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Thomas Müller

Thomas Müller

für Digitalisierung, Mensch & Technik

Macht die Digitalisierung Führungskräfte überflüssig?

Bildrechte: © anyaberkut – Fotolia; #180954219

Die fortschreitende digitale Transformation bedeutet auch selbst entscheidende Algorithmen, digitale Prozesse und Strukturen, agile Teams sowie projektbasiertes, eigenverantwortliches Arbeiten. Brauchen wir überhaupt noch Führungskräfte?

Beim Begriff der Digitalisierung denken die meisten in erster Linie an Technologien wie Industrie 4.0 oder Big Data. Es geht dabei jedoch um viel mehr: Es ist ein Wandel, der Märkte, Branchen und in erster Linie Unternehmensstrukturen zwangsläufig und nachhaltig verändert.

Doch diese, hinsichtlich Wettbewerbsfähigkeit notwendige Entwicklung wird häufig von Führungskräften selbst ausgebremst. So bestätigt die Studie „Leadership in der digitalen Welt – wo stehen die deutschen Unternehmen?“ aus 2016 von Boyden Global Executive Search, dass gerade das Mittlere Management den größten Widerstand bei der Implementierung digitaler Konzepte im Unternehmen leistet.

Ist es die Angst um ihre Rolle, die sie dabei umtreibt?

Welche Ängste stecken dahinter

Klar ist, dass künftig viele geschäftsrelevante Entscheidungen mehr und mehr von Algorithmen getroffen werden. Dabei wird diese Technologie nicht nur in Fabriken zum Einsatz kommen (Stichwort „Industrie 4.0“), sondern auch bei beratenden und administrativen Tätigkeiten. Beispielsweise übernehmen KI-Routinen bereits heute zahlreiche Aufgaben im Versicherungswesen.

Die Algorithmen werden lernfähig und können so auch Entscheidungen treffen; auch solche, die nicht vorher programmiert wurden. Damit handeln sie fast schon menschlich und intelligent — wie eine Führungskraft.

Gleichzeitig werden Aufgaben zunehmend in fragmentierten, agil agierenden Projektteams gelöst, die jeweils die Anforderungen lösen und sich weitestgehend selbst steuern. In Kombination geben alle diese Entwicklungen den Anschein, dass Führung, Planung und Kontrolle an Bedeutung verlieren.

Eine weitere Begleiterscheinung der strukturellen Veränderungen ist, dass fest zugeordnete Posten und Stellen mit klassischem Anforderungsprofil nicht mehr die Regel sein werden. Damit fallen auch die traditionellen Unternehmenskarrieren und die damit einhergehenden Aufstiegsmöglichkeiten weg. Das erzeugt zusätzliche Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Lebensplanung.

Unberechtigte Ängste

Die Befürchtungen, dass durch diese Entwicklungen Führungskräfte obsolet werden, sind jedoch unberechtigt. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Führung im digitalisierten Unternehmen bleibt weiterhin notwendig und wird sogar noch anspruchsvoller. Denn was den Menschen als Vorgesetzten noch lange Zeit unentbehrlich machen wird, sind Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität und nicht zuletzt die Fähigkeit, Urteile aus dem Bauch heraus zu fällen.

Allerdings wird Führung der klassischen Schule, also Top-Down bzw. Ausübung von Macht, nicht mehr möglich sein. Wissen wird heute für alle Mitarbeiter bereitgestellt, es besteht keine Informationslücke mehr zu den Entscheidern. Austausch ist somit demokratisiert. Es entstehen zunehmend neue Macht- und Einflussmöglichkeiten und damit eigene Dynamiken sowie auch informelle Kanäle für die inhaltliche Abstimmung. Für die Führungskräfte bedeutet dies im ersten Anschein ein Machtverlust, da ihre Entscheidungen überprüft und hinterfragt werden können.

Entsprechend bestehen die Aufgaben der Führungskraft darin, das richtige Arbeitsumfeld zu schaffen, zu fördern, die Arbeitsfähigkeit sicherzustellen und die genannten Kanäle zu organisieren, zu steuern und zu moderieren. Sie müssen sich verabschieden von genauen Vorgaben an einzelne Mitarbeiter und Teammitglieder, also vom Micro-Management sowie den Kontroll- und Steuerungsaufgaben.

Am Ende können Führungskräfte sogar von der Entwicklung profitieren. Denn eine solche große Veränderung wie die Digitalisierung ermöglicht die Chance, sich von verkrusteten Strukturen zu lösen, neue und effiziente Strukturen zu schaffen und diese für sich sowie die eigenen Ziele zu nutzen. Das bedeutet aber auch, sich laufend zu hinterfragen und sich ständig an die sich permanent ändernden Rahmenbedingungen anzupassen.

Fazit

Um die Frage aus der Überschrift zu beantworten: Nein, Führungskräfte werden auch im Zuge der Digitalisierung keinesfalls überflüssig. Auch Algorithmen und eigenverantwortliche Teams brauchen Steuerung und Kommunikation. Doch die Aufgaben werden keinesfalls leichter, im Gegenteil: Die Anforderungen werden steigen.

Über den Autor

Thomas Müller
Thomas Müller

Geschäftsführer, SOLCOM GmbH

für Digitalisierung, Mensch & Technik

Thomas Müller ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der SOLCOM GmbH, einem der führenden Technologiedienstleister in den Bereichen IT und Engineering. Als Experte mit über 30 Jahren Erfahrung in der IT schreibt er über die Auswirkungen der Digitalisierung.
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