Prof. Dr. Nico Rose

Prof. Dr. Nico Rose

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

H.E.R.O.: Sind Sie ein Krisen-Held?

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Höchste Zeit, ein Held zu sein!
PJ Masks

Wer wie ich kleine Kinder hat, dem dürfte dieser Satz geläufig sein. Er entstammt der aktuell immens beliebten Zeichentrickserie PJ Masks (Pyjamahelden). Schwere Krisen wie die Corona-Pandemie sind eine Zeit für Helden. Wohlgemerkt: nicht für Superhelden à la Hollywood, sondern für den "ganz gewöhnlichen Helden", der in den meisten von uns angelegt ist. Nicht alle, aber doch viele Menschen spüren, dass sie in besonders herausfordernden Momenten über eine (psychische) Kraftreserve verfügen, die zu normalen Zeiten nicht aktiviert werden muss. Die Finnen haben sogar ein eigenes Wort dafür: Sisu. Es ist ein wichtiger Teil ihres kulturellen Erbes.

Die klassische Heldengeschichte sieht eine Reise vor, in deren Verlauf der (werdende) Held seine gewohnte Welt verlässt, verschiedenen Prüfungen ausgesetzt wird, neue Verbündete gewinnt, zunehmend mächtigere Feinde besiegt, eine schwere Krise durchlebt und – meist nach einem Opfer – das ultimative Böse besiegt, um schließlich eine Art Schatz mit nach Hause zu bringen (s. auch: Was wir von Star Wars und der Odyssee lernen können).

In Büchern und Filmen wird dieser Weg als physische Reise dargestellt, damit es auch etwas zu sehen gibt. Tatsächlich symbolisieren die verschiedenen Stationen und Gegner jedoch psychologische Herausforderungen: Es sind Prüfungen auf dem Weg einer charakterlichen Reifung. Oft geht es darum, sich seinen tiefsten Ängsten zu stellen, Selbstzweifel zu besiegen, Versuchungen zu widerstehen, oder den eigenen Hochmut zu überwinden.

Heldentum in Zeiten der Corona-Krise

Wir sind als Gemeinschaft darauf angewiesen, dass viele Meschen derzeit den inneren Helden in sich entdecken. Da wäre zuvorderst das medizinische und pflegerische Personal zu benennen, welches gegenwärtig oft weit bis über die Erschöpfungsgrenze hinaus funktionieren muss; ebenso die Menschen, die unsere Lebensmittelversorgung oder die Strom- und Wassernetze am Laufen halten. Und dann sind da noch die vielen Personen, die einfach versuchen, aus dem Home Office (oder anderswo) ihren "verdammten Job" geregelt zu kriegen, während sie in den vergangenen Wochen spontan zusätzlich die morgendliche Kinderbetreuung oder schulische Ausbildung übernehmen. Da meine Frau in einem "systemrelevanten Beruf" arbeitet, gehöre ich derzeit dieser Heldenklasse an.

Es ist übrigens völlig normal (und – falls Sie sich diese Frage stellen – vollkommen OK), in diesen Tagen auch traurig, verzweifelt, kraftlos, wütend oder verängstigt zu sein. Ich finde es eher amüsant und ein wenig bemitleidenswert, wenn ich auf Instagram Menschen sehe, die derzeit an einem noch perfekteren Waschbrettbauch, der noch vollkommeneren Yoga-Pose etc. pp. arbeiten.* Eine Umfrage unter +1.200 Personen, die ich vor einigen Tagen durchgeführt habe, bestätigt dieses Bild: Die Menschen sind derzeit (im Mittel) deutlich besorgter, weniger fröhlich usw.

Die Zunahme von negativen bzw. Abnahme von positiven Emotionen ist aber nur eine Seite der Medaille: Viele Menschen in meiner Stichprobe (konkret: ca. 70%) berichten auch davon, dass sie bei sich Anzeichen eines psychischen Wachstums bemerken:

  • Sie sehen klarer, was wirklich wichtig ist im Leben.
  • Sie investieren mehr Zeit in enge persönliche Beziehungen.
  • Und: Sie bemerken, dass sie stärker sind, als sie ursprünglich erwartet hatten.

Quellen des Wachstums

Was könnte der Motor hinter diesem (gefühlten) Wachstum sein? Ich vermute, dass manche Menschen über viel von einer Ressource verfügen, die in der psychologischen Forschung Positives Psychologisches Kapital (kurz: PsyCap) genannt wird.

Es gibt verschiedene Formen des Kapitals. Traditionell denken wir zunächst an ökonomisches Kapital, sprich: verschiedene finanzielle und physische Ressourcen. Des Weiteren ist es (in Organisationen) geläufig, über Humankapital nachzudenken, auch wenn viele Menschen den Begriff unpassend finden). Es geht hier um den Menschen mit seinen Kenntnissen und Fertigkeiten. Schließlich hat sich der Begriff des sozialen Kapitals eingebürgert. Damit sind nutzenstiftende Beziehungen und Netzwerke gemeint, über die wir Unterstützung erhalten (und geben) können.

Quelle: Luthans et al. (2004)

In der Positiven Psychologie sprechen wir seit rund 20 Jahren über eine weitere Form des Kapitals: Positives Psychologisches Kapital. Das Konzept wurde zu Beginn des Jahrtausends beschrieben von einem Team um den einflussreichen Management-Forscher Fred Luthans. Vereinfacht gesagt geht es bei PsyCap um das, was die Mitarbeiter "sind", konkret: eine Kombination von vier mit einander verwandten Charakteristika. Im Englischen ergibt sich aus diesen das Akronym H.E.R.O..

  • Hoffnung (Hope) ist in diesem Kontext definiert als eine Kombination aus zielgebundener Motivation ("Willpower") und der Flexibilität, verschiedene Wege der Zielerreichung zu testen ("Waypower").
  • Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) ist der kontextspezifische Glauben an die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten.
  • Resilienz (Resilience) ist definiert als Fähigkeit, unbeschadet aus stressreichen und Situationen hervorzugehen bzw. Erfahrungen des Scheiterns produktiv zu verarbeiten.
  • Optimismus (Optimism) bezeichnet eine bestimme Haltung, mit Ereignissen des Lebens umzugehen (Attribution). Wer positive Geschehnisse internal, übergreifend und stabil attribuiert (bzw. negative Ereignisse external, spezifisch und temporär), praktiziert situativen Optimismus.

Warum haben Luthans & Co. gerade diese vier Bestandteile ausgewählt, um die Natur des PsyCap zu definieren? Jeder Bestandteil ist

  • theoretisch fundiert;
  • reliabel und valide messbar; und
  • im Zusammenhang stehend mit Konsequenzen wie Engagement, prosozialem Verhalten sowie verschiedenen Aspekten der Leistungsfähigkeit.

Daneben haben alle eine essentielle Eigenschaft: Sie lassen sich entwickeln: Sie stellen auf dem Kontinuum zwischen unveränderbaren Charaktereigenschaften und flüchtigen Zuständen einen Zwischenpol dar. Sie sind nachgewiesen zeitstabil, aber dennoch offen für Entwicklung. Vor diesem Hintergrund stellt PsyCap eine wertvolle Ressource da, auch und gerade in Zeiten der Krise: für den Menschen selbst, aber auch für die Organisationen, in welchen er sich einbringt.

Wie praktisch alle Ressourcen muss PsyCap kultiviert und entwickelt werden, damit es im Krisenfall in besonderem Maße zur Verfügung steht. Viele Organisationen werden jetzt erfahren, ob sie ihren Mitarbeitenden in Zeiten ruhigeren Fahrwassers den Raum und entsprechende Unterstützung gewährt haben. Wenn Sie noch mehr über die Natur von PsyCap und dessen Entwicklung erfahren möchten, empfehle ich Ihnen gerne dieses längere Interview mit meinem Kollegen Prof. Dr. Rüdiger Reinhardt, welches ursprünglich in meinem vorletzten Buch erschienen ist.

Ausblick

Ich weiß nicht, bei welcher Etappe Ihrer persönlichen Corona-Heldenreise Sie derzeit angelangt sind. Wenn ich mir die Nachrichtenlage anschaue, hat Deutschland, statistisch betrachtet, aktuell eher moderate Auswirkungen zu verzeichnen (was nicht das Leid der individuellen Krankheits- und Todesfälle relativieren kann und soll). Ich vermag nicht zu sagen, ob wir das Schlimmste schon überstanden haben, oder ob – wie es oft heißt – alles noch schlimmer werden muss, bevor es wieder besser werden kann.

Nur für den Fall, dass es noch schlimmer werden sollte, möchte ich Ihnen heute ein Lied schenken. Jene Menschen, die Fans von „How I Met Your Mother“ sind oder waren, werden es aus jener Szene kennen, in der Barney Robin nach langem Hin und Her den Heiratsantrag macht:

Never fear! No! Never fear! So, let your heart hold fast – for this soon shall pass. There's another hill ahead...
Fort Atlantic

Bleiben Sie gesund!

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Nachtrag:

* Bitte nicht falsch verstehen. Sport ist gut, Yoga ist gut, so vieles ist gut und hilfreich. MIr geht es darum, dass manche Menschen im Angesicht der Krise in einen Zustand der Hyperaktivität verfallen, der oft dazu dient, sich nicht mit Gefühlen wie Angst oder Trauer auseinandersetzen zu müssen.

About the author

Prof. Dr. Nico Rose
Prof. Dr. Nico Rose

Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelle Bücher: „Arbeit besser machen“ und "Führen mit Sinn". Laut Harvard Business Manager "einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.
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