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Mag. julia weinzettl

Mag. julia weinzettl

für future - innovation - trends

KarmaKitchen - die Rückbesinnung auf Werte nimmt die Angst vor der unbestimmten Zukunft

Was wäre wenn nach einem exzellenten Essen in einem Restaurant auf der Rechnung Null Euro stehen würde? Und was, wenn du herausfindest, dass eine Person, die vor dir hier gegessen hat, deine Rechnung bezahlt hat? Würdest du dann für jemanden bezahlen, der nach dir ißt? Viele Menschen würden das tun, da die Einladung sie mit einem warmen Gefühl der Dankbarkeit für das ausgezeichnete Essen erfüllte, aber noch mehr Dankbarkeit empfänden sie für den Fremden, der sie anonym auf diese Mahlzeit einlud.

KarmaKitchen ist der Name eines solchen Restaurants und existiert international an 23 Orten, agiert aber auch immer wieder in Popup-Küchen wie zuletzt in Wien bei www.markhof.wien, gekocht von Sebastian Müller, www.nasesiebzig.com und der unglaublichen Crowd der Dreamacademia.

Special Guest Nipun Mehta ist der Gründer von KarmaKitchen, aber auch von vielen anderen ehrenamtlichen Initiativen wie ServiceSpace, kindspring, dailygood, einem Netzwerk, das mittlerweile mehr als 500 000 Mitglieder umfasst und kostenlose Dienstleistungen in Millionenhöhe durchführte. Von Anfang an lag der Fokus dieser Bemühungen auf der inneren Veränderung, die entsteht, wenn Menschen anfangen selbstlos zu handeln. Nipun Mehta erhielt mehrfache Auszeichnungen, darunter den Dalai Lama's Unsung Hero of Compassion Award und wurde 2015 von Präsident Obama in das Council on poverty and inequality berufen. Seine Arbeit ist im ‘Jetzt’ - und doch hat er ein klares Bild davon, wie weitaus wichtiger in Zukunft die Erdung und die Besinnung auf die eigenen Grundwerte sowie Änderungen des Bildungsystem notwendig sein werden, um das Terrain der unbekannten Zukunft zu meistern. Eine Zukunft, in der die Arbeit neu definiert wird, da wir keine Erfahrung haben, in einem Umfeld zu arbeiten, das aus sehr unterschiedlichen Playern wie künstlicher Intelligenz, erweiterten Menschen und einem ganzen Bereich der Biotechnologie besteht.

Interview von Julia Weinzettl

Ihr wart zu viert und habt mittlerweile ein internationales Ökosystem aufgebaut, das von Freiwilligen geleitet wird, um der Welt mehr Güte und Freundlichkeit zu bringen. Was war die anfängliche Intention?

Nipun Mehta: Service Space hat nie wirklich versucht, sich selbst zu erschaffen. Es ist einfach passiert. Wir begannen 1999 im Silicon Valley, wo Gier in der Luft lag. Jeder gründete Dotcom-Unternehmen und träumte davon, es für Millionen zu verkaufen. Wir wollten etwas anderes machen. Wir waren vier Leute, die ohne Bedingungen Gutes tun wollten. Wir gingen in ein Obdachlosenheim, um Hilfe anzubieten. Da wir nicht genau wussten, wie wir helfen sollten, boten wir ihnen an, eine Website zu erstellen, denn das war unsere Expertise. Ich war ein Physiker aus dem Silicon Valley, und damals wusste niemand, was eine Website ist. Es war sehr innovativ. Also mussten wir den Leuten aus dem Obdachlosenheim erstmal erklären, was eine Website ist und sie von den Vorteilen überzeugen. Einmal gab mit eine Frau einen Schraubenzieher und sagte: Ihr seht wie gute Leute aus, hier ist ein Schraubenzieher, hier ist mein Computer, ihr könnt alles einbauen, was ihr wollt. (Nipun lächelt) Als ich sagte: Nein, wir machen es von zu Hause aus, runzelte sie die Stirn und fragte: Was für eine Art von Freiwilligenarbeit ist das?

Das war der Start einer Revolution und als Nebeneffekt hast du einen Markt für Volontäre bei der Entwicklung von Websites entwickelt?

Nipun Mehta (lacht): Ja. Irgendwie schon. So hat es angefangen. Wir bekamen bald eine Menge Presseberichterstattung, denn damals war es noch nicht üblich, sich einfach zu engagieren und nicht nach einem Weg zu suchen, unseren Service zu monetarisieren. Wir bauten nicht einmal eine gemeinnützige Organisation oder einen Verein auf, es war einfach Liebe. Und es wuchs. Tausende von Freiwilligen nahmen sich eine Auszeit von ihren Jobs - auch wenn es nur für ein paar Stunden pro Woche war - und halfen mit bei der einfachen, schnörkellose Idee, NGOs beim Aufbau von Websites zu helfen. Es wurde nichts verrechnet, und nichts bezahlt. Alles war unentgeltlich.

Auf diese Art entstand ein riesiges Netzwerk von Volontären....

Nipun Mehta: In den nächsten zehn Jahren setzten wir kostenlose Dienstleistungen in der Höhe von mehreren Millionen um und bauten unsere Programme organisch zu über einem Dutzend Kernprojekten aus. Mehr als 500 000 Benutzer registrierten sich als Mitglieder. Wir hatten nie die Absicht, eine Organisation zu gründen oder einen systemischen Wandel herbeizuführen.

Wir hatten keine Pläne, keine Agenda, keine Strategie, und doch ist alles entstanden. Wie das Taschenlampen Prinzip. Wenn man mit einer Taschenlampe auf Punkt Z leuchtet, sieht man Punkt A, B oder C nicht. Aber wenn man einen Schritt macht, sieht man den nächsten Punkt und dann den nächsten und den nächsten. Ich hätte nie gedacht, dass wir in 20 Jahren dorthin kommen würden, wo wir uns heute befinden. Aber hier sind wir. Es ist nur ein kleiner Schritt nach dem anderen.

Wie kann man Teil dieses Netzwerks werden?

Nipun Mehta: Du kannst jemanden mit einer Smile Card taggen, dich für DailyGood anmelden, bei einem ServiceSpace-Projekt volontieren, eine Veranstaltung mit Alltagshelden veranstalten oder du lässt dir eine Tat der Güte und der Freundlichkeit einfallen. Wenn wir Gutes tun, bleiben wir in Verbindung.

Hast du einen Plan, wohin die Zukunft führen wird?

Nipun Mehta (lacht): Die wahre Antwort ist nein. Aber wenn du willst, dass ich intelligent klinge, kann ich dir ein paar Antworten geben.

Vielleicht nur eine Idee?

Nipun Mehta: Eines der Dinge, über die ich mich sehr freue und die bald auf den Markt kommen wird, ist die Idee der verschiedenen Formen von Kapital. Wir glauben, dass Reichtum gleich Geld ist, aber es gibt zahlreiche andere Formen von Reichtum. Wir haben viele Systeme, die die Räder des Geldes in Bewegung halten, so viele Märkte, Derivate, Menschen, die auf alle möglichen Arten handel treiben. Wir haben bisher noch nicht wirklich damit begonnen, das mit anderen Formen von Kapital wie Zeit, Gemeinschaft, Natur oder Aufmerksamkeit zu tun. Es gibt eine Million verschiedene Arten von Kapital.

Wie kann man diese verschiedenen Formen des Kapitals einsetzen?

Nipun Mehta: Wir wollen einen Marktplatz schaffen, der mehrere Formen von Kapital als Zahlungsmittel akzeptiert.

Wie könnte das aussehen?

Nipun Mehta: Sagen wir zum Beispiel, ich mache eine kleine Mütze. Für die Herstellung und den Verkauf einer Mütze könnte ich finanzielles Kapital bekommen, und ich brauche auch finanzielles Kapital für einen bestimmten Prozentsatz. Normalerweise, wenn man etwas online kauft, wählt man beim Abschluss des Kaufes zwischen verschiedenen Zahlungsarten wie Kreditkarten, Paypal oder anderen finanziellen Zahlungsoptionen. Aber es könnte auch eine Liste von alternativen Zahlungsoptionen geben, die andere Möglichkeiten bietet, zu dieser Mütze beizutragen.

Welche Optionen könnten das sein?

Nipun Mehta: Man kann sagen: Ich bin bereit, Gemeinschaftskapital für meine Mütze zu erhalten. Also mache einen Akt der Güte und der Freundlichkeit, erzähle dir die Geschichte und du bist glücklich damit. Oder du könntest sagen: Ich will Meditationskapital. Also meditiere ich eine Stunde lang, schreibe eine Reflexion und schicke sie dir. Oder Du willst in Form von Güte und Freundlichkeitskapital bezahlt werden. Also mache einen Akt der Güte und Freundlichkeit mit deinen Kindern und schicke dir ein Foto. All diese Dinge haben einen Wert. Und die handgestrickte Mütze hat auch einen gewissen Wert, es muss aber nicht immer ein finanzieller Wert sein. Stell dir vor, all diese anderen Optionen gäbe es zur Auswahl - wie schön würde das aussehen?

Der Gedanke, dass man nichts als Gegenleistung für sich selbst will, schafft eine wundervolle Verbindung. 
Ich denke, es gibt viele Menschen, denen diese Verbindung wichtiger ist als das finanzielle Kapital. Und ich denke, dieses Portal wird das ermöglichen. Die Idee ist nicht der Handel mit Gefälligkeiten und damit ein Handel in alternativen Währungen. Sondern in die Gemeinschaft Liebe und Güte einzubezahlen und diesem Prozess zu vertrauen.

Wie kam diese Idee zustande?

Nipun Mehta: Viele Leute fragten uns wo sie ihre Gaben teilen könnten. Im Moment gibt es keine Möglichkeit diese Geschenke zu verteilen, da unsere Marktwirtschaft das nicht vorsieht. Auf diese Art können wir diese wundervollen Gaben in der Gesellschaft in Umlauf bringen. Das ist etwas, worüber ich mich sehr freue und von dem ich denke, dass es ein echter Game Changer wird.

Denkst du, dass das bedingungslose Grundeinkommen in diesem Prozess helfen könnte? Es könnte eine Möglichkeit sein, die Wahrnehmung der Wertigkeit der Arbeit zu ändern, die im Moment meistens darüber bestimmt wird, wieviel Geld jemand verdient. Menschen könnten plötzlich daran gemessen werden, wie viel sie zur Gesellschaft beitragen.

Nipun Mehta: Ich denke, bedingungsloses Grundeinkommen wird nur deshalb kommen, weil Roboter unsere Arbeit übernommen haben. Das ist schon jetzt die Hauptmotivation vieler sich mit diesem Thema zu befassen. Ich glaube nicht, dass es darum geht, Menschen gleich zu machen oder den Menschen Raum zu geben ihre Leidenschaft zu leben. Ich vermute bedingungsloses Grundeinkommen wird als Abwehrmaßnahme kommen. Wir sehen schon jetzt, dass die Digitalisierung viele Arbeitsplätze abschafft und das ist erst der Anfang. Bedingungsloses Grundeinkommen klingt gut, und ich denke, es wird notwendig sein. Aber es ist nicht so, dass wir armen Menschen anbieten, lebendig zu werden. Deshalb müssen wir letztendlich das Mindset und das Herz der Menschen ändern, wenn wir eine wirklich revolutionäre Sichtweise auf das Leben haben wollen.

Wie werden wir das erreichen?

Nipun Mehta: Die Besinnung auf unsere wichtigsten Werte wird immer wichtiger. Bis zu einem gewissen Punkt in der Geschichte der Menschheit ging es nur ums Überleben. Nun, da Überleben in vielen Teilen der Welt gegeben ist, stellt sich die Frage nach unserem Sinn und unserer Bestimmung. Auf der einen Seite steht die Macht und auf der anderen Seite die Bedeutung. Je mehr Macht wir haben, desto mehr beherrschen wir mit unserer Technologie die Natur, desto weniger klar ist die Bestimmung. In Zeiten, in denen wir weniger Macht hatten, schufen wir Geschichten und Mythen, die uns halfen, eine Welt zu steuern, die wir nicht im Griff hatten - wie der Gedanke, dass das Wetter von den Göttern kontrolliert wird. Jetzt gibt uns der Aufstieg der Technologie Kontrolle über viele Dinge, und da wir mehr kontrollieren, sehen wir den ernsten Mangel an Bedeutung. Aber es kommen einige Aufgaben auf uns zu wie beispielsweise, dass Arbeit im kommenden Jahrzehnt völlig neu definiert werden wird, da wir viele offene Fragen haben, auf die wir Antworten finden müssen.

Was sind das für Fragen?

Nipun Mehta: In unserem Arbeitskontext wissen wir nicht, was es bedeutet, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem man mit sehr unterschiedlichen Playern wie künstlicher Intelligenz, erweiterten Menschen und einer ganzen Arena der Biotechnologie zusammenarbeitet. Wir haben keinerlei Erfahrung, auf die wir zurückgreifen können. Unser Bildungssystem soll uns auf eine bekannte Zukunft vorbereiten, es bereitet uns nicht auf das Unbekannte vor. Mit der Geschwindigkeit der exponentiellen Veränderung stehen wir bald vor einer unbekannten Zukunft. Und keine Zukunft von 50 Jahren, sondern eine unbekannte Zukunft von fünf Jahren. Vor zehn Jahren hatten wir kein Whatsapp, es fing gerade erst an. Was sich in der kurzen Zeit entwickelt hat, hätten wir nie vorhersagen können. Wir sind fast an einem Punkt, an dem wir vor einer unbekannten Zukunft stehen, aber wir haben eine Bevölkerung, die ausgebildet ist, mit dem Bekannten umzugehen. Bald erreichen wir den Punkt, an dem die Personen, die für Jobs nötig werden, Personen sind, die in der Lage sind, mit Unbekanntem umzugehen. Ich glaube nicht, dass wir genügend Leute haben, die wissen, wie man das Unbekannte geschickt navigiert, weil es dafür kein Rezept gibt.

Hier kommen Erdung und Werte ins Spiel.

Nipun Mehta: Mit einem gut verankerten Set an Grundwerten wird es möglich sein, sich mit dem Unbekannten zurecht zu finden.

Welche Möglichkeit haben wir unser Bildungssystem dahingehend zu verändern?

Nipun Mehta: Der frühere Bildungsprozess basierte auf dem Gedanken, dass Schüler leere Eimer sind, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Ein anderer Ansatz könnte sein, über Bildung als das Anzünden einer Kerze nachzudenken, die die Flamme im Inneren erhellt. Diese Flamme ist schon da, sie muss nur angezündet werden, und dann wird sie ihr Ding machen.

Es ist nicht so, dass wir bankrott geboren wurden, und all diese Bildung muss in uns hineingeschüttet werden, damit wir etwas wissen. Es geht darum, zu helfen, das zu erwecken, was bereits da war.

Es dauerte 38 Jahre bis das Radio 50 Millionen Nutzer erreichte, das Fernsehen benötigte 13 Jahre, das Android-Betriebssystem 18 Monate - die Zeitleiste schrumpft und schrumpft. Es geht so schnell, dass ich glaube, der einzige Weg, sich in der Veränderung zurecht zu finden, ist ein Fundament von Werten zu haben und zu verstehen, dass Lehren nicht das Füllen eines leeren Eimers ist, sondern das Wiederaufflammen dieser inneren Flamme. Das stimmt mich optimistisch für die Zukunft.

About:

Nipun Mehta ist der Gründer von ServiceSpace, einem Inkubator von Projekten, der an der Schnittstelle von Freiwilligenarbeit, Technologie und gift-economy arbeitet. Was als Experiment mit vier Freunden im Silicon Valley begann, hat sich mittlerweile zu einem globalen Ökosystem von über 500.000 Mitgliedern entwickelt, das Millionen von Dollar kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Nipun erhielt viele Auszeichnungen, darunter den Jefferson Award for Public Service, den Wavy Gravy's Humanitarian Award und Dalai Lama's Unsung Hero of Compassion. Im Jahr 2015 berief ihn Präsident Barack Obama in einen Rat über Armut und Ungleichheit. Nipun wird regelmäßig eingeladen, seine Botschaft des "Giftivismus" an ein breites Publikum weiterzugeben, von der innerstädtischen Jugend in Memphis über Akademiker in London bis hin zu internationalen Würdenträgern bei den Vereinten Nationen; seine Rede auf der UPenn im Mai 2012 wurde von Millionen gelesen. Er ist Mitglied im Beirat der Seva Foundation, der Dalai Lama Foundation und des Greater Good Science Center.

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Über den Autor

Mag. julia weinzettl
Mag. julia weinzettl

Founder/Blogger/Influencer, taskfarm knowledge gmbh

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Technische und Business Modell Innovationen verändern unsere Arbeit und dadurch auch unsere Gesellschaft. Meine Interviewserie mit Movers, Makers und Game Changers zeigen Veränderungen in unserem Arbeitsleben auf und bieten einen Ausblick auf zukünftige Trends, Entwicklungen und Berufsbilder.
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