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Chris-Oliver Schickentanz

Chris-Oliver Schickentanz

for Kapitalmarkt und Geldanlage

Sparbuch und Tagesgeldkonto haben vorerst als Vermögensinstrumente ausgedient

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Über 2,5 Billionen Euro an Privatvermögen liegen unverzinst auf Tagesgeldkonten und Sparbüchern.

Zu Jahresbeginn setzten gut 70 Prozent der befragten Volkswirte darauf, dass die EZB 2019 die Zinswende einläuten wird. Sicher: Große Sprünge erwartete niemand. Aber zumindest den Einstieg in den Ausstieg der aggressiven Geldpolitik. Auch viele Privatanleger waren sich sicher: Die Nullzinsphase läuft bald aus. Anders kann man es kaum erklären, dass noch immer über 2,5 Billionen Euro an Privatvermögen unverzinst auf Tagesgeldkonten und Sparbüchern liegen. Und heute? Spricht der EZB-Chef über mögliche Zinssenkungen, nicht über Zinserhöhungen. Damit wird klar: Der Sparer wird noch jahrelang ohne Zinsen leben müssen.

Man muss also dafür blechen, dass man sein Geld dem deutschen Staat zur Verfügung stellt.

Historische Rekorde

Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ist der deutsche Privatanleger bereits einiges gewohnt. Dass langlaufende deutsche Staatspapiere keine Zinsen mehr abwerfen, ist aber selbst für Hartgesottene starker Tobak. Dass die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen gar unter die Nulllinie fällt, ist außerhalb von akuten Krisenphasen noch nie vorgekommen. Und doch haben deutsche Staatspapiere mit Laufzeit bis 2029 derzeit ein historisches Renditetief von minus 0,24 Prozent erreicht. Auf gut deutsch: Wer Finanzminister Scholz sein Geld leiht, muss dafür eine Mitgift mitbringen. Man muss also dafür blechen, dass man sein Geld dem deutschen Staat zur Verfügung stellt. Eine kuriose Situation!

Wie konnte es soweit kommen?

Faktor 1: Schwaches Wirtschaftswachstum

Die Wirtschaft in der Eurozone schwächelt. Neben den geopolitischen Belastungsfaktoren (vor allem dem Handelsstreit) gibt es dafür auch hausgemachte Gründe: Die Dieselkrise hat die Automobilindustrie ins Mark getroffen und führt dazu, dass Bestellungen und Produktion deutlich gebremst werden. Darüber hinaus verunsichert die Schuldenpolitik in Italien und Frankreich viele Unternehmer, Gelder werden zurückgehalten und nicht investiert. Der Konsument bleibt zwar eine wesentliche Konjunkturstütze, scheint aber auch nicht mehr gewillt zu sein, mehr auszugeben als bisher. Mit Blick nach vorne gibt es zudem zwei erhebliche Risikofaktoren: US-Strafzölle für europäische Autos und Autoteile und ein möglicher harter Brexit. Entsprechend wird die EZB derzeit alles tun, um das fragile Pflänzchen Aufschwung nicht zu gefährden – sprich: die Zinsen bei Null zu belassen und die Fantasie zu beleben, dass man im Zweifel sogar mehr tun könnte.

Faktor 2: Die Inflation kommt nicht in Gang

Trotz Nullzinsen seit mehr als drei Jahren und billionenschwerer Anleihekäufe: die Inflation in der Eurozone will nicht in Gang kommen. Selbst die Abschwächung des Euros hatte bisher nicht den von der EZB gewünschten Effekt auf die Teuerungsrate. Sie krebst – bereinigt um Energie und Nahrungsmittel – bei rund 1 Prozent vor sich hin – weit entfernt vom 2-Prozent-Ziel der EZB. Damit sind die europäischen Notenbanker in ihrem selbst gesetzten Framework zunächst weiter gezwungen, inflationsstimulierende Maßnahmen zu überlegen. Und das bedeutet: Zinssenkungen sind wahrscheinlicher als Zinserhöhungen!

Faktor 3: Die Staatshaushalte machen wieder Sorgen

In den letzten drei Jahren schien die Haushaltsdisziplin in der Eurozone die größten Ängste vor einer neuerlichen Staatsschuldenkrise zu zerstreuen. Doch spätestens seit dem Regierungswechsel in Italien muss sich die EZB mit neuen Tönen (und Schulden) herumschlagen. Auch das wird die Begeisterung für Zinserhöhungen begrenzen.

Faktor 4: Die US-Notenbank lenkt um

Für die EZB ebenfalls nicht gerade willkommen ist der Strategiewechsel der US-Notenbank. Sie dürfte angesichts der wachsenden Risikofaktoren für die Weltwirtschaft ab dem dritten Quartal die Zinsen senken. Das würde normalerweise den US-Dollar schwächen, da er an Unterstützung durch den aktuell drastischen US-Zinsvorteil verliert. Kein schönes Szenario für die EZB, weil dadurch Wachstum und Inflation eher gedrosselt werden. Entsprechend muss sie hier gegenhalten und zumindest die Fantasie der Anleger hochhalten.

Was heißt das genau?

In Summe rechnen wir im weiteren Jahresverlauf damit, dass die EZB den ohnehin schon deutlich negativen Einlagenzins noch einmal weiter absenken wird. Damit wird klar: eine Zinswende nach oben wird es auf absehbare Zeit, also in den kommenden Jahren, nicht geben. Wir rechnen nun nicht vor 2022 mit einem Zinsschritt der EZB nach oben und damit frühestens 2024/2025 mit wieder auskömmlichen Leitzinsen auf Inflationshöhe. Allerdings sehen wir erhebliche Risiken für diese Prognose. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass uns in drei bis vier Jahren eine normale Rezession ereilt und damit einen weiteren Aufschub der EZB erfordert.

Fazit: Vom Sparer zum Anleger bleibt das Motto

Schon seit 2011 predigen wir, dass Vermögenserhalt nur mit Wertpapieren wie Aktien, Rohstoffen und Immobilien möglich ist. Daran wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern. Sparbuch und Tagesgeldkonto haben vorerst als Vermögensinstrumente ausgedient. Sie eignen sich nur noch als Liquiditätspuffer, verbrennen aber über die Zeit Kaufkraft. Anleihen sind auf dem aktuellen Renditeniveau ebenfalls keine ernsthafte Anlagealternative. Hier gilt es ebenfalls, vorsichtig zu bleiben.

About the author

Chris-Oliver Schickentanz
Chris-Oliver Schickentanz

Chefanlagestratege, Commerzbank AG

for Kapitalmarkt und Geldanlage

Chris-Oliver Schickentanz leitet als Chefanlagestratege die Commerzbank-Investmentstrategie für Privatkunden. Nebenberuflich referiert er an den Hochschulen in Passau und Darmstadt und der Frankfurt School of Finance. An der TU Darmstadt studierte er Psychologie mit den Nebenfächern BWL und Recht.
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