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Michael Micic

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for Sport, Wirtschaft, Gesellschaft

New Work – New Sport?!

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Zeit für Change - auch im Sport

Der bereits in den 1970er Jahren vom österreichisch-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann eingeführte Begriff „New Work“ ist in Deutschland spätestens seit den 2010er Jahren in aller Munde.

Aber braucht es nun, in der neu angebrochenen Dekade der 2020er Jahre, neben einer neuen Arbeitswelt nicht auch eine neue Sportswelt, einen „New Sport“?

New Work: Freiräume für Kreativität und Persönlichkeitsentfaltung

Im heutigen Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung befinden sich hochentwickelte Länder wie Deutschland laut der Internetforscherin Jeannette Hofmann derzeit „inmitten eines Strukturwandels, an dessen Ende die Wissensgesellschaft das Industriezeitalter abgelöst haben wird, so wie jenes einst die Agrargesellschaft verdrängte“. Und das bedeutet nach Hofmann konkret, dass „die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Arbeit“ vorbei ist und die Zukunft „der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs“ gehört. Aufgrund dieses umfassenden Wandels und Transformationsprozesses postuliert die auf Frithjof Bergmann zurückgehende New-Work-Bewegung, sich von den auf „Command & Control“ ausgerichteten alten Arbeitsweisen des Industriezeitalters zu befreien und stattdessen neue Werte wie insbesondere Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft zu ermöglichen. New Work soll – wie es die „digital pioneers“ beschreiben – „neue Wege von Freiräumen für Kreativität und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bieten, um so etwas wirklich Wesentliches und Wichtiges zum Arbeitsmarkt und den Arbeitsstrukturen beizutragen“. Auf den Punkt gebracht geht es darum, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht länger vorzuschreiben, was sie zu tun haben, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, die Sinnhaftigkeit ihres Tuns und Handelns zu hinterfragen und zu der Arbeit zu gelangen, die sie – wie Bergmann es formuliert – „wirklich, wirklich wollen“.

Die „Command & Control“-Struktur im Sport – noch zeitgemäß?

Soweit ein kurzer Einblick in die New-Work-Bewegung. Doch was hat das Ganze mit der Sportwelt und insbesondere mit dem Spitzensport zu tun? Nun, Trainerinnen und Trainer, Sportlerinnen und Sportler leben nicht im luftleeren Raum, sondern sind ebenfalls Teil einer sich gerade formierenden Wissensgesellschaft. D.h. auch sie bekommen den gegenwärtigen Struktur- und Wertewandel hautnah mit und werden sich zukünftig ebenso wie Unternehmen in der Wirtschaft mit der Frage auseinandersetzen müssen, inwieweit ihre Denk- und Arbeitsweise noch zeitgemäß ist. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund der speziell im Profi- und Nachwuchsfußball laut gewordenen Forderung nach mehr Individualität und Kreativität gilt es zu klären, ob dieses Ziel in einer alten, hierarchiegeprägten „Command & Control“-Struktur überhaupt möglich ist oder ein neues Mindset erforderlich macht. Oder anders ausgedrückt bzw. gefragt: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Individualität und Kreativität entstehen kann? Braucht es dazu ggf. einen Paradigmenwechsel in der Denk- und Arbeitsweise im Spitzensport, einen „New Sport“ als Pendant zur „New Work“ – und wie könnte ein New Sport-Konzept aussehen?

„New Art of Living“ verlangt nach New Sport

Das sind große Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind, meines Erachtens jedoch dringend angegangen werden müssen, da sich die emanzipatorische Haltung hinter dem New-Work-Konzept nicht auf die Arbeitswelt beschränkt, sondern eine „New Art of Living“ darstellt, die das Potenzial hat, sämtliche Bereiche und gesellschaftliche Subsysteme – also auch den Sport – zu durchdringen. Aus meiner Sicht sind in erster Linie die Funktionärinnen und Funktionäre in den Vereinen und Verbänden gefragt – ebenso die Trainerinnen und Trainer. Sie haben die Aufgabe, Sportlerinnen und Sportlern die Erfahrung eines „New Sport“ zu ermöglichen, in dem sie sich persönlich und sportlich besser entfalten können – mit mehr Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten als bisher. Wie dieser neue Weg im Sport konkret aussehen könnte, zeigen die folgenden Handlungsempfehlungen: 

Konkrete Handlungsempfehlungen

• Wertebasis und Vision erarbeiten

„Start with Why“ lautet der Titel eines Bestsellers des britisch-US-amerikanischen Autors und Unternehmensberaters Simon Sinek. Und genau damit muss es auch im New Sport beginnen. „Warum bin ich als Einzelperson bzw. warum sind wir als Team im Spitzensport beruflich tätig?“ „Um erfolgreich und berühmt zu sein, Titel zu gewinnen und viel Geld zu verdienen“ ist keine befriedigende Antwort. Das wollen alle. Es braucht mehr, eine (bei Teams gemeinsam) zu erarbeitende Wertebasis und Vision, auf der das eigene Handeln aufbaut und worauf man sich bei Siegen wie bei Niederlagen beziehen und ausrichten kann.

• New Leadership

New Sport verlangt nach einer Abkehr von streng hierarchischen Strukturen. Das bedeutet keinesfalls, sich einen Laissez-faire-Stil anzueignen, sondern vielmehr die Hinwendung zu flexiblen, empathischen, „coachenden“ Führungsstilen, um die individuellen Fähigkeiten der Sportlerinnen und Sportler besser zu fördern und sie in ihrer Persönlichkeit und Einzigartigkeit als Mensch stärker wahrzunehmen. Zu einem New Leadership gehört auch, die Reflexionsfähigkeit und Selbstverantwortung der Sportlerinnen und Sportlern zu erhöhen, indem beispielsweise im Training und in Besprechungen Lösungen für bestimmte Spielsituationen nicht weitgehend vorgegeben, sondern öfter auch erfragt werden – z.B. „Welche Optionen hast Du/haben wir in diesem Fall?“ Weiterhin beinhaltet New Leadership die Möglichkeit, Vorgesetzen auch konstruktiv-kritisches Feedback geben zu können, ohne Gefahr zu laufen, deshalb sanktioniert zu werden. Und warum sollte nicht z.B. ein Fußballteam selbst den Ort für das nächste Trainingslager oder die Aufstiegsfeier bestimmen dürfen oder zumindest mitentscheiden? Mit anderen Worten: Es geht darum, die Handlungsspielräume für Beteiligungsmöglichkeiten auszuloten und zu erweitern.

• New-Work-Arbeitsplätze und -Methoden sowie eine bessere Life-Balance

Mannschaftsbesprechungen erfolgen noch häufig als One-Way-Kommunikation. Der Trainer oder die Trainerin zeigt hauptsächlich Videosequenzen von Spielsituationen und benutzt die Taktiktafel. Wie wäre es, die Meetingräume mit Post-Its, Tafeln zum Bemalen, Aufstellungsfiguren etc. auszustatten, soziometrische Aufstellungen durchzuführen, um so mehr Erlebnis, Austausch und Zugang zu ermöglichen? Welche geistigen Anregungen bieten Vereine professionellen Sportlerinnen und Sportlern außerhalb des Sportlichen, welche Räume, Methoden und Materialien stehen hierfür zur Verfügung? Und braucht es im digitalen Zeitalter noch die ständige Präsenz des gesamten Staffs auf dem Trainingsgelände oder kann ein(e) Videoanalyst(in) oder ein(e) Cheftrainer(in) auch regelmäßig mobil von zu Hause aus arbeiten, um so Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen und eine Life-Balance zu leben, die gesünder ist und am Ende allen hilft?

Wie denken Sie über „New Sport“? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Kommentare.

Ihr Michael Micic

About the author

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Michael Micic

Senior Referent Personalentwicklung & Coach, Bertrandt Technologie GmbH

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Michael Micic, ausgebildeter Sportmanager, Theologe und Coach, erster Life-Coach in einem deutschen Profifußballverein (1. FC Köln), arbeitet als Personalentwickler in der Automobilindustrie und Life-Coach im Spitzensport. Zu seinen Referenzen zählen A- und U-Nationalspieler. www.michael-micic.com
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