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Thomas Müller

Thomas Müller

für Digitalisierung, Mensch & Technik

Mein Chef, der Algorithmus

Quelle: Fotolia #139276989

Der technologische Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz ist rasant, immer mehr Bereiche in Büro und Alltag werden durch Algorithmen bestimmt. Doch können sie den Menschen als letzten Entscheidungsträger bald ablösen?

An Roboter bzw. Computer als Kollegen in der Produktion oder als digitaler Helfer im Büro haben wir uns längst gewöhnt. Auch daran, dass mittlerweile fast jedes Unternehmen Maßnahmen und Prozesse auf Basis von Big Data, also großen Datenmengen und deren Analyse, trifft und optimiert.

Doch was passiert, wenn der Mensch nicht mehr zwischengeschaltet ist und der Rechner alle geschäftsrelevanten Entscheidungen alleine trifft, also wenn nicht mehr der Mensch der Maschine die Anweisungen erteilt, sondern umgekehrt?

Technik schreitet voran

In unserem Alltag nutzen wir heute ständig einfache KI-Systeme, beispielsweise die sprachgesteuerten Assistenzsysteme in unserem Smartphone. Auch am Arbeitsplatz durchdringen Algorithmus gesteuerte Maschinen mehr und mehr das Arbeitsleben. Dabei wird diese Technologie nicht nur in Fabriken zum Einsatz kommen (Stichwort „Industrie 4.0“), sondern auch bei beratenden und administrativen Tätigkeiten. Beispielsweise übernehmen KI-Routinen bereits heute zahlreiche Aufgaben im Versicherungswesen. Eine Studie von McKinsey geht dort sogar von einem Verlust der Hälfte aller Arbeitsplätze in der Verwaltung aus.

Gleichzeitig schreitet die Entwicklung der Technologie rasant voran – schneller als gedacht. Was die Technologie in Zukunft zunehmend auszeichnen wird, ist die Fähigkeit, nicht mehr nur fest vorgegebene Aufgaben zu erledigen, sondern auch, sich zu entwickeln, zu beurteilen und einzuordnen. Die Algorithmen werden lernfähig und können so auch Entscheidungen unter Unsicherheit treffen, auch solche, die nicht vorher programmiert wurden. Damit handeln sie fast schon menschlich und intelligent — wie eine Führungskraft.

Bereits heute im Einsatz

Eine Schätzung des Marktforschungsinstitut Gartner geht davon aus, dass bis 2018 drei Millionen Arbeiter von einer Maschine beaufsichtigt werden. Bereits heute bestimmen von Algorithmen gefertigte Arbeits- bzw. Schichtpläne, anhand von Kriterien wie erwartetes Arbeitsaufkommen und Bedürfnissen der Mitarbeiter. Auch in der Personalauswahl kommt Software standardmäßig zum Einsatz, die eine selbstständige Vorsortierung der Bewerbungen durchführt und automatisch Absagen versendet.

Doch es geht auch schon einen Schritt weiter. So hat ein japanischer Elektronikkonzern ein KI-System entwickelt, das den Mitarbeitern in den hauseigenen Logistikzentren ganz konkrete Arbeitsanweisungen gibt. Der Computer ist praktisch der Chef. Alles erfolgt in Echtzeit und basiert auf einem lernenden System, das nicht auf vorher festgelegte Routinen zurückgreift. Die KI analysiert alle Vorgänge und weist entsprechend neue Handlungen an.

Vor geraumer Zeit machte zudem eine Meldung Schlagzeilen, dass in einem Unternehmen in Hong Kong eine KI zu einem vollwertigen Mitglied des Aufsichtsrats wurde, gleichberechtigt, mit vollem Stimmrecht.

Vorteile gegenüber dem Menschen

Die Vorteile auf Seiten der KI liegen darin, dass sie für ihre Entscheidungen auf eine weitaus größere Datenbasis zurückgreifen kann als der Mensch - vollständig objektiv und zum Wohle bzw. für das Wachstum des Unternehmens. Persönliche Befindlichkeiten oder die Aussicht auf den nächsten Karrieresprung bleiben außen vor. Eine Software ist auch nicht vorurteilsbehaftet. Als Führungskraft spielen für sie keinerlei persönlichen Sympathien oder Antipathien eine Rolle. Der Maschine ist es egal, welcher Herkunft ein Arbeiter ist, welche Religion oder Ansichten er hat. Sie handelt also gerecht und fair – so die Theorie.

Doch nicht neutral

Leider gibt es auch hier einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Maschinen entscheiden auf Grundlage von Algorithmen und Daten, die letztendlich doch von Menschen gemacht sind. Und diese haben nun einmal Vorurteile, ob gewollt oder nicht.

Die Systeme sind auch niemals völlig frei von Fehlern. Im Gegenteil: Je komplexer ein System, desto anfälliger ist es – und künstliche Intelligenz ist äußerst kompliziert. Fehler können schwerwiegende Folgen haben, zum Beispiel auf den Finanzmärkten. Eine falsche Transaktion kann so in wenigen Millisekunden Schäden nach sich ziehen, die gleich in die Milliarden gehen.

Mensch bleibt noch unerreicht

Jede technische Innovation wurde stets von Ängsten begleitet. Auch im Zuge der Digitalisierung und der Entwicklung künstlicher Intelligenz ist dies nicht anders. Die Befürchtungen gehen allerdings sogar so weit, dass bereits von einer Vorherrschaft der Maschinen gesprochen wird.

Fest steht, dass sich die Art, wie wir arbeiten, auf jeden Fall deutlich ändern wird. Und bereits heute steht fest, dass die mit der Digitalisierung verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen enorm sein werden. Was den Menschen aber noch lange Zeit unentbehrlich machen wird, sind letztendlich doch Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität oder und nicht zuletzt die Fähigkeit, Urteile aus dem Bauch heraus zu fällen.

Über den Autor

Thomas Müller
Thomas Müller

Geschäftsführer, SOLCOM GmbH

für Digitalisierung, Mensch & Technik

Thomas Müller ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der SOLCOM GmbH, einem der führenden Technologiedienstleister in den Bereichen IT und Engineering. Als Experte mit über 30 Jahren Erfahrung in der IT schreibt er über die Auswirkungen der Digitalisierung.
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