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Ivo Bättig

Ivo Bättig

für Responsive Organisations

Holacracy-Praxis in a nutshell - Teil 6

Von Wolkenkratzer - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0
Gärtchen denken ODER Klarheit schaffen und das tun was Sinn macht?

Ein paar weitere wichtige Erkenntnisse aus unserer (Unic) Holacracy-Praxis in Kürze. Dies soll einen Einblick in diese grosse Veränderung geben und auch Fragen/Meinungen aufbringen, welche es in der neuen Organisation- und Arbeitsform zu diskutieren und lösen gilt.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5

Geschehen lassen

Lassen Sie auch Mal etwas geschehen im Wissen, dass Sie ein System und Mitarbeitende haben, welche durch das verantwortliche Handeln Lösungen finden werden – sogar auch Mal ohne Sie. Es braucht etwas Zeit die entsprechende Zuversicht zu bekommen, doch diese Verteilung der Kompetenzen ist ja einer der Gründe warum ich ein solches System einführe - nicht um wieder alles über meinen Tisch laufen zu lassen, sondern um Anderen zu ermöglichen an Ort und Stelle das Richtige zu tun. 

Unter Umständen werden auch Mal Sachen schieflaufen, doch davon sind auch andere Organisationssysteme nicht geschützt. Es geht darum Sachen auszuprobieren und aus den Fehlern zu lernen. Ohne diese Bewegungsmöglichkeiten entsteht keine lernende und dynamische Organisation. Holacracy bietet zudem viele Möglichkeiten, Schaden einzugrenzen und/oder gar nicht entstehen zu lassen - ich muss jedoch lernen wie ich diese Mittel effektiv nutzen kann (Metriken, Projekte, Actions, Checklisten, etc.).

Kein Gärtchen denken

Jede Rolle hat nebst einem Sinn & Zweck auch Verantwortlichkeiten. Diese Verantwortlichkeiten sind jedoch "nur" Erwartungen, welche man an eine Rolle haben kann. D.h. ich kann Tätigkeiten im Rahmen dieser Verantwortlichkeiten von der Person erwarten, welche diese Rolle besetzt. Jedoch, daher das "nur", schränken diese Verantwortlichkeiten alle andere Rollen nicht ein dieselben Tätigkeiten auch auszuüben (ausser diese werden durch eine Domäne geschützt). Solange es dem Sinn & Zweck der Rolle dient, darf sie diese Tätigkeiten durchaus auch ausüben. 

Somit grenzen wir Rollen nicht gegeneinander ab und schaffen die ach so geliebten Gärtchen, sondern wir tun das, was sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass jeder Rolleninhaber selber entscheiden kann, ob er auf die Rolle mit der entsprechenden Verantwortlichkeit zugeht oder die Aufgabe selber übernimmt (meist macht es Sinn, die Aufgabe der entsprechenden Rolle zu übergeben, doch manchmal auch nicht).

Durch diese Nicht-Abgrenzung bleibt mein System sehr flexibel und es versuchen nicht alle sich möglichst gegeneinander abzugrenzen. Viel mehr will ich laufend mehr Klarheit schaffen, wer für welche Tätigkeit eigentlich zuständig ist. Und dadurch entsteht wieder mehr Potential für Selbstorganisation.

Umgekehrte Beweislage

In Holacracy muss jede Spannung (siehe andere Praxis-Beiträge dazu) mit einem Vorschlag ergänzt werden. Dafür, und das macht es interessant Vorschläge zu machen, ist jeder Vorschlag per se Mal gültig. D.h. ich muss nicht zuerst ALLE von meinem Vorschlag überzeugen und danach den Vorschlag im nächst höheren Gremium einbringen, wo ich dann wieder ALLE überzeugen muss. 

Dadurch entstehen mehr Ideen/Vorschläge und das Organisationssystem passt sich laufend und schnell an. Und da alle Vorschläge machen können, nutze ich das Sensorium meiner ganzen Organisation. Dies ein paar weitere Gründe warum die Organisation deutlich agiler wird.

Jeder Teilnehmer hat jedoch die Möglichkeit klärende (klärend und nicht suggestiv) Fragen zu einem Vorschlag zu stellen und auf diesen auch zu reagieren. D.h. als Vorschlaggebender bekomme ich unter Umständen guten Input für meinen Vorschag und kann diesen auch abändern - oder auch einfach so stehen lassen. In einer drauffolgenden Einwandsrunde kann jeder Teilnehmer eventuellen Schaden erläutern, welcher durch den Vorschlag entsteht. Diese Einwände werden jedoch auf Gültigkeit geprüft und nur wenn tatsächlich Schaden entstehen kann (nicht nur wenn er vermutet wird oder der Vorschlag nicht vollständig ist oder die Person durch ihre Rollen gar nicht betroffen sein kann) ist der Einwand gültig. Falls der Einwand gültig ist erarbeitet der Vorschlaggeber zusammen mit dem Einwandbringer eine gemeinsame Lösung, welche dann wieder geprüft wird. Durch diesen Schritt habe ich als Vorschlaggeber eine Absicherung, dass ich nichts Vorschlage was tatsächlich schädlich wäre, aber ich habe gleichzeitig den Schutz, dass mein Vorschlag nicht durch eine beliebige Vermutung und nicht-betroffene Rolle vernichtet wird.

Über den Autor

Ivo Bättig
Ivo Bättig

Partner, Unic

für Responsive Organisations

Seit Jahren in "klassischen" Führungsfunktionen unterwegs und stets mit Fragen der Organisations- und Unternehmensentwicklung beschäftigt. Heute Partner bei Unic und überzeugt, dass die Digitale Transformation mehr als neue Technologien braucht - es gilt Organisationen und Arbeit anders zu leben.
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