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Markus Väth

Markus Väth

für New Work, Psychologie

Über Facebook, Denkpausen und guten Burgunder

Das wird kein Facebook-Bashing-Artikel. Bashing liegt mir fern, dafür sind Alice Weidel oder die heute-show zuständig. Und allein die Tatsache, dass zwei so unterschiedliche politische Player jederzeit, praktisch aus dem Effeff bashen können, zeigt eine gewisse Beliebigkeit des Konzepts. So wie jeder Mensch irgendwie Autofahren kann, kann auch jeder Mensch irgendwie irgendetwas schlechtreden. Darum also kein Bashing.

Die eigene Grenze

Trotzdem, das muss einfach raus, habe ich kürzlich meinen Facebook-Account deaktiviert. Aus Gründen der mentalen Hygiene. Sie kennen das: Einmal zu viel vom leckeren Burgunder gekippt, schon kann man nicht mehr laufen. So ging es mir irgendwann mit Facebook. Daher bin ich dem guten alten amerikanischen Motto gefolgt, das gerade wieder sehr aktuell zu sein scheint: Kill it before it kills you. Mach‘ es fertig, bevor es dich fertig machen kann. Und bevor ich diesen radikalen Ansatz bei gutem Wein probiere, habe ich also erstmal Facebook gekillt.

Damit will ich weder darauf hinaus, dass Facebook an sich schlecht ist noch dass Sie meinem allegorischen Schicksal folgen und Ihren Facebook-Account kündigen sollen. Vielmehr wurde mir etwas anderes klar, als ich versonnen auf den „Delete“-Button starrte: Jeder muss heute seine eigenen Grenzen ziehen. Sie, ich, jeder. Das gilt besonders für unsere Arbeit und unsere mentale Belastung. Kennen Sie das Sprichwort "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott?" Das stimmt prinzipiell immer noch. Wir müssen die Grenzen unserer mentalen Belastung selbst prüfen und schützen. Wenn Sie das können, ist auch Facebook eine coole Sache.

Früher waren die Dinge einfacher. Erstens hatten wir gar nicht die Technik, um überall erreichbar und kommunikationsbereit zu sein. Zweitens fand Arbeit in einem festgelegten physischen Gebiet statt, so etwas wie einer privat entmilitarisierten Zone. Man ging rein, machte seinen Job, redete, telefonierte, schweißte und ackerte. Dann ging man wieder heim, mit Dreck und Ruhm bedeckt. Diese Zeiten sind vorbei. Schon heute geben 83 Prozent der XING-Mitglieder an, dass ihre Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung zugenommen hat. Und dabei steckt die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen.

Das kleine Einmaleins

Da nun also weder die Technologie die Grenzen der Arbeit für uns zieht noch die Arbeit nur an einem abgeschirmten Ort stattfindet, bleibt uns für unsere mentale Entlastung, für unseren Seelenfrieden nur eins übrig: Wir müssen unsere Grenzen selbst ziehen. Wir müssen als arbeitende Individuen selbst dafür sorgen, dass unser Gehirn sich von Zeit zu Zeit erholen kann, damit es leistungsfähig und gesund bleibt. Und – das ist die schlechte Nachricht – das geht nur gegen Widerstand. Denn letztlich ist immer zu viel Arbeit da, es gibt zu wenig Zeit und in der Ära des Fachkräftemangels auch zu wenig Menschen, die die Arbeit erledigen. Dennoch: Brain Recovery, die Fähigkeit, sich mental zu erholen, gehört schon heute und noch viel mehr in der Zukunft zum kleinen Einmaleins der persönlichen Fähigkeiten.

Wer weiß, vielleicht steht „Brain Recovery“ irgendwann sogar auf dem schulischen Stundenplan? Das wäre jedenfalls keine schlechte Idee. So gut ich die Digitalinitiative in den Schulen finde, sollten sie den Schülern auch gleich beibringen, wie sie von Zeit zu Zeit von dem Trip wieder runterkommen. Damit sie auch morgen noch freudig bei Facebook surfen können. Und bis dahin wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei allem, was Sie tun. Und vergessen Sie nicht, ab und zu Ihrem Verstand eine Pause zu gönnen. Darauf einen Burgunder.

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Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

• In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.

• Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.

• Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Über den Autor

Markus Väth
Markus Väth

Nachdenker | Vordenker | Coach, MarkusVaeth.com

für New Work, Psychologie

Leidenschaftlicher Psychologe, New Work - Vordenker und Co-Founder des Think Tanks humanfy. Aktuelles Buch: "Arbeit - die schönste Nebensache der Welt" ("Buchempfehlung des Jahres", HANDELSBLATT).