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Markus Väth

Markus Väth

für New Work, Psychologie

New Work: Raus aus dem Nebelbegriff!

In Gesprächen und Diskussionen höre ich immer wieder: „New Work, das kann ich nicht so richtig greifen. Hat das nicht mit der Digitalisierung zu tun?“ oder „New Work? Klar, das ist das, wo sie jetzt alle zusammen ihren Chef wählen!“ oder „New Work?“ Du meinst wohl New York!“ War alles schon da.

Nun bin ich ein Mensch, der die Dinge genau wissen will. Schon in meiner Coaching-Ausbildung bin ich damit angeeckt. Da wurden uns Teilnehmern mehr oder weniger bunt zusammengewürfelte Theorie-Fetzen präsentiert, die man mit viel gutem Willen „eklektisch“ nennen könnte. Nur für einen ausgebildeten Psychologen mit Ahnung erschien das wie Kraut und Rüben. Leider wurden meine kritischen Fragen dahingehend mit einem Rüffel beantwortet: „Markus, jetzt sei doch mal offen! Vergiss mal deine Schubladen!“ Ich bin allerdings heute noch der Meinung, dass solides Wissen nichts mit Schubladendenken zu tun hat. Aber sei’s drum. Die Dinge genau wissen will ich immer noch.

Ein Turnschuh ist kein Gummistiefel

Auch bei New Work sollten wir uns langsam darum kümmern, den Begriff zu schärfen. Nur wenn wir wissen, was wir unter New Work verstehen, können wir Fragen beantworten wie: Woran erkenne ich ein New Work-Unternehmen? Was will New Work überhaupt? Auf welchen Gedankengebäuden setzt New Work auf? Und um diesen Prozess zu starten, will ich heute mit der Frage beginnen: Was will New Work?

Stellen Sie sich vor, Sie wollen in einem Geschäft einen Turnschuh kaufen und wüssten nicht genau, wie ein Turnschuh aussieht. Dem Verkäufer sagen Sie: „Naja, die Dinger haben oben zwei Löcher und man kann Füße reinstecken.“ Hm. Zum Schluss bringt er Ihnen Gummistiefel. Und hätte nicht mal unrecht. Deswegen sollten wir den Turnschuh bzw. New Work möglichst präzise beschreiben können. Nicht nur für uns, sondern auch für den armen Schuhverkäufer.

Talking about a revolution

Machen wir uns nichts vor: New Work versteht sich als revolutionäre Bewegung. Der New Work – Begründer Frithjof Bergmann stellt das Lohnarbeitssystem radikal in Frage und übt deutliche Kritik am heutigen Kapitalismus. Er ist Philosoph und will das Wesen der Arbeit vom Kopf auf die Füße stellen. Nur ein bisschen „agil sein“ oder „digital transformieren“ geht im Sinne des New Work daher genauso wenig wie „ein bisschen schwanger sein“. Daher sind die Instrumente, von Scrum über Design Thinking bis hin zu Open Spaces etc. das Korn, das auf fruchtbarem Acker wachsen muss. Kein Korn ohne Acker, keine New Work – Instrumente ohne entsprechende Haltung. Es geht also in erster Linie nicht um eine technische, sondern um eine kulturelle Revolution. Diese Revolution soll auf drei Ebenen stattfinden: Mensch, Organisation, Gesellschaft. Und sie hat auf diesen drei Ebenen große Ziele. New Work will

  1. Menschen eine berufliche Entfaltung entlang ihrer Stärken und Bedürfnisse ermöglichen,
  2. Organisationen an die Bedingungen einer komplexen (Arbeits-)Welt anpassen und
  3. in der Gesellschaft auf einen maßvollen Kapitalismus hinarbeiten.

Ihr könnt euch die Ziele hier herunterladen (entweder als PowerPoint oder als PDF) und das gern in euren Präsentationen oder sonstigen Materialien verwenden – nur lasst bitte das Copyright drauf oder verweist der Fairness halber auf mich als Urheber.

Keine Konzepte, sondern Menschen verändern Verhältnisse

Eine Organisation, die sich New Work verschreibt, sollte sichtbar daran arbeiten, obige Ziele zu verwirklichen. Im Diskurs, auf Panels oder in Fachbeiträgen kommen wir immer sehr schnell auf die mittlere Ebene, die Organisation und sprechen über Agilität, Demokratisierung, VUCA, disruptiven Wandel oder ähnliches. Aber Konzepte verändern keine Verhältnisse. Menschen verändern Verhältnisse. Deshalb sollten wir uns auch mit dem Menschen an sich beschäftigen. Eben mit seinen Stärken und Bedürfnissen. Wie wir ihnen auf die Spur kommen und wie sie den Arbeitsprozess am besten unterstützen. Sonst haben wir mit New Work irgendwann das nächste tote technokratische Konzept. Dann können wir gleich McKinsey in die Unternehmen reinschicken. Das Gleiche gilt für die größere Dimension der Gesellschaft. New Work hatte und hat einen politischen Gestaltungsanspruch. Dazu zählen etwa Ökologie, soziale Gerechtigkeit, eine Wirtschaft des minimalen Kaufens und ein positives Menschenbild. New Worker sollten auch Botschafter dieser politischen Haltugn sein und nicht nur Kritik innerhalb des Systems üben, sondern auch Kritik am System.

Ich schlage jetzt mal einen Pflock ein und sage: Die drei oben genannten Ziele sind die Hauptziele von New Work und möchte eine entsprechende Debatte starten. Worin zeichnet sich New Work eurer Meinung nach aus? Gibt es weitere / andere Ziele? Eventuell steht am Ende ein Kriterienkatalog, der von vielen Experten und kundigen Stimmen getragen wird. Und wäre das nicht ein echter Mehrwert, wenn sich Unternehmen auf diesen Kriterienkatalog stützen könnten? Ich bin gespannt auf euer Feedback.

[Dieser Artikel erschien zuerst als Denksprung-Kolumne auf meiner Homepage.]

Über den Autor

Markus Väth
Markus Väth

Co-Founder, humanfy | Think Tank

für New Work, Psychologie

Leidenschaftlicher Psychologe, New Work - Vordenker und Co-Founder des Think Tanks humanfy. Aktuelles Buch: "Arbeit - die schönste Nebensache der Welt" ("Buchempfehlung des Jahres", HANDELSBLATT).