Liliane Kuert

Liliane Kuert

for Arbeitswelten

Homeoffice - Auftanken durch Rückzug

Photo by Crew on Unsplash

Als ich kürzlich als Gastdozentin an der Berner Fachhochschule zum Thema Arbeit 4.0 unterrichtete, entbrannte unter den Teilnehmenden eine heftige Diskussion über die Notwendigkeit, den Mitarbeitenden zu ermöglichen, von Zuhause aus zu arbeiten. Ich war überrascht, wie wenig sich das Konzept bei Unternehmen bisher durchgesetzt hat, und dass es nach wie vor kontroverse Diskussionen auslöste.

Obwohl die Mehrheit der Teilnehmenden bestätigte, dass auch in ihrem Unternehmen Mitarbeitende regelmässig den Wunsch äusserten, sowohl zeitlich als auch örtlich flexibel zu arbeiten, wird diesem offensichtlichen Bedürfnis nur selten entsprochen.

Dabei wäre Homeoffice in sehr vielen Fällen ganz einfach umsetzbar und würde vielen Mitarbeitenden den (Arbeits-)Alltag erleichtern. Nicht nur spart man sich den Arbeitsweg, sondern kann auch einfacher notwendige Termine, wie beispielsweise Arztbesuche oder Behördengänge wahrnehmen. In der Regel scheitert die Möglichkeit zu Homeoffice nicht daran, dass sich das Aufgabengebiet nicht dafür eignete, sondern in der Angst vor Kontrollverlust der Vorgesetzten.

Persönlich schätze ich Homeoffice vor allem deshalb, weil ich in meinen ruhigen vier Wänden im Vergleich zum Mehrpersonen- oder Grossraumbüro oft sehr viel effizienter arbeiten kann. Als "Functional Introvert" habe ich mein Verhalten dem beruflichen Umfeld angepasst. Viele würden mich vermutlich als sehr extravertiert bezeichnen. Doch der Umgang mit der konstanten Reizüberflutung und die ständige Interaktion mit Menschen am Arbeitsplatz kosten mich viel Energie. Energie, die mir abends und an den Wochenende oft fehlt, um Freizeitaktivitäten nachzugehen.

Kann ich Zuhause arbeiten, ist das eine grosse Entlastung und bietet mir – zumindest für einzelne Tage – ein bisschen Schutz vor Reizüberflutung und zwischenmenschlichen Kontakten. So tanke ich die Energie, die ich an den andern Arbeitstagen im Büro benötige, um zu funktionieren. Und würde morgens der Entscheid einmal zu Gunsten des Bettes statt des Büros ausfallen, weil ich mich zwar nicht richtig krank, aber dennoch unwohl fühle, so arbeite ich eben von Zuhause aus, wenn ich ohne diese Möglichkeit vermutlich einen Krankheitstag verursachen würde. Und bevor sich nun bei den kritischen Leserinnen und Lesern unter Ihnen – und das ist hoffentlich die Mehrheit – Unmut breit macht, möchte ich gleich richtig stellen, dass wer krank ist, bitte nicht arbeiten und die Zeit zu genesen unbedingt einfordern sollte. Das tun wir heute viel zu selten.

Wenn also das nächste Mal eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den Wunsch äussert, gelegentlich oder regelmässig von Zuhause aus zu arbeiten, könnte dieser Wunsch bewusst oder unbewusst in einem Bedürfnis nach mehr Ruhe und Rückzug gründen. Und falls Sie als Vorgesetzte oder Vorgesetzter bisher eher kritisch gegenüber Homeoffice eingestellt waren, überlegen Sie sich doch einmal, worin Ihre ablehnende Haltung gründet. Die fehlende Fähigkeit, Vertrauen zu schenken hat übrigens viel mehr mit Ihnen als Führungsperson zu tun als mit Ihren Mitarbeitenden, die solche Situationen ausnützen könnten.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Teilen Sie es mir gerne mit!

About the author

Liliane Kuert
Liliane Kuert

Head of Human Resources, Stadt Thun

for Arbeitswelten

Wie schaffen Unternehmen den Sprung von der heutigen Arbeitswelt in die Zukunft? Ich sehe die Veränderungen der Digitalisierung als Chance für Mitarbeitende, ihren Wirkungs- und Entscheidungsspielraum auszubauen und von der menschlichen Ressource zum Value Creator zu werden. #EmployeeEmpowerment
Show more