Christiane Brandes-Visbeck

Christiane Brandes-Visbeck

for Innovationen, New Work, Leadership, Diversity

Neue Narrative braucht das Land

Christiane Brandes-Visbeck
Installation aus der Wanderausstellung "Digital Revolution" in Stockholm, aktuell im Frankfurter Filmmuseum zu sehen.
  • Überholte Glaubenssätze in Politik und Wirtschaft gefährden unsere Zukunftsfähigkeit.
  • Umdenken findet nur dann statt, wenn der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck groß genug ist.
  • Mit neuen Narrativen können wir Europa verändern. 

Überall Veränderung, Transformation, Zerstörung. Wir erleben es aktuell besonders deutlich in der Politik. Junge Wähler in Deutschland haben bei den Europawahlen die großen Volksparteien abgestraft. Statt sich mit den Fragestellungen von Zukunftsthemen wie Klimawandel, Bildung und Wirtschaftsethik auseinanderzusetzen, geben Spitzenpolitiker zumeist überholte Antworten auf immer Gleiches wie Flüchtlingspolitik, Rentenniveau und Außensicherung der europäischen Grenzen. Das gilt auch für viele Unternehmen. Bei ihnen dreht sich alles um Wachstum, Gewinnmaximierung und Fachkräftemangel. Nur wenige experimentieren mit Selbstorganisation von Teams, neuen Bezahlmodellen oder ethischen und nachhaltigen Kennzahlen.

Genug ist genug!

Die wütenden Reaktionen – vor allem auf Twitter – auf die hilflosen bis maßregelnden Äußerungen von profilierten Politikern – und nicht zuletzt der Rücktritt von Andrea Nahles - zeigen sehr deutlich: Genug ist genug! Heute interessiert sich niemand mehr für Antworten, die an der Spitze einer hierarchischen Organisation ausgerufen werden und von loyalen Mitgliedern bzw. Mitarbeitern durchdekliniert werden müssen. Altkluge Antworten, von oben herab verordnet wie ein Rezept von einem Arzt, der seinen Patienten noch nicht einmal untersucht, geschweige denn mit ihm reden mag.

Besserwisserische Bevormundung passt nicht in unsere disruptive, super vernetzte und sich immer schneller verändernden Welt. Realitäten können beim besten Willen nicht mehr passend gemacht werden wie in den Jahrzehnten zuvor. Engagierte Menschen, die sich für Transformationen einsetzen, können nicht mehr marginalisiert werden. Weil es einfach zu viele geworden sind! Die starre Interpretation von Weltgeschehen nach überholten Maßstäben haben wir lang genug ertragen. Es ist höchste Zeit für neue Perspektiven.

Warum das so ist, können wir bei klugen Menschen nachlesen und nachhören. Drei Beiträge finde ich besonders überzeugend:

  • Eine dreiminütige Rede des inzwischen verstorbenen Professors Dr. Peter Kruse, der schon 2011 vor dem Bundestag erklärte, warum die zunehmende Digitalisierung eine Hypervernetzung zur Folge hat, die zu revolutionären Aufregungswellen im Netz führen wird. Diese sind mit den herkömmlichen Mitteln der Kommunikation nicht mehr zu steuern.
  • Ein Blogbeitrag auf "Indiskretion Ehrensache" des ehemaligen Wirtschaftsjournalisten und heutigen Digitalagenturchefs Thomas Knüwer. In seiner Analyse erklärt Knüwer schlüssig, warum uns die Unterschätzung des digitalen Raumes - inklusive des Zusammenschlusses von digital abgehängten Politikern und Journalisten in Deutschland und Europa - im Spannungsfeld von USA, China und Russland großen Schaden zufügt. 
  • Ein Gespräch auf der re:publica 2019 mit Margrethe Vestager, der dänischen EU-Kommissarin für Wettbewerb, die mit ihren Strafen in Milliardenhöhe für Google weltweit Aufsehen erregt hat und möglicherweise zur die Kommissionspräsidentin gewählt werden wird. Die mutige Europa-Politikerin erklärt anschaulich, warum es höchste Zeit ist, unsere demokratische Zukunft mit fairem Wettbewerb zu gestalten – bevor die Internet-Riesen aus dem Valley alle relevanten Märkte erobern.

Neue Fragen erfordern neue Antworten

Wissenschaftler*innen, zukunftsgewandte Politiker*innen und Menschen, die die Realität mit offenen Augen wahrnehmen, sind sich einig: Es muss endlich Schluss sein mit „Haben wir immer so gemacht!“ und „Weiter so!“. Heute können Andersdenkende nicht mehr ungestraft marginalisiert und 'zur Räson' gebracht werden.

Im Gegenteil: Je weniger die betroffenen Anspruchsgruppen gehört werden, desto lauter schreien sie. Vielleicht ist deshalb der Empörungssturm sozialliberal denkender Menschen besonders groß. Ihre Meinungsmacher*innen und Influencer*innen, die bisher geschwiegen haben, ergreifen endlich das Wort. Sie fordern wie Nico Lumma (SPD) in einem Gastbeitrag der "Hamburger Morgenpost" beispielweise neue Köpfe, die neue Themen auf die politische Agenda setzen: „Die SPD muss jünger und weiblicher werden. Auf die Karriereplanung ihrer Parteispitze kann sie dabei keine Rücksicht nehmen.“ Oder mehr Zuversicht und eine erkennbare parteipolitische Haltung, wie es die schleswig-holsteinische Kultusministerin Karin Prien (CDU) in einem Gastbeitrag für "Der Tagesspiegel" formuliert.

Wie aktive Bürger*innen, die wie Margrethe Vestager auf der #rp19 uns Europäer*innen dazu auffordert, mit unseren Daten vorsichtig umzugehen: „If you protect yourself you protect our democracy“. Oder eben Thomas Knüwer, der in seinem aktuellen Blogpost deutlich aufzeigt, dass gerade die klugen und differenziert denkenden und mutig handelnden Journalist*innen die Medienbranche verlassen.

Selbst Juso-Chef Kevin Kühnert wird dafür Respekt gezollt, dass er in seinem ZEIT-Interview außerhalb des üblichen Politframings denkt und mit der demokratischen „Kollektivierung von Unternehmen wie BMW“ nichts anders als alternative Ownership-Modelle von Konzernen fordert.

Sie alle sind sich in einem Punkt einig: Die sich verändernde Welt braucht nicht nur neue ANTWORTEN auf bekannte Fragen. Sie benötigt vor allem neue FRAGEN, die wir als EU-Bürger*innen oder einfach nur als engagierte und wache Menschen diskutieren sollten. Nur so können wir mittelfristig sinnvolle Antworten finden - auf neuen Wegen, mit neuen Methoden, gemeinsam und in gelebter Diversität. Gerade die Anerkennung von unterschiedlichen Perspektiven und der respektvolle Umgang mit Andersdenkenden ist ein hohes demokratisches Gut. Es ist an der Zeit, auch in der Mitte der Gesellschaft zu akzeptieren, dass das Andersdenken eben anders ist, aber nicht falsch. Im Gegenteil. Es ist notwendig!

Vom „Know it all“ zum „Learn it all“

Große und komplexe Themen wie Klimaschutz, die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere oder der Umgang mit Künstlichen Intelligenzen erfordern offene Fragen, Mut zur Intuition, Sinnorientierung und Pausen zum Nachdenken, damit wir beim Innehalten die richtigen Antworten in uns finden können. Sie erfordern eine gemeinsame Suche und eine offene Einstellung gegenüber dem, was kommen mag. "Purpose" und "Growth Mindset" sind Stichworte hierfür, die ebenfalls aus dem New-Work-Kontext entliehen sind.

In den USA wird von einer neuen Psychologie für Erfolg gesprochen. In der es darum geht, dass Kindheitserfahrungen und Glaubenssätze unser zukünftiges Handeln bestimmen, und wie wir uns von ihnen befreien können. Eine wichtige Lösung ist ein "Growth Mindset", einen Wachstumsinn, zu entwickeln, also offen zu sein für Neues und jeden Tag dazu lernen zu wollen.

Diese Art von Kulturveränderung wird in fortschrittlichen Unternehmen bereits gelebt. Ein bekanntes Beispiel liefert Satya Nadella, CEO von Microsoft, der seine Mitarbeiter*innen dazu aufgefordert hat, den „Refresh Button“, den Aktualisierungsknopf auf einer Tastatur, zu drücken und sich vom „Know-it-all“ zum „Learn-it-all“ zu entwickeln. Auch in der zeitgemäßen Leadership-Forschung gelten Entscheider dann als besonders erfolgreich, wenn sie keine Besserwisser sind, sondern gemeinsam mit ihren Teams, und sogar mir ihren Kund*innen unterstützt von KI Lösungen suchen. 

Take that, SPD, CDU, FDP & Co!

Wenn Navis und Landkarten nutzlos werden

Immer, wenn sich Rahmenbedingungen ändern, müssen wir unser Handeln anpassen. Immer, wenn eine Lage unübersichtlich ist, sollten mehrere Wege parallel getestet werden bis sich herausstellt, welcher Weg im Moment als der Passende erscheint.

Entscheidungen sind entweder richtig oder Learnings, postete kürzlich Simon Sinek, der bekannte US-amerikanische Marketingmann und New Work-Vordenker, sinngemäß auf Instagram. Denn was im Alltag gilt, gilt auch für Politik und Wirtschaft: Wenn unsere Navis und Landkarten nicht mehr zeitgemäß sind, legt man sie zur Seite und ersetzt sie vorübergehend mit gesundem Menschenverstand. Oder man fragt andere, die sich besser auskennen, nach dem Weg. Solange eben, bis mittels KI ein neues orientierungsgebendes Device gefunden wurde.

Heute gehören viele Falk-Pläne in Politik und Wirtschaft auf den Müll. Sie sind nicht mehr Wert als Altpapier. Warum? In Zeiten der rasanten Veränderungen müssen wir mit neuen Parametern Erfolg finden. Auch wenn wir unsere Wirtschaft jahrzehntelang im Finetuning von Prozessen professionalisiert haben. Auch wenn unser Können durch Gütesiegel bestätigt und damit unser wirtschaftliches Handeln normiert und geeicht wurde. Das reicht nicht mehr. Es kommen neue Anforderungen dazu: sich vernetzen, gemeinsam mit anderen Lösungen finden -auch über Unternehmens- und Parteigrenzen hinaus-, win-win zu leben und bewusst gegen die strukturelle Benachteiligungen von Frauen, Diversen und Menschen aus anderen Kulturen, mit weniger Bildung und körperlichen oder seelischen Einschränkungen anzugehen.

Junge Menschen, die noch nicht durch klassische Unternehmenskulturen eingenordet sind, und diejenigen, die sich dem bewusst widersetzen, sind heute gefragt. "Querdenker" werden sie genannt und als solche auf "New Work"-Festivals gefeiert. Sie sind zumeist intelligent, wissbegierig und arbeiten nicht mehr als unbedingt nötig. Dafür entwickeln sie Shortcuts, Cheats oder Hacks, mit neuen Methoden und digitalen, teilweise KI-basierten Tools. Sie fragen sich zu Recht, warum die Anderen, also der Mainstream, das nicht auch tun? Genervt stellen sie fest, dass diese Anderen die zumeist mit dem Mindset von „alten, weißen Männern“ die Welt interpretieren, glauben, es besser zu wissen. Die Erfahrung, sagen sie, gäbe ihnen Recht.

Es ist also nicht nur die Angst vor Neuem, der Verlust von Ansehen und Macht, sondern auch ein mangelndes Vorstellungsvermögen von dem, was sonst noch, auch in ihrem Sinne, nach ihren Glaubenssätzen, vernünftig funktionieren kann. Deshalb ist es so wichtig, dass alle, die etwas verändern wollen - und das wir müssen es unbedingt! -, Wege finden, wie man diese Menschen überzeugen kann.

Neue Narrative braucht das Land

Die gute Nachricht ist: Mit Sinnorientierung, Phantasie und Kreativität werden wir die Zukunft gestalten können! Wir alle, die wir die VUKA-Welt (VUKA = volatil, unberechenbar, komplex, ambigue) nicht nur als Bedrohung, sondern vor allem als Chance verstehen. Die wir erkennen, dass Digitalisierung und Globalisierung kein böser Schicksalsschlag sind, dem wir hilflos ausgeliefert sind.

Auch die VUKA-Welt kann und muss von uns Menschen GESTALTET werden. Wir, die wir das wissen, sind gefragt, um Orientierung zu bieten. Denn wenn wir jetzt nichts tun, übernehmen digitale Großunternehmen oder gut vernetzte Rechtspopulisten diesen Job. Um unserem Wirken eine größere Kraft zu verleihen, brauchen wir "Neue Narrative". Narrative sind Basiserzählungen, die an den Glaubenssätzen und Werten von Menschen einer bestimmten Kultur andocken und diese in eine unerwartete Richtung weitererzählen. Sie berühren das Denken und Fühlen von Menschen, können damit ihr Verhalten beeinflussen und nachhaltig verändern. 

Doch wie gehen wir am besten vor, wenn wir Menschen zum Umdenken und Andershandeln bewegen wollen? Aus meiner Sicht sind folgende fünf Aktivitäten gefragt:

1. Den Wandel anerkennen, Ambidextrie leben

Eine positive Folge von #FridaysForFuture und den Europawahlen ist die Erkenntnis, dass es dringend notwendig ist umzudenken und unsere Zukunft mit neuen Werten und Zielen zu gestalten. Jetzt könnten wir „Revolution“ schreien und Großkonzerne wie Alphabet, Facebook und Amazon zerschlagen wollen. Oder Stephen Bannon bei der weltweiten Mobilisierung von Rechtsradikalen für ein Viertes Reich unterstützen. Oder wir können versuchen, einen demokratisch-gemäßigten Ansatz zu finden, den ich persönlich favorisiere.

In der wissenschaftlichen Forschung zu Führung und Leadership gibt es den Begriff von der „Ambidextrie“. Das ist lateinisch und bedeutet so viel wie „beidhändig“. In Bezug auf Organisationen bedeutet Ambidextrie, das Organisationen die Fähigkeit haben müssen, effizient und flexibel zu agieren. Wer sich selbst oder andere führt, hat zwei Möglichkeiten zur Auswahl.

In bestimmten Situationen nutzt er oder sie die „Exploit“-Hand, die Nutzen-Hand. Sie sorgt dafür, dass ein Unternehmen, eine Partei oder eine Organisation funktioniert. Also die Prozesse rund laufen, Gewinne erzielt und gleichzeitig Kund*innen-, Mitarbeiter*innen, Wähler*innen und Bürger*innen-Interessen bedient werden.

In anderen Situationen oder Kontexten arbeitet er oder sie mit der „Explore“-Hand, die Neues ausprobieren und erforschen möchte. Wenn Stakeholdern neue Fragen stellen und neue Lösungen zu finden sind, wenn mutig quergedacht, mit Respekt für andere Meinungen gestritten und Neues ausprobiert werden muss.

Will eine bestehende Organisation Erfolg haben, muss sie beides beherrschen. Sie bedient bei Bedarfe und weiß genau, in welcher Situation welche Hand einzusetzen ist. Etablierte Unternehmen, Organisationen und Parteien, die heute erfolgreich sind, folgen dem Prinzip der Ambidextrie: Die Grünen, die New York Times oder Trumpf bewahren Bewährtes und testen Neues.

2. Diversität anerkennen und für Innovationen einsetzen

Wer Ambidextrie lebt, hat auch erkannt, dass wir Menschen die Optionen haben, zwischen Möglichkeiten zu wählen. Das Prinzip zeigt, dass die weit verbreitete Vorstellung, es gäbe nur einen 'richtigen' Weg, überholt ist. Die Evolution, das Nebeneinander von Religionen, Staatsformen und Kulturen lebt davon, dass es parallel zueinander mehrere Systeme gibt, die in einer jeweiligen Situation mehr oder weniger gut funktionieren. 

Dies gilt auch für Organisationen, Parteien und Unternehmen. Frederic Laloux beschreibt in seinem super erfolgreichen Management-Buch „Reinventing Organizations“, dass es aus evolutionärer Sicht sehr alte und brandneue Systeme gibt, nach denen Menschen ihr Wirken organisieren. Jedes System hat in einem bestimmten Kontext seine Berechtigung (toll visualisiert in diesem Erklärvideo). Übrigens muss nicht jede Abteilung, jeder Bereich oder jedes Projekt in einer Organisation identisch organisiert und gleich geführt werden. 

Ich persönlich bin sehr froh über die neue Vielfalt, die wir heute leben dürfen. Sie wird, wenn wir Europäer*innen unsere unterschiedlichen Kenntnisse, Perspektiven und Ideen für Innovationen bündeln und orchestriert nutzen, mittelfristig „Made in EU“ zu dem machen wofür „Made in Germany“ im industriellen Zeitalter einmal stand.

3. "Kollektive Intuition" mit New Work, Digital Leadership und Künstlicher Intelligenz

Diversität ist auch eine entscheidende Voraussetzung für Schwarmintelligenz, die entsteht, wenn ganz unterschiedliche Menschen von einer Sache begeistert sind und sich für diese gemeinsam einsetzen. "New Work" und "Digital Leadership" und alle anderen Theorien, Denkweisen, Tools und Methoden, die uns helfen, unsere Zukunft demokratisch und menschenwürdig zu gestalten, leben von Sinnorientierung, Vernetzung und Kollaboration. Gemeinsam und zusammen im Jetzt die Zukunft gestalten, das ist das Gebot der Stunde.

New Work steht dabei vor allem für die Frage: Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie wollen wir leben? Warum müssen wir Zukunft neu denken? Was verbindet uns über das Trennende hinaus? Was treibt uns gemeinsam an? Der Begriff Digital Leadership bedeutet auch, dass jede*r von uns - unanbhägig von Hierarchien - „in den Lead“, also voran gehen sollte, um Orientierung zu geben und die Suche nach zeitgemäßen Lösungen zu orchestrieren. 

Künstliche Intelligenz kann dabei so etwas wie ein innovativer Beschleuniger sein, um gesellschaftliche und organisatorische Anforderungen mit Menschenorientierung und Klimaschutz in Einklang zu bringen. Dieses Potential hat auch Microsoft erkannt und im Dezember 2017 verkündet, 43 Millionen Euro in das KI-Programm “AI for Earth” zu investieren. Damit haben sie zugesagt, KI-Technologien an "Citizen Science"-Projekte, die von Einzelpersonen oder Organisationen durchgeführt werden, zu übergeben, um Lösungen für globale Umweltthemen wie Klimawandel, Wassermangel, Massentierhaltung oder den Erhalt von Biodiversität zu entwickeln. Dabei ist die alles entscheidende Frage: “Wie kann KI dabei helfen, diese Probleme zu beheben?“ und “Wie können den Einsatz von KI vereinfachen?“.

4. Neue Narrative entwickeln

Schwarmintelligenz funktioniert dann am besten, wenn ein gemeinsames Verständnis vom Zielbild bzw. dem Sinn und Zweck der Kollaboration vorhanden ist und alle dieses anerkennen. Unternehmen und Organisation haben dafür zumeist Leitbilder entwickelt, bei Parteien sind es Parteiprogramme. Leider kommen diese oft so trocken und theoretisch daher, dass sie in Schubladen oder auf Motivationspostern in Teeküchen verstauben. Aktuell überarbeiten viele Unternehmen ihren "Purpose", um alle Stakeholder mit einer zeitgemäßen Sinnhaftigkeit, die der Firmen-DNA entspricht, zu überzeugen. Als Beispiel sei hier das die Rügenwalder Mühle genannt, die inzwischen nicht nur Wurstwaren herstellt, sondern mit Blick auf den Klimawandel verstärkt vegetarische und vegane Produkte auf den Markt bringt.

Lebendiger als Zielbilder und Leitbilder sind Narrative. In den USA war eines der beliebtesten Narrative die Pionier-Story vom „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. In Deutschland gilt mit Blick auf Gilden und Gewerke bis heute „Schuster bleib' bei deinen Leisten.“ Auf der Basis dieses Narratives konnte übrigens FDP-Chef Christian Lindner im BamS-Interview den streikenden Jugendlichen eine Expertise für den Klimawandel absprechen (das Original-BamS-Zitat liegt hinter einer Paywall).

Gerade für gesellschaftliche Veränderungen sind Narrative, die in den Sozialen Medien verbreitetet werden, ein äußerst wirkungsvolles Kommunikationstool - wie es uns die Rechtspopulisten leider mit großem Erfolg beweisen. Über Narrative im New-Work-Umfeld habe ich als XING-Insiderin hier geschrieben. Themen wie Klimaschutz, SPD Reloaded oder Künstliche Intelligenz liefern thematisch ebenfalls super Potenziale für neue Narrative. Denn wir können nur dann Interesse und Begeisterung für neue Themen wecken, wenn wir unser Wissen und unsere persönlichen Erfahrungen erweitern. Und eine chancenorientierte Debatte dazu fördern, was wir damit erreichen können. Unwissenheit hingegen führt zu Ablehnung und Angst. Unternehmen, Parteien und Organisationen brauchen deshalb Übersetzer, die mit neuen Narrativen komplexe technologische Themen so erklären, dass jeder die Chancen der heutigen Zeit versteht.

Aus der Praxis: Neue Narrative für KI

Diese Art von Übersetzungsarbeit wollen wir, eine fluide Gruppe von engagierten Twitterern, mit Blick auf die Initiative #techforgood – Creating a better future austesten. Die Digitale Bewegung, die das Projekt in Deutschland vorantreibt, sorgt sich „um eine lange vernachlässigte Spezies: den Menschen. Denn dessen Skepsis droht die KI-Revolution aufzuhalten.“

Unsere Idee ist, in einem gigantischen, ortsübergreifenden Workshop KI-Narrative zu entwickeln. Wir sind rund 50 New-Work- und HR-Spezialist*innen, Kommunikationsexpert*innen, IT-Fachleute, gesellschaftliche Vordenker*innen und Neu-Macher*innen aus meiner Twitter-Filterblase wie Thomas Bischoff, Lena Rogl, Dajana Laube, Christine Dingler, Helèn Orgis, Stephanie Kowalski, Pina Meis, Dr. Enise Lauterbach, Klaus Eck, Mathias Wrede und über 60 weitere engagierte Menschen, die sich für unseren #KIWorkshop interessieren.

Es ist ein großartiges Gefühl, gemeinsam ein Thema anzugehen, dass gesellschaftsrelevant so ist. Spannend dabei ist, dass wir viele nur wenig bis kaum oder gar nicht persönlich kennen. Uns treibt die Möglichkeit an, gemeinsam etwas zu bewirken, etwas offline und online, auf jeden Fall synchron an vielen Orten zu entwickeln, dass vor allem die Menschen anspricht, die bisher wenig Zugang zu dem Thema Künstliche Intelligenz haben.

5. Sichtbar sein, Erfolge und Scheitern als Learnings feiern

Ob dieses Narrative-Experiment funktionieren wird, wissen wir noch nicht. Wir werden unsere Erfolge, aber auch unsere Learnings öffentlich mit Ihnen und euch teilen. Denn zu einer vernetzten demokratischen Kultur gehört vor allem und auch, mit der eigenen Arbeit sichtbar zu sein und diese mit der Crowd zu feiern.

Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass man auch in Deutschland hoffnungsvoll und angstfrei in die digitale Zukunft schaut.

Dieser Text ist die Langversion des aktuellen Beitrags meiner Kolumne "Transform or Die" auf t3n.

Sind Sie/bist du beim Workshop für KI-Narrative dabei?

Wer beim KI-Narrative-Workshop dabei sein will, melde sich bitte über Twitter mit dem Hashtag #KINarrative und adde @punktefrau, damit sie Sie/dich auf unsere Twitter-Liste setzen kann.

About the author

Christiane Brandes-Visbeck
Christiane Brandes-Visbeck

Geschäftsführende Gesellschafterin und Gründerin, Ahoi Innovationen GmbH

for Innovationen, New Work, Leadership, Diversity

Wie wollen wir leben und arbeiten? Das ist mein Herzensthema. Wenn wir schon in dieser digitalen, globalen und sich rasant verändernden Welt leben, sollten wir unsere Chancen nutzen, sie zu einem besseren Ort zu machen.