Svenja Hofert

Svenja Hofert

for New Work, Arbeit der Zukunft, Postagilität, Wirtschaft und Psychologie

Querdenker: Ein Narr, der fragt

Der Hofnarr wird gern vom Hof gejagt

Sie haben Konjunktur, jedenfalls außerhalb der Politik:

„Querdenker-Consultant“, „Pädagogische Querdenker“, „Innenarchitekten & Querdenker“ - in zahlreichen aktuellen Stelleninseraten sind Menschen gesucht, die quer denken sollen. Doch was ist quer denken? Ganz einfach: Dumme Fragen stellen. Fragen, die sich keiner sonst traut zu stellen. Fragen, die verstören. Und die stören.

Querdenker sind also Fragende. Vor vielen Fragen stehen Menschen,

  • die zweifeln,
  • die wissen wollen,
  • die verstehen möchten,
  • die viel lesen und denen dabei Widersprüche auffallen oder
  • deren gesunder Menschenverstand „da ist was faul meldet“.

Im Kern ist Querdenken also etwas Philosophisches. Sokrates war ein Querdenker. Er starb durch den Schierlingsbecher. In manchen Ländern werden Querdenker immer noch hingerichtet.

Querdenken aus Sicht der Persönlichkeit

Aus psychologischer Sicht sind typische Charakteristika von Querdenkern:

  • eine teils weit überdurchschnittliche Offenheit,
  • Neugier,
  • Growth Mindset,
  • Geringe Angepasstheit,
  • Wenig Regel- und Normorientierung.

Und solche Menschen wollen Organisationen ernsthaft einstellen? Ich bitte Sie!

Gleichgeschaltet oder ausgerupft

In geschlossenen Systemen werden sie entweder gleichgeschaltet oder wie Unkraut ausgerupft. Niemand möchte Querdenker, die wirklich in diesem beschriebenen Sinn quer denken. Man möchte etwas anderes. Querdenker in den Stellenanzeigen und der Wortpropaganda des Managements heißt: Wir suchen Leute, die unsere Probleme lösen - aber bitte lokal und begrenzt. Der Querdenker soll sein geniales Gehirn doch bitte kurz verleihen, seinen Widerspruchsgeist aber zu Hause lassen.

Keine Hofnarren

Querdenker sind keine Hofnarren, die alles sagen können… Zu clever, zu komplex ihre Gedanken – das macht Angst. Wenn sie denn wenigstens verrückt wären! Oft sind Querdenker indes besonders rational. Manchmal haben sie einen höheren IQ. Noch öfter haben sie das, was das Big Five-Faktorenmodell „niedrige Verträglichkeit“ nennen. Übersetzt: Sie passen sich nicht an. Oder auch: Zu rational, um sich „nur“ um der Beziehung oder Norm willen unterzuordnen. Zu verbunden mit Ideen, zu gefüllt mit Moral, zu erfüllt von einem Glauben und sei es den an die Wissenschaft.

Sich treu bleiben statt anpassen

Ach, emotional. Jeder Mensch ist das. Es gibt nur solche, die ihre Emotionen stark kontrollieren und solche, die das weniger tun. Es ist immer die Frage, auf was man sich da gerade konzentriert – den Menschen, die Normen, die Sache, sich selbst. Manche Querdenker sehen das alles. Sie nehmen mehr Aspekte wahr als andere. Auch das macht sie lästig. Manche verfolgen ein Prinzip auf der Basis des Glaubens an ein höheres Gut. Sie wollen sich selbst treu sein bleiben, auch wenn alle gegen sie sind. Das ist leichter in einer gesicherten Position. Das ist schwer, wenn man gerade als „Querdenker-Consultant“ begonnen hat. Es gibt Querdenker, die sich all dem bewusst sind und deshalb klug kommunizieren. Es gibt aber auch andere.

Denkräume werden kleiner in Krisen

Manche denken heimlich quer, gerade in Corona-Pandemiezeiten, aber auch bezogen auf Flüchtlingskrise oder Klima. Überall scheinen Denkräume kleiner geworden. Zum Beispiel ist es Querdenken öffentlich zu bezweifeln, dass das agile „Spotify-Organisationsmodell“ in einer Bank funktionieren kann. Man wird dort dann keinen Auftrag bekommen. Und als Mitarbeiter hat man es auch schwer.

Graswurzeln verdorren in den Organisation. Eine falsche Strategie muss erst gegen die Wand fahren. Der Querdenker wird besonders in der Krise zum nervigen „Bedenkenträger“.

Querdenker strengen an

Mit Querdenkern zu leben und arbeiten ist anstrengend. Sie lassen einem keine Ruhe. Sie forschen unermüdlich weiter. Sie hören auf ihre Intuition. Und sie lassen sich nicht vereinnahmen. Deshalb brauchen sie einen besonderen Status. Ein besonders offenes Umfeld. Die echte Bereitschaft, sich auf andere Gedanken einzulassen…

Dazu braucht es ein entsprechendes Klima. Der Narr braucht Narrenfreiheit, sonst wird er vom Hof vertrieben. Deshalb betreiben jetzt manche ihre eigenen Narren. Der Hofnarr zieht im Kulturwandel offiziell in die Organisation ein. Es ist der, der alles benennen und sagen darf.

Ob das funktioniert?

Ich habe Zweifel.

About the author

Svenja Hofert
Svenja Hofert

Geschäftsführerin, Teamworks Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH

for New Work, Arbeit der Zukunft, Postagilität, Wirtschaft und Psychologie

Unternehmensberaterin, Buchautorin, Ausbilderin, Key Note Speaker mit Blick für Zusammenhänge und einem Gespür für das, was kommt. Schreibt für Verbindung und gegen Schwarzweißdenken.