Probleme beim Einloggen
Dr. Peter Kreuz

Dr. Peter Kreuz

für Querdenken, Vordenken & Andersdenken

Nur Idioten haben keine Zweifel

Die Parteivorsitzende hält kurz inne, denkt über die Frage des Journalisten nach und sagt dann: »Ich zweifle, ob ich das Richtige tue. Ich gebe zu, ich weiß es nicht.« Ein lautes Raunen geht durch das Publikum der Pressekonferenz. Die Augenbrauen des Fragestellers wandern in die Höhe. Andere Journalisten rutschen auf der Stuhlkante nach vorn, halten Block und Stift umklammert und formulieren schon mal im Geiste den Aufmacher der Titelseite: Parteivorsitzende vollkommen planlos! Steht Rücktritt bevor?

So liefe es wohl, wenn Politiker oder andere Entscheidungsträger vor laufenden Kameras zweifeln würden: Die öffentliche Hinrichtung ließe nicht lange auf sich warten. 

Seine Zweifel öffentlich zu Gehör zu bringen, ist ähnlich deplaziert wie ein lauter Rülpser beim stillen Gebet in der Kirche.

Gefragt sind Macher und keine Zweifler. Das oberste Gebot für alle, die sich berechtige Hoffnungen auf ihre Wiederwahl machen wollen: Zweifel beiseite schieben und Gewissheit verbreiten – auch dann, wenn es nur Hoffnungen oder Erwartungen sind. Macher kennen keine Zweifel. Sie kennen keine Fragen. Sie kennen nur Antworten.

Aber all das kann nicht verdrängen, dass Zweifel zum Leben gehören. Das wissen wir spätestens seit René Descartes, dem Vater der Aufklärung: »Der Zweifel ist der Weisheit Anfang.« Ohne Zweifel gibt es keine Bewegung, nichts Neues, keinen Fortschritt. Dass der Mensch in der Lage ist, all das, was ihm seine Sinne als Wirklichkeit nahe legen, zu bezweifeln, war für Descartes ein Zeichen dafür, dass der Mensch ein Bewusstsein hat.

Wer zweifelt, denkt. Wer zweifelt, existiert.

Anders ausgedrückt heißt das: Nur der Dumme kennt keinen Zweifel. Zweifel sind kein Zeichen von charakterlicher Instabilität, sondern wertvolle Impulse für unsere Entscheidungen. Sie können schlichtweg nicht entschieden und selbstbestimmt leben, ohne Zweifel auszuhalten. Leicht ist das nicht, aber es gehört zum Leben dazu. Der Schauspieler Matthias Brandt hat das in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so ausgedrückt: »Jeder, der alle Tassen im Schrank hat, ist doch zerfressen von Selbstzweifeln. Die Irren, die richtig Gefährlichen – das sind die, die glauben, dass sie gut sind.«

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Zweifel wenig angebracht sind. Der Autofahrer, der angesichts des mitten auf der Straße liegenden Reifens unschlüssig ist und zweifelt, ob er eine Vollbremsung machen oder besser das Steuer nach links reißen sollte. Fakt ist: Zweifeln kostet Zeit. Und zu viele Zweifel machen handlungsunfähig. Deshalb sind in Situationen, in denen eine schnelle Bauchentscheidung gefragt ist, Zweifel unangebracht. Zweifel sind also immer dort angebracht, wo es um wichtige Entscheidungen mit weitreichenden Folgen geht oder um Lösungen für Probleme, die sich nicht nach Schema F abwickeln lassen.

Klingt logisch, macht aber leider auch viel Arbeit. Nachdenken, Abwägen, Hinterfragen – das verlangt die Fähigkeit, Alternativen kritisch und selbständig zu bewerten. Doch genau das haben viele nie gelernt. Stand das etwa auf dem Stundenplan in der Schule? Na also! Und natürlich ist eine Gesellschaft, in der Zweifel als etwas Negatives gelten, praktisch für alle Machthaber. Wenn Bürger so dressiert sind, dass Hinterfragen, Differenzieren, Zweifeln und Neubewertung nicht erforderlich sind, dann ist vorherrschende Meinung und Lehre »alternativlos«.

Diese alte Logik hat ihr Verfallsdatum längst überschritten. 

Wir können uns keine blökenden Schafherden mehr leisten – weder in der Gesellschaft noch in der Wirtschaft.

Doch dazu braucht es eine Kultur, in der Zweifel nicht als Schwäche ausgelegt werden, sondern als Zeichen der Mündigkeit. Das ist einer der Kerngedanken der Aufklärung: Der Mensch soll selbst entscheiden und handeln und ist für sich selbst verantwortlich. Man darf, ja man muss sogar zweifeln, denn »wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind«, sagte der französische Jesuit und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin.

Über den Autor

Peter Kreuz ist Bestsellerautor, gefragter Vortragsredner und Managementberater. Seine Mission ist es, Denkmauern einzureißen und den Horizont zu öffnen für eine neue Art zu leben und zu arbeiten. In seinen mittlerweile neun Büchern, seinen Vorträgen und seinem Blog propagiert er frisches Denken und Handeln jenseits des Mainstreams. Mit seinem einflussreichen Newsletter Backstage Report erreicht er jede Woche über 30.000 begeisterte Leser.

In seinem Buch „Nur Tote bleiben liegen: Entfesseln Sie das lebendige Potenzial in Ihrem Unternehmen“ zeigt er, wie durch radikal anderes Denken und Handeln ein vollkommen anderes Management gelingen kann, von dem alle profitieren – das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Kunden.

Mehr über Peter Kreuz: www.foerster-kreuz.com

Über den Autor

Dr. Peter Kreuz
Dr. Peter Kreuz

Speaker, SPIEGEL-Bestsellerautor & Intl. Management Consultant, Erfolg im Umfeld von Digitalisierung, Disruption & tiefgreifenden Veränderungen.

für Querdenken, Vordenken & Andersdenken

„Er nimmt als Managementvordenker in Deutschland eine Schlüsselrolle ein“, schreibt der Focus. Der Unternehmer, Vortragsredner und Autor bringt Führungskräfte und Teams dazu, sich aus Denkschablonen zu befreien, Scheuklappen abzulegen und ausgetretene Pfade zu verlassen.
Mehr anzeigen