als auch positive Auswirkungen auf das Wesen, die Dauer und Ausdehnung anderer Risiken – wie auch Compliance-Risiken – bezüglich der betroffenen Organisationen, Personen, Produkte oder Dienstleistungen haben.

Damit Compliance ihre Wirkung entfalten kann, muss also noch etwas hinzukommen. Compliance erfordert meines Erachtens ein ganzheitliches, umfassendes Verständnis. Es sollten Faktoren wie die Befolgung von Prinzipien einer guten Unternehmensführung (Good Corporate Governance) sowie von allgemein akzeptierten, ethischen Normen und moralischen Grundsätzen hinzutreten. Aber auch so wird noch kein Schuh daraus. Der wichtigste Faktor fehlt noch: der Mensch.

Der Mensch im Fokus

Compliance ist ein zutiefst menschliches Thema. Wir Menschen sind es, die die Regeln aufstellen, befolgen, missachten aber auch aus ihnen lernen können. Deshalb muss Compliance mit Leben gefüllt werden. Dazu zählt zum einen natürlich die Integration von Compliance in den Unternehmensalltag und Geschäftskreislauf dergestalt, dass sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter den Mehrwert in ihrem Arbeitsalltag erkennen können. Und der „Tone from and at the Top“. Aber noch wichtiger ist es, den Menschen abzuholen, seine Bedürfnisse zu verstehen, diese aufzunehmen und seinen Mut zu eigenverantwortlichen und integren Entscheidungen zu stärken. Deshalb gehört für mich zur Definition von Compliance unser höchstpersönliches und sehr privates Verständnis von Compliance, quasi unser Compliance-Kompass, dazu, um mit diesem Thema nachhaltig umgehen zu können. Wo liegt meine Compliance-Messlatte, ab wann beginnt meine persönliche „Incompliance“? Diese Frage steht am Anfang und wir sollten uns mit der vielleicht nicht immer angenehmen Antwort auseinandersetzen, da sie unser persönlicher Schlüssel zur Compliance über unsere Werteorientierung ist. Denn wirksame Compliance erfordert als Basis das Wissen um und über Compliance und darüber hinaus die Einbeziehung der menschlichen Komponente sowie die Klarheit über die eigenen Werte und Ziele.

Fazit: Wir müssen weg von der reinen „Legal Compliance“ hin zu einer wertebasierten Compliance, die Eigenverantwortung fordert und uns das Denken sowie die Bewertung für die Richtigkeit und Angemessenheit unseres Verhaltens nicht abnimmt, sondern fördert.

About the author

Dr. Kathrin Niewiarra
Dr. Kathrin Niewiarra

Rechtsanwältin, bleu&orange® (eingetragene Marke)

for Compliance, Menschen, Unternehmen, Corporate Governance

Compliance und Governance sind Themen, die den Unternehmensalltag bestimmen. Aber allein das Wissen über Regeln reicht nicht aus. Es bedarf noch mehr: ein Verständnis der menschlichen Komponente. Der Mensch entscheidet, ob der Balanceakt gelingt, die unternehmerischen Herausforderungen zu meistern.
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