Prof. Dr. Nico Rose

Prof. Dr. Nico Rose

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Vertrauen führt. Aber welche Führung führt zu Vertrauen?

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Am vergangenen Mittwoch stand ich mit Reiner Straub, dem Herausgeber des Personalmagazin, sowie Prof. Dr. Simon Werther, Mitgründer der Firma HR Instruments, auf der Hauptbühne der Messe Zukunft Personal Nord. Die Themen unseres Panels waren „gute Führung“ und insbesondere Feedback – inklusive der Frage, wie nützlich Apps und ähnliche Tools zur Gestaltung einer Feedback-Kultur in Organisationen sein können. Ich stellte die Ergebnisse meiner KAARMA-Studie zur Wahrnehmung von Führungskräften und zur Weiterempfehlungsbereitschaft für Vorgesetze vor. Simon Werther berichtete unter anderem über den Einsatz von softwaregestützten Feedbackinstrumenten.

Reiner Straub fragte mich auf dem Podium auch nach meinen Erfahrungen als Führungskraft und dem persönlichen Umgang mit Feedback, im Guten wie im Schlechten. Ich habe das Glück, dass wir in meinem Team zumeist offen und vertrauensvoll miteinander umgehen. Das schließt auch ein, dass mir klar mitgeteilt wird, wenn ich etwas verbockt habe. Manche machen das unmittelbar im Zwiegespräch, andere nutzen die regelmäßig stattfindenden, strukturierten Aufwärtsfeedback-Gespräche. Einen Teil dieser Erfahrungen habe ich in einem Artikel auf Zeit Online verarbeitet. Dort geht es um Führungsfehler, Lernen und die Tugend der Demut – wie auch die Frage, wer am Ende des Tages eigentlich mächtiger ist: die Führungskraft, oder die Geführten, auf deren Einsatz diese zwingend angewiesen ist, um wirken zu können.

Vertrauen unter Unsicherheit

Im Anschluss an das Panel* erinnerte ich mich an eine Anekdote aus meinem Studium der Positiven Psychologie an der University of Pennsylvania bei Martin Seligman und einigen seiner engsten Mitstreiter. Eines nachmittags wurden wir von Jane Dutton vom Center for Positive Organizations an der University of Michigan unterrichtet; es ging um Teamführung, insbesondere um die Frage, unter welchen Umständen vertrauensvolle Beziehungen entstehen. Unter anderem führten wir eine Übung aus, die ich schon einige Male im Leben erleben durfte.**

Die eine Hälfte der rund 40 Studierenden wurde für etwa zehn Minuten von der anderen Gruppe mit verbundenen Augen über die Flure der Huntsman Hall an der Wharton Business School geführt, wo unser Studium größtenteils stattfand. Ich frage mich bis heute, was all die angehenden MBAs von dieser verrückten Gruppe von Menschen hielten, die in ihren heiligen Business-Hallen Kinderspiele vollführten – aber das steht auf einem anderen Blatt. Wichtiger: Während der Übung machte ich eine prägende Erfahrung.

Feedback, gerade weil alles OK ist

Zu Beginn fühlte ich mich sicher und wohl. Meine Partnerin führte mich durch kurze Impulse mit ihren Händen an meiner linken Schulter und auch verbalen Input, beispielsweise: „Jetzt noch drei Schritte geradeaus, dann machen wir eine leichte Linkskurve.“ Etwa um die Mitte unserer Wegstrecke gingen wir einen langgestreckten Gang entlang. Ich musste etwa 20 Meter einfach geradeaus gehen. Dementsprechend hörte meine Partnerin auf, mir verbales Feedback zu geben – es erschien für den Moment nicht notwendig.

Irgendwo auf halbem Weg des Flurs wurde allerdings ein Stromkabel quer von einem Raum in den anderen geführt, überdeckt von Klebeband. Es war kein ernstzunehmendes Hindernis, aber ich war nicht vorbereitet und blieb mit einem Fuß leicht an dem Kabel hängen. Diese kurze Störung hatte zur Folge, dass das Vertrauen in meine Führungsperson sich deutlich verminderte. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich das auch kundtat, oder ob die Person einfach an meiner Körperspannung bemerkte, dass nun etwas nicht (mehr) stimmte.

Auf jeden Fall veränderte sie im Anschluss ihr Verhalten auf bemerkenswerte Art und Weise: Anstatt mich lediglich auf bevorstehende Hindernisse und notwendige Verhaltensänderungen meinerseits hinzuweisen, gab sie mir schlicht und ergreifend die ganze Zeit verbales Feedback – hauptsächlich nach dem folgenden Muster:

”Du machst das gut. Der Weg ist komplett frei. Mach einfach weiter so!”

Was war das für eine Veränderung! Ein echter Unterschied, der einen Unterschied macht, wie es im Coaching manchmal heißt. Und dazu eine starke Metapher für das tägliche (Geschäfts-)Leben, wir mir in der Rückschau scheint. Denn wenn wir schonungslos ehrlich hinsehen, dann laufen wir alle ständig mit verbundenen Augen durch die Gegend. Wir hören, sehen und spüren so wenig im Vergleich zur schier endlosen Menge an Informationen, die irgendwo da draußen ist und hilfreich für uns sein könnte. Was für einen wertvollen Unterschied machte es wohl, wenn wir regelmäßig ein "Du bist auf dem richtigen Weg!" von jemandem hörten, der aktuell über ein wenig mehr an Informationen verfügt als wir selbst.

Ergo: wenn Sie ein/e Chef/in sind, oder ein Elternteil, oder einfach nur jemand, der sich um andere Menschen sortg: Wie wäre es, diesen Personen mindestens einmal am Tag zu sagen, dass alles gut ist, und dass sie auf dem richtigen Weg sind? Nicht, weil sie etwas Besonderes vollbracht hätten. Sondern einfach, weil sie es brauchen und verdienen. Glauben Sie mir, es ist einfacher gesagt als getan. Auch ich mache das nicht jeden Tag. Aber man wird wohl noch träumen dürfen…

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* Das Ganze sollte übrigens explizit kein All-Male-Panel werden. Die weibliche Protagonistin hatte in letzter Minute abgesagt.

** Etwa zwei Jahre nach dieser Erfahrung durfte ich das Ganze nochmal in der Hardcore-Variante erleben: in 40 Metern Höhe, auf einem kaum fußbreiten Pfad in einer Steilwand in Südfrankreich. Aber da war ich schon Vertrauensprofi. :-)

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www.nicorose.de

About the author

Prof. Dr. Nico Rose
Prof. Dr. Nico Rose

Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelle Bücher: „Arbeit besser machen“ und "Führen mit Sinn". Laut Harvard Business Manager "einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.
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