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Dr. Nico Rose

Dr. Nico Rose

für Positive Psychologie im Business

"Mein Job ist total sinnlos. Genau so mag ich das!"

Dr. Nico Rose
Grafik basiert auf Arbeit von Rosso/Dekas/Wrzesniewski (2010)

Diesen Satz hat vermutlich noch kein Mensch auf unserem Planeten ernsthaft geäußert. Wahrscheinlich werden viele von uns ab und an Jobs gehabt haben, bei denen es primär ums Geld ging. Aber vor die Wahl gestellt, bei ansonsten gleichen Bedingungen, entscheiden sich Menschen immer für jene Aufgabe, die mehr Sinnerleben verspricht. Zwar wird die Suche nach Sinn im Job vor allem der Generation Y zugeschrieben (so es diese überhaupt gibt), aber ich halte die Sinnsuche für ein grundlegendes, vermutlich sogar das bedeutendste menschliche Bedürfnis überhaupt. 

Es gibt keine per se sinnvollen oder sinnlosen Jobs. Sinn entsteht notwendigerweise in der Interaktion zwischen Mensch und Aufgabe, er ist das Ergebnis einer emotionalen und rationalen Be-Deutung der Arbeit, ihrer Folgen und des Kontextes, in welchem sie stattfindet.

Des Weiteren ist zu beachten, dass Sinnwahrnehmung aus verschiedenen Aspekten einer Arbeit erwachsen kann. Berücksichtigt man zusätzlich, dass Menschen sehr unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale und somit Bedürfnisse und Erwartungen in einen Job einbringen, so wird schnell ersichtlich, dass die eine Person eine Arbeit als hochgradig sinnvoll, die andere ein und dieselbe Aufgabe hingegen als mehr oder weniger sinnlos empfinden kann.

Welche verschiedenen Sinntreiber lassen sich unterscheiden?

Forschung: Wie kommt der Sinn in die Arbeit?

Die US-Management-Forscher Rosso, Dekas und Wrzesniewski haben 2010 für einen Überblicksartikel rund 30 Jahre Forschung und somit viele hundert Artikel zur Wahrnehmung von Arbeitssinn zusammengefasst. Im Titelbild dieses Beitrags findet sich eine Grafik (die Sinn-Matrix), welche ich - hier überarbeitet und eingedeutscht - ihrem Aufsatz entnommen haben.

Es zeigt sich, dass so gut wie alle Faktoren, die Sinnerleben auf der Arbeit hervorrufen, auf zwei grundlegenden Dimensionen eingeordnet werden können. Auf der vertikalen Achse wird unterschieden, ob ein Sinntreiber auf der Ebene des Individuums wahrgenommen wird (oben), oder ob es um das Individuum als Teil einer Gruppe geht (unten). Die horizontale Achse beschreibt - etwas verkürzt ausgedrückt, auf wessen Bedürfnisse die Erledigung einer Aufgabe einzahlt. Hier bietet sich analog die Aufteilung zwischen "für mich" (links) und "für andere" (rechts).

Ich persönlich finde diese Darstellung sehr erhellend. Sie kann erklären, warum ein Mensch den Job bei - beispielsweise - einem Tabakhersteller als hochgradig sinnvoll empfinden kann, obwohl der Beitrag für das große Ganze (Quadrant rechts oben) wohl infrage zu stellen ist.

So kann es einerseits sein, dass der Stelleninhaber in seiner spezifischen Aufgabe ein hohes Maß an Autonomie genießt und Projekte erfolgreich vorantreiben kann. Diese von Psychologen Selbstwirksamkeit genannte Empfindung ist eine eigene Quelle von Arbeitssinn (linker oberer Quadrant).

Des Weiteren ist es möglich, dass der betreffende Job eine besonders hohe Passung zwischen den Anforderungen der Aufgaben und der Persönlichkeit sowie den Bedürfnissen des Stelleninhabers aufweist (Quadrant links unten). In diesem Fall speist sich die Sinnwahrnehmung aus der Empfindung des sich selbst Näherkommens, des Gefühls, etwas zu tun, wofür man gemacht wurde.

Schließlich kann es sein, dass eine ganz eigene Form von Sinnwahrnehmung aus dem Gefühl der Zugehörigkeit erwächst, welches der betreffende Job zu bieten hat. Hier kann man noch die Bindung an konkrete Personen und, etwas abstrakter, die gesamte Gruppe und ihre Wertvorstellungen unterscheiden (rechter unterer Quadrant).

Die Sinn-Matrix in der Praxis

Wie lässt mit diesem Modell arbeiten? Zum einen bietet sich die Möglichkeit, das eigene Unternehmen und die verschiedenen Jobfamilien einem Stärken- und Schwächenvergleich zu unterziehen, um auf dieser Basis schwach ausgeprägte Sinntreiber zu entwickeln - oder bereits hoch ausprägte Elemente noch weiter zu stärken.

Als Beispiel: Stellt ein Unternehmen fest, dass den Mitarbeitern bisher wenig Gelegenheit zur Selbstwerdung (Quadrant links unten) gegeben wird, so könnte Abhilfe darin bestehen, den Angestellten die Gelegenheit zum sogenannten Job Crafting zu geben. Hierbei erhalten Mitarbeiter die Möglichkeit, in einem gewissen Rahmen eigenständig die Parameter der eigenen Stellenbeschreibung derart zu verändern, dass der Job im Anschluss stärker ihrer Persönlichkeit entspricht. So können beispielswese bestimmte Aufgaben und Ziele nach Absprache mit dem Vorgesetzen und den Kollegen neu aufgenommen, andere dafür mehr oder weniger komplett gestrichen werden.

Des Weiteren ist denkbar, die Sinn-Matrix für das Employer Branding und Recruiting einzusetzen, da Menschen wie bereits geschildert von unterschiedlichen Sinnangeboten angezogen werden. Ein Startup bietet beispielsweise eine andere Art von Zugehörigkeit als ein Großkonzern. Demnach könnte es für den Konzern zielführend sein, in der Arbeitgeber-Kommunikation die Zugehörigkeit zum Gesamtsystem und seinen Werten herauszustellen, während das Startup stärker die persönlichen Beziehungen unter den Kollegen betont. Beide sind verschiedene Aspekte des rechten unteren Quadranten.

Alternativ kann der Großkonzern zu dem Schluss kommen, dass dieser Quadrant in der Außenwahrnehmung keine tragende Rolle einnehmen soll. Stattdessen könnte er beispielsweise auf die vielfältigen Karrierepfade hinweisen, die das Unternehmen zu bieten hat. Dies entspräche der Betonung von Sinntreibern der oberen linken Kategorie.

Obwohl dazu noch keine Forschung vorliegt, möchte ich annehmen, dass ein Job am meisten Sinn stiftet (oder verspricht), wenn alle vier Quadranten angesprochen werden, nicht notwendigerweise immer und gleichzeitig, aber doch immer wieder. Vielleicht haben Sie ja nach dieser Lektüre Lust bekommen, Ihren eigenen Job und den zugehörigen Arbeitgeber auf Basis der Sinn-Matrix zu analysieren?

Ich freue mich jedenfalls auf Ihre Anmerkungen.

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Dr. Nico Rose ist einer von mehr als 70 XING Branchen-Insidern, die ab sofort regelmäßig ihre persönlichen Einsichten mit den mehr als 10 Millionen XING Mitgliedern teilen.

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Über den Autor

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für Positive Psychologie im Business

"Einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland" (Harvard Business Manager). Laut Personal Magazin ein Top-Influencer für Human Resources in Deutschland. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im Wirtschaftsforum der FDP.
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