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Nadine Schön

Nadine Schön

für Digitalpolitik

Künstliche Intelligenz: Die Macht erwacht?

Foto: Tobias Koch

„Wer die Führung bei der künstlichen Intelligenz übernimmt, wird die Welt regieren“, hat Russlands Präsident Wladimir Putin im vergangenen Jahr prophezeit. Ob diese Vorhersage tatsächlich so eintreten wird oder ob es sich doch eher um eine Übertreibung handelt, wird die Zukunft zeigen.

Fakt ist aber, dass KI international zunehmend als ökonomische Ressource und politischer Machtfaktor betrachtet wird. So hat sich ganz im Sinne einer staatlichen Planwirtschaft die Volksrepublik China bereits auf die Fahne geschrieben, Beherrscher der Welt zu werden. Bis 2030 strebt China die Weltmarktführerschaft im Bereich der KI an. Dafür sollen private und militärische Investitionen in dieser Technologie gebündelt werden. Gleichzeitig setzt das Land bereits zur Überwachung der eigenen Bevölkerung ein System wie das „social scoring“ ein. So wird digital überwacht, wer sich richtig und wer sich falsch verhält. Negatives Verhalten wird bestraft. Höchste Zeit für uns Europäer also, das Thema ganz oben auf unsere politische Agenda zu setzen.

Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz

Damit wird auch deutlich, dass KI zu einem „Hype-Thema“ geworden ist, das längst die wissenschaftlichen Sphären hinter sich gelassen hat. Schon heute benutzen wir fast alle KI. Zumeist unbewusst, beispielsweise in der Bild- und Spracherkennung. „Siri“ im iPhone, „Alexa“ von Amazon oder der Google-Übersetzer sind Beispiele aus der Praxis. Eine KI mit menschenähnlichen Fähigkeiten ist und bleibt jedoch Zukunftsmusik. Und dennoch löst gerade dieser technologische Fortschritt und die abstrakte Idee von KI bei vielen Menschen Unbehagen aus: Kann ich noch mithalten? Wird meine Arbeit durch Technik ersetzt? Wie selbstbestimmt kann ich noch agieren? Wir müssen die Sorgen der Menschen im Blick haben. Leider wird in Deutschland aber zu viel über die Gefahren gesprochen. Damit versperren wir uns zu häufig den Blick auf die Potenziale. Und die sind enorm.

Beispiel Mobilität: KI wird künftig nicht nur beim Steuern des Fahrzeugs zum Einsatz kommen und damit für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Durch eine intelligentere Planung in der Logistik oder des Verkehrsflusses können auch Fahrtzeiten verkürzt und Einsparungen beim Ausstoß von Abgasen erzielt werden. Wie oft stellt man bei einer Fahrt im Berufsverkehr durch die Stadt fest, wie wenig intelligent die Ampelschaltung ist.

Auch im Bereich der Medizin gibt es erfolgversprechende Ansätze. Die Fortschritte der Bilderkennung ermöglichen beispielsweise eine schnelle und präzise Auswertung von Bilddatenbanken. Hier steht die Anwendung sicher noch in den Kinderschuhen, seien es Smartphone-Apps zur Erkennung von Veränderungen der Haut oder von Augenkrankheiten.

Die Vorteile der Technik liegen auf der Hand. Aber KI ist immer ein Werkzeug und so kann sie für zahlreiche gute Einsatzmöglichkeiten genutzt, sie kann aber auch missbraucht werden. Das Übel kommt nicht von den Geräten, sondern von den Menschen, die sie anwenden. Das erwähnte Beispiel aus China ist hier nur ein mögliches Negativ-Szenario.

Ein weiteres Risiko ist es, wenn KI „lernt“ zu diskriminieren oder Meinung gezielt zu beeinflussen. So fiel bei dem Schönheitswettbewerb „Beauty.ai“ beispielsweise auf, dass die Preisträger überwiegend weiß waren, nur wenige sahen asiatisch aus oder hatten eine dunkle Hautfarbe. Diese Diskriminierung durch Algorithmen hat das dahinterliegende Problem aufgezeigt. Der Entwickler räumte ein, dass er der Software zum Lernen nicht genügend Bilder nicht-weißer Menschen zur Verfügung gestellt hatte.

Besteht politischer Handlungsbedarf?

In Anbetracht dieser Risiken stellt sich für uns als Politik die Frage: Was müssen wir tun, damit auch wir in Europa die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Chancen, die sich durch KI ergeben, ergreifen können aber gleichzeitig kluge Antworten auf die Herausforderungen gegeben werden können?

In erster Linie brauchen wir dafür einen breit angelegten gesellschaftlichen Dialog über die Bedeutung von KI für unsere Gesellschaft, den Staat und die Wirtschaft. Deshalb haben wir uns von parlamentarischer Seite entschlossen, eine Enquete-Kommission KI im Deutschen Bundestag einzusetzen. Hier wollen wir gemeinsam mit Expertinnen und Experten konkrete Vorschläge für die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger erarbeiten und damit neue Impulse für die Verwendung von KI in unserem Land setzen. Wir wollen den technologischen Wandel auf Grundlage unserer gesellschaftlichen und kulturellen Werte gestalten.

Im Koalitionsvertrag haben wir des Weiteren beschlossen, eine Datenethikkommission einzusetzen. Diese soll ethische Leitlinien im Umgang mit Daten für den Schutz des Einzelnen und die Sicherung des Wohlstands im Informationszeitalter entwickeln. Ziel ist es, dass sie innerhalb eines Jahres der Bundesregierung Empfehlungen oder Regulierungsoptionen vorschlägt, wie die ethischen Leitlinien implementiert und beaufsichtigt werden können.

Bildung und Forschung – Schlüsselfaktoren für Innovation

Aber auch Bildung und Forschung sind weiterhin zentrale Faktoren, wenn es gilt Wege zu finden, mit der technologischen Entwicklung umzugehen.

In der Schule brauchen wir in Zukunft mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. IT- und digitale Kenntnisse gehören im 21. Jahrhundert dazu. Es geht aber nicht nur um die reine Anwendung digitaler Möglichkeiten. Es geht darum, die elementaren Grundlagen der Informationstechnologie und auch von KI zu verstehen, vernetzt zu denken und zu arbeiten und mit Hilfe digitaler Möglichkeiten Probleme zu lösen. Es geht darum, digitale Systeme zu verstehen und sie möglichst souverän und selbstbestimmt zu nutzen.

Wichtig ist, dass wir die digitale Bildung als einen fortlaufenden Prozess verstehen, als lebenslanges Lernen. Denn die Digitalisierung ist ein dynamischer und entwicklungsoffener Prozess. Es kann heute noch keine Blaupause für die nächsten zehn Jahre geben.

Im Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde darüber hinaus bereits in der letzten Legislaturperiode die „Plattform Lernende Systeme“ eingerichtet. Dort erarbeiten Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Strategien zum Umgang mit KI auf unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

Neben ethischen und rechtlichen Aspekten im Umgang mit KI, geht es dort u.a. auch um die Frage, wie wir Forschungsergebnisse in Deutschland besser in Geschäftsmodelle umsetzen können. Denn eines ist ganz klar: Mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), sowie den Instituten der Fraunhofer Gesellschaft, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen, sind wir in der Grundlagenforschung zu KI bereits gut aufgestellt.

Ein innovationsfreundliches Umfeld schaffen

Doch bei der wirtschaftlichen Verwertung von Forschungsergebnissen, haben wir den Anschluss an die USA und China längst verloren. Auch dafür werden wir Antworten finden müssen. Neben einer stärkeren Forschungsförderung, die wir zusammen mit unseren europäischen Partnern auflegen müssen, müssen wir hier auch ein innovationsfreundliches Umfeld schaffen.

Das ergibt sich in erster Linie durch ein hervorragendes Ökosystem für digitale Innovationen insgesamt. Startups gelten gemeinhin als Pioniere in Sachen Innovationen. Wir brauchen also viele Gründungen, um auch im Bereich KI weiter voranzukommen. So haben wir in der Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in den letzten Jahren viel gemacht. Sie ist in Deutschland inzwischen sehr vielfältig: KfW-Förderdarlehen, INVEST-Zuschüsse, Hightech-Gründerfonds oder EXIST-Programme. Mit einem großen nationalen Digitalfonds wollen wir gemeinsam mit der Industrie jetzt noch für das nötige Kapital in der Wachstumsphase sorgen.

Problematisch sind für viele Gründer die hohen bürokratischen Hürden. Wir wollen Gründen leichter machen: One-Stop-Shop ist das Ziel. Dafür muss die Verwaltung digitaler und kundenorientierter sein. Hier wollen wir mit dem Bürgerportal ansetzen und viele Abläufe digital gestalten. Bereits im Herbst 2018 wird das digitale Portal in vier Bundesländern starten.

Und – ganz wichtig: Gründergeist kommt nicht von alleine, sondern muss vorgelebt werden. Von der Schule bis zum universitären Spin-Off brauchen wir eine positive Einstellung zu Unternehmertum.

Große Datenmengen

Und auch das beste Ökosystem nutzt nichts, wenn es keinen vernünftigen Zugang zu und Umgang mit großen Datenmengen gibt. Ausreichende Datenmengen für das Training von KI werden zukünftig vorhanden sein. Aber wie regulieren wir den Umgang damit?

Leider ist jetzt schon klar, dass die DSGVO quasi mit ihrer Geltung nicht mehr den aktuellen Entwicklungen entspricht. Neue Technologien, wie KI, Blockchain oder Big Data werden zu wenig berücksichtigt. Und es gilt auch über neue Möglichkeiten des Datenschutzes nachzudenken. Deswegen müssen wir bereits jetzt anfangen, über eine Evaluation zu sprechen. Wer die Abläufe in Brüssel kennt, weiß wie langwierig diese sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir im Koalitionsvertrag vereinbart haben, ein Innovationsboard auf EU-Ebene einzurichten, um konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung der Datenschutzregeln in Europa zu erarbeiten.

Fazit

Es ist für Deutschland, aber auch Europa insgesamt ein Standortvorteil, wenn wir den Einsatz von KI in Einklang mit unseren ethischen Grundsätzen und verfassungsrechtlichen Werten bringen. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass die EU-Mitgliedstaaten hier gemeinsam an einer KI-Strategie arbeiten. Und wir müssen schnell agieren.

Angesichts der weiterwachsenden Datenmengen und der immer größeren Leistungsfähigkeit sind in immer kürzeren Abständen weitere Durchbrüche im Bereich der KI zu erwarten. Damit diese Durchbrüche in Deutschland möglich sind, müssen wir die richtigen Weichen stellen – auch und gerade auf politischer Ebene. Der Koalitionsvertrag ist eine gute Grundlage, damit Deutschland ein weltweit führender Innovationsstandort auch für KI wird. Als Politik werden wir die weitere Entwicklung von KI im Blick haben. Stets unter der Maxime, dass die Technik dem Menschen dienen muss.

Über den Autor

Nadine Schön
Nadine Schön

Stellvertretende Vorsitzende, CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

für Digitalpolitik

Nadine Schön ist Digital- und Familienpolitikerin im Deutschen Bundestag und verantwortet seit 2014 diese beiden Bereiche als Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion. Als Xing-Insiderin nimmt sie hier insbesondere zu aktuellen digitalpolitischen Themen Stellung.
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