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Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

für Karriere, Bewerbung und Führung

Hört auf, die Berufung zu finden

Bild: gratisography.com

Für einige Menschen ist die Suche nach Sinn und Erfüllung im Beruf zur unermüdlichen Lebensaufgabe geworden. Warum wir stattdessen wieder zu einem gesunden Maß für Zufriedenheit finden sollten.

Selbstverwirklichung steht heute bei vielen Angestellten ganz oben auf der Liste ihrer Karriereziele. Seminare und Ratgeber zu „So findest du deine Berufung“ boomen. Sich selbst zu verwirklichen bedeutet für die Berufungs-Sucher, selbstbestimmt den eigenen Träumen und Zielen zu folgen und endlich all das zu tun, was ihnen wirklich richtig liegt und wofür sie von ganzem Herzen brennen.

Die Berufung als heilbringende Erlösung von der heutigen Unsinnigkeit des Tuns und der täglichen Quälerei in unliebsamen Jobs: Langweiliges, Überforderndes, unfähige Chefs, nervige Kollegen, keine Wertschätzung, fehlende Perspektiven.

All das wäre dann endlich Geschichte, denn die passionierten Selbstoptimierer sind sich sicher: Haben sie einmal ihre Berufung gefunden, dann ist auch der Rest erfüllt: Erfolg und Geld, Passion und echte Hingabe, Glück und Freude, Anerkennung und Wertschätzung, Sinn und gesellschaftliche Wirksamkeit.

Tschakka, Du schaffst das auch!

Die Berichte über die neue Südsee-Bar des Ex-Konzernvorstandes, über die ehemalige Abteilungsleiterin, die jetzt Bloggerin ist, oder den früheren Fußball-Profi, der sein zweites Eiscafé eröffnet, suggerieren, dass es heute eigentlich ganz leicht ist, seine buntesten Träume zu realisieren.

Tschakka-Gurus mit ihren „Du musst es nur wollen, dann schaffst du es auch!“-Parolen tun ihr Übriges. Dabei sind sie selbst die größten Selbstverwirklicher auf der Suche nach dem schnellen Applaus aus der Masse ihrer Anhänger. 

So sehr Tschakka in diesem Moment in der Gemeinschaft frustriert Gleichgesinnter gut tut und so sehr die von der Bühne zugerufenen „Mach dein Hobby zum Beruf“-Parolen motivieren, so schnell verpufft das gute Gefühl auch wieder. Es braucht schließlich eine große Portion Selbstverantwortung jedes Einzelnen, um die Vielfältigkeit der individuellen Möglichkeiten überhaupt erst zu entdecken, aktiv neue Wege einzuschlagen und sich diese auch selbst erlauben zu dürfen.

Die Realität ist eine andere als sie im Scheinwerferlicht der Tschakka-Redner erscheint: Denn wieder angekommen im echten Leben ist Sicherheit für die meisten Menschen doch wichtiger als Freiheit oder der Umzug mit der Familie kommt einfach nicht in Frage, um endlich den eigenen Traum zu leben. „Tschakka, Du hast die Wahl!“ wäre wohl die bessere, wenn auch weniger sexy klingende Botschaft.

Das Geschäft mit der Berufung boomt

Über 2.000 Produkte listet Amazon zum Begriff „Berufung“. Knapp 32.000 Einträge findet Google zu „Berufungscoaching“, sogar ein Zertifikatslehrgang zum Berufungscoach ist darunter. Das Geschäft mit der Berufung boomt, Tendenz stark steigend. Die Zahlungsbereitschaft der Berufung Suchenden wächst, je stärker die in der zunehmend komplexen und dynamischen Arbeitswelt empfundene Unzufriedenheit und die Sehnsucht nach dem Neuen werden.

Hinzu kommt: Die Treue zum eigenen Arbeitgeber lässt immer mehr zu wünschen übrig. Zwei Drittel machen nur Dienst nach Vorschrift, 15 Prozent haben sogar schon innerlich gekündigt. Besonders viele Vertreter der jungen Generationen Y/Z scheinen heute der Meinung zu sein, Karriere müsse ihnen Sicherheit und Halt sowie gleichzeitig ständige Herausforderung, Abenteuer und bunte Abwechslung mit einer großen Portion Feelgood bieten. Passt es nicht mehr, geht es für sie einfach fix zum nächsten Arbeitgeber.

Flucht aus dem alten Job oder echte Lust auf Neues?

Die meisten meiner Klienten mit Anliegen zur beruflichen Neuorientierung kommen zu einem Zeitpunkt zu mir, zu dem die Kündigung bereits auf dem Tisch liegt oder ein Weiter-so gesundheitlich nicht mehr funktioniert. Ihnen allen geht es um ein Weg-von statt um ein Hin-zu. Die bewusste Aufgabe des bisherigen Jobs zur Realisierung neuer, attraktiverer Wege ist die absolute Ausnahme.

Wer es dabei nicht schafft, den Wunsch nach Flucht vor dem Alten in echte Neugierde auf Neues zu verwandeln, der verharrt am Ende unzufrieden im Status Quo oder erlebt das Neue lediglich als zweite Wahl – das Ziel der wirklichen Berufung unerreicht weiter im Blick.

Jegliche in der knappen Freizeit aufgetankte Energie wird investiert in die eigene Selbstoptimierung und die unermüdliche Suche nach dem Undefinierbaren, das endlich ein Ankommen im Beruf verspricht. Sie stecken fest in einer Denkschleife aus latenter Unzufriedenheit, rastlosem Veränderungsdrang und der Ohnmacht, in diesem gewohnten Zustand doch keinen Schritt in die gewünschte Richtung zu kommen.

Dass sie in dieser Berufungs-Trance die eigenen Erfolge und schönen Momente im Hier und Jetzt verpassen, das bemerken viele von ihnen nicht. Sie haben vergessen, was sie in den letzten Jahren im Beruf erfahren und erreicht haben. Der für ihre weitere berufliche Entwicklung so wichtige Blick auf die eigenen Stärken und Talente ist ihnen längst abhandengekommen. 

Wir benötigen wieder ein gesundes Maß für Zufriedenheit

Ich persönlich kann nichts mit dem Begriff "Berufung" anfangen. Das ist mir zu hoch und un(be)greifbar. Ich assoziiere hiermit zudem eine Haltung der Passivität, nur darauf warten zu müssen, bis irgendeine Berufung vom Himmel fällt und mich endlich finden wird. 

Ich übe als Coach heute einen Beruf aus, der mir große Freude macht, den ich als sinnstiftend erfahre und der mir die Freiheit gibt, die mir im Leben wichtig ist. Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung der letzten Jahre und ich bin neugierig auf das, was kommen wird. Dass ich meine Berufung gefunden habe, wie es manche meiner Klienten empfinden, klingt für mich nicht stimmig.

Ich bin der Meinung, es täte unserer Gesellschaft gut, wieder zu einem gesunden Maß für Zufriedenheit zu finden. Es ist gut und wichtig, die verlockenden Möglichkeiten im Garten Eden der heutigen Ausbildungs- und Arbeitslandschaft chancenorientiert zu entdecken, doch es ist auf Dauer ungesund, nur hinauf auf die perfektesten Äpfel und den grünsten Rasen in Nachbars Garten zu schielen.

Zudem erlebe ich bei der Arbeit insbesondere mit jungen Menschen, dass manche von ihnen aufgewachsen in einem behüteten Lebensumfeld und bis zum Master verschulten Bildungssystem das Klettern am Baum verlernt haben und stattdessen erwarten, dass jemand für sie an ihm rüttelt, ihnen die Berufung in den Schoß fällt und endlich alles gut wird.

Zufriedenheit ist keine Second-best-Lösung aus Resignation über das Unerreichbare. Sie ist vielmehr eine gesunde Haltung, die jeder individuell für sich und sein Leben einnehmen kann.

Zufriedenheit ist die Gelassenheit, die positiven Seiten des Heute bewusst zu erleben, Chancen von morgen zu erkennen und sie selbstbestimmt ergreifen zu dürfen.

Es geht aus meiner Erfahrung nicht um diese eine, riesig große Stellschraube "Berufung", sondern um die vielen kleinen Schräubchen in unserem täglichen Alltag, an denen wir alle als Chef unseres eigenen Lebens leicht selbst drehen können, um im Beruf und auch im Leben etwas in eine gewünschte positive Richtung zu verändern.

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Weitere Kolumnen und Impulse rund um Karriere, Bewerbung und Führung lesen Sie in meinem Karriere-Blog "Perspektivwechsel" auf www.bernd-slaghuis.de.

Über den Autor

Dr. Bernd Slaghuis
Dr. Bernd Slaghuis

Karriere- und Business-Coach, www.bernd-slaghuis.de

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis steht für eine neue Sicht auf Karriere, Bewerbung auf Augenhöhe und Führung mit gesunder Haltung. Er ist WELT-Kolumnist, Autor und Redner, sein Blog "Perspektivwechsel" ist einer der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs. Er arbeitet als Karriere- und Business-Coach in Köln.
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