Jean-Luc Arpaia

Jean-Luc Arpaia

for Recruiting, Active Sourcing, Employer Branding, New Work

Remote Recruiting: Wie man erfolgreich aus dem Homeoffice rekrutiert

Das Coronavirus stellt bewährte Unternehmensprozesse auf die Probe. Viele Firmen sind bereits komplett im Homeoffice oder haben Veranstaltungen intern und extern abgesagt. Die Einladung eines Kandidaten zum Vorstellungsgespräch, vor Ort im eigenen Unternehmen, wird zunehmend schwerer – und im Homeoffice, in den „eigenen vier Wänden“ möchten wahrscheinlich nur wenige Recruiter oder Fachbereiche ihre Kandidaten empfangen. Welche Möglichkeiten bestehen also nun, den Recruiting-Prozess weiter voranzutreiben?

Der logische erste Schritt, ist der Griff zum Telefon. 

Viele Firmen nutzen bereits Telefoninterviews, um in frühen Phasen mit dem Kandidaten in Kontakt zu kommen und um sich ein persönliches Gespräch, auch aus Effizienzgründen, zu sparen. Telefoninterviews können 20-60 Minuten dauern und unterschiedliche Zwecke erfüllen.

1) Das 20-30 Minuten Gespräch:

In der Anbahnung eines Recruiting-Prozesses, kann es reichen in einem kurzen 20-30 Minütigen Gespräch das eigene Unternehmen und die Rolle besser vorzustellen und zu erfahren, wo der Kandidat gerade persönlich steht. Warum er möglicherweise wechselmotiviert ist und welche Erwartungen er an den neuen Job hat. In einem kurzen Gespräch können folgende Parameter bereits abgesteckt werden: Kündigungsfrist, Gehaltswünsche, Perspektiven für die neue Position, etc.

Es ist ein kurzes knackiges Gespräch, in dem es um die wichtigsten Must-Have Faktoren auf beiden Seiten geht. Im Gegensatz zu einer E-Mail kann in diesem Gespräch bereits eine persönliche Beziehung zum Kandidaten und für den Kandidaten zum Unternehmen aufgebaut werden. Der persönliche, direkte Kontakt ermöglicht die Vereinbarung weiterer Schritte und hilft dabei festzustellen, ob der Prozess überhaupt fortgeführt wird.

2) Ein ausführliches Gespräch am Telefon

Das Telefongespräch kann in manchen Fällen auch ausführlicher gestaltet werden. Besonders wenn es bereits darum geht, einen detaillierten Eindruck der Motivation und der beruflichen Erfahrungen des Kandidaten zu bekommen. Um genau zu verstehen, was diesen in einem Job motiviert oder frustriert, woraus die Person Energie zieht oder in welchen Tätigkeiten die Person Energie verliert.

Ein solches Telefoninterview geht meist 45-60 Minuten und ist bereits sehr umfassend – hier können wir viel Wissen über den Kandidaten generieren und unser persönliches Interview, bereits „auf der Tonspur“ durchführen.

Zwar fehlt beim Telefonieren der visuelle Part, allerdings lässt sich auch am Telefon etwas für den Beziehungsaufbau tun. Im Hintergrund hörst Du Kinder spielen oder eine Katze Miauen? Sprich den Kandidaten darauf an. Das ist der perfekte Eisbrecher und der Kandidat erzählt dann meist schon etwas von sich persönlich, wie: „Ja ich habe zwei Haustiere, die sind mir besonders wichtig“ oder „ Ja, meine Kinder und meine Frau sind gerade rein gekommen. Die waren grad einkaufen“ Es ist einfach auf solche Aussagen Bezug zu nehmen und eine persönliche Verbindung herzustellen, die bereits am Telefon eine „Wohlfühlatmosphäre“ für den Kandidaten schafft. Was es auch ist, Glockenleuten im Hintergrund? „Wow, wohnen Sie neben der Notre Dame?“ „Nein, aber an einer kleinen Kirche in XYZ …“ Durch diese Atmosphäre bekommt das Telefonat bereits eine andere Wertigkeit und wirkt weniger steril. Der Kandidat fühlt sich wohl und wird im Telefonat viel offener und zugänglicher sein. Und als Nebeneffekt ist es für uns selbst so auch viel schöner.

Video Conferences bekommen nun ihre große Chance:

GoTo-Meeting, WebEx, Zoom, Skype – welches Tool es auch sein mag. Die Möglichkeiten sich virtuell zu begegnen sind vielfältig und stehen dem persönlichen Gespräch vor Ort inzwischen in nichts nach. Mir wurde vor einigen Wochen von einem komplett digitalen Recruiting-Prozess über Videokonferenzen berichtet und das Fazit des Kandidaten: Es war grandios und er wünschte es gäbe mehr davon! Aber wie lief das genau ab?

Vor den virtuellen Gesprächen gab es zwei Telefonate und E-Mail Kontakt mit dem Recruiter und dem Hiring Manager. Als dann klar war, dass man gemeinsam den nächsten Schritt gehen möchte, ergab sich ein Interview mit folgender Agenda:

  1. Kennenlernen: HR und Hiring Manager/Fachbereich (30 Minuten)
  2. Case Vorstellung über Screen-Share (30 Minuten)
  3. Nachbesprechung des Cases: Fragen und Themen (30 Minute)
  4. Kennenlernen des Teams mit 3 Personen (30 Minuten)
  5. Feedback und Abschluss mit Hiring Manager/Fachbereich und HR (30 Minuten)

Der Prozess war für 2,5 Stunden angesetzt und wurde über ein Video-Konferenz-Tool abgehalten.

Die Teilnehmer schalteten sich aus verschiedenen Ländern zu. Teil 1-3 fand in einem Block mit dem Recruiter und dem Hiring Manager statt. Dafür gab es einen Konferenz-Link. Für den vierten und fünften Teil gab es dann jeweils separate virtuelle Räume, in denen sich die Teams und der Kandidat einwählen konnten.

Insgesamt also drei verschiedene Konferenz-Links, die dem Kandidaten vorher in der Termineinladung zugesandt wurden. Das Interview verlief reibungslos. Dieses Beispiel zeigt, dass durch die guten technischen Möglichkeiten dem Remote Recruiting nichts mehr im Wege steht und unsere Prozesse auch in Zeiten, in denen ein persönliches Treffen nicht möglich ist, funktionieren können.

Allerdings gibt es einige Dinge, die man beachten sollte um auch aus dem Homeoffice einen professionellen Auftritt zu gewährleisten.

1. Das Licht

Klingt banal, ist aber sehr wichtig: Schaut, dass ihr gut zu sehen seid. Das Gefühl des persönlichen Kontakts ist stärker, wenn man sein Gegenüber auch richtig erkennen kann. Ansonsten täte es ja auch das Telefon. Optimalerweise platziert ihr eure primäre Lichtquelle hinter eurer Kamera und prüft euer Bild einmal, bevor es losgeht.

2. Der Augenkontakt

Eure Kamera sollte auf Augenhöhe platziert sein. Wenn ihr mit einem Laptop arbeitet könnt ihr mit einem kleinen Bücherstabel die Kameraposition optimieren. So klappt es besser mit dem Augenkontakt. Versucht außerdem euer Gegenüber anzuschauen und euer Spiegelbild auf dem Screen zu ignorieren.

3. Testen, testen, testen

Wir kennen es alle: Der Ton funktioniert nicht, die Präsentation lässt sich nicht teilen…um solche Szenarien zu vermeiden und das Unternehmen professionell zu repräsentieren empfiehlt es sich vorher einen kleinen Testlauf mit den Kollegen durchzuführen. Geht auch ganz schnell und kann vor unangenehmen Situationen schützen.

4. Störfaktoren

Solltet ihr nicht alleine zuhause sein, stellt sicher, dass keiner in euer Gespräch reinplatzt. Schließt die Tür und stellt sicher, dass der Kandidat für das gesamte Gespräch im Zentrum eurer Aufmerksamkeit steht.

5. Die persönliche Beziehung

Schaut Euch im Raum Eures Gegenübers um: „ Die Sonne scheint durch ein Fenster strahlend hinein? Sprecht es an! „Bei Dir ist ja ein toller Tag heute, so wie die Sonne hineinscheint“. In unserem oben beschriebenen Beispiel stand bei einem der Teilnehmer auf einem Regal eine DVD-Box der berühmten Sitcom „Friends“. Ein anderer Teilnehmer des Calls sprach das an – „Friends, ich liebe diese Serie!“ und auf einmal hatten alle im Call eine Gemeinsamkeit. Es wurde gelacht, darüber gesprochen, was es sonst noch für tolle Serien gibt und die Atmosphäre wurde aufgelockert.

Dem Kandidaten und allen anderen fiel es dadurch viel leichter, auch tiefgreifende oder kritische Fragen zum Job, dem Unternehmen und der Rolle oder einzelnen Personen zu stellen. Das Gespräch war auf einmal kein oberflächlicher Smalltalk mehr, sondern ein Gespräch unter gleichgesinnten, die eine Verbindung zueinander verspüren.

Das ist es worauf es ankommt: Eine menschliche emotionale Verbindung zu schaffen - trotz digitalem Medium und räumlicher Ferne.

Der Abbruch des Recruiting Prozesses ist keine Option. Denn wenn wir erst einmal den Prozess abgebrochen haben, brauchen wir wahrscheinlich mehrere Wochen, bis dieser wieder anläuft. Wir brauchen für die kommenden Wochen also zwingend eine digitale Lösung und uns steht all das nötige Werkzeug dafür zur Verfügung. Liebe Unternehmen: Bitte stellt Euch darauf ein.

Wie sind Eure Erfahrungen bisher mit Remote Recruiting aus dem Homeoffice?

Wir freuen uns über Eure Erfahrungen und Ideen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.recruitingzirkus.de

About the author

Jean-Luc Arpaia
Jean-Luc Arpaia

Senior Customer Success Manager | Trainer für E-Recruiting mit XING, XING E-Recruiting

for Recruiting, Active Sourcing, Employer Branding, New Work

Sowohl in meinem persönlichen Projekt „recrutingzirkus“, als auch in meiner Rolle bei XING als Senior Customer Success Manager, bin ich ganz nah an den Themen Active Recruiting, Employer Branding und New Work dran. Ich freue mich auf einen spannenden Austausch mit Euch - Manege frei! Euer Jean-Luc
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