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Markus Schöberl

Markus Schöberl

for Pressemedien

Visionen für den Boulevard?

© Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hat Visionen, glaubt die Fachzeitung Horizont. Um seine Mitarbeiter darauf einzuschwören, hat er ihnen eine E-Mail geschrieben. Horizont hat das Schreiben unter der Überschrift 'Reichelts Visionen' "im Wortlaut dokumentiert", d.h. auf einer ganzen Seite wiedergegeben (S. 14, Ausgabe 1-2/2020 vom 9. Januar).

Was Reichelt demnach unter dem Titel "2020 - The Decade of News" skizziert, klingt nicht nur nach einem Höllenfeuer des Boulevardjournalismus. Es klingt auch derart ungelenk, holprig, vage und steckt voller unnötiger Anglizismen, dass man gar nicht glauben mag, dass es aus der Feder ausgerechnet des Chefredakteurs von Bild stammt.

Zumal Reichelt Text im Umfang einer ganzen (Fach-)Zeitungsseite benötigt, um seine Bewegtbild-Pläne auf den Punkt zu bringen. Gleich der zweite Satz ist ein 67-Wörter-Ungetüm. Bild braucht nicht viele Worte? Reichelt schon.

Ich kann kaum glauben, dass dieses raunende Gemurkse tatsächlich von Julian Reichelt stammt. Eine entsprechende Anfrage bei der Springer-Pressestelle ist noch unbeantwortet.

Hier ein kleines 'Worst of':

Was wir schaffen, ist kein Sender, es ist nicht Fernsehen, es ist nicht linear. Es ist der ultimative Mechanismus zum Ausbau unserer Reichweite auf allen Geräten und allen Plattformen. Es ist der selbst auferlegte Zwang, unsere wertvollste Ware – einzigartige Inhalte – in ihrer wertvollsten Form zu produzieren: im Video und mit maximaler Haltbarkeit, die mit Live beginnt und sich mit On-Demand, Re-Packaging, Atomisierung und Sharability- Optimierung für alle bestehenden und zukünftigen Plattformen vollendet.

"Vollendet." Hallelujah!

("On-Demand, Re-Packaging, Atomisierung und Sharability- Optimierung" - 'Auf Abruf, neu verpackt, in kleinsten Einheiten und optimiert für das Teilen' klang wohl nicht sophisticatedgenug.)

Die Bildschirme, egal, welcher Größe, sind Mittel zum Zweck für unsere Vormacht beim wichtigsten strategischen Thema der 2020er – Live News. Bild Digital Live TV ist die Hochdruck-Technologie, die aus dem Rohstoff unserer Inhalte Diamanten mit höchstmöglicher Härte und Haltbarkeit macht.

"Diamanten mit höchstmöglicher Härte und Haltbarkeit" also. Nicht etwa windelweiche vergängliche Diamanten!

Aber dann bitte auch nicht solche, die zwei Bilder zu einem unverständlichen Metapherngewirr verspinnen. "Hochdruck-Technologie"?

Lineares TV ist für uns der Funnel in alle Bild-Inhalte auf allen Plattformen. Die Haltbarkeit unserer Inhalte, die damit verbundene Reichweite und Monetarisierung müssen zum Kreislauf werden: Unsere Live-Inhalte führen auf unsere digitalen Plattformen, führen auf fremde Plattformen, führen in die Zeitung, führen zu unseren Live-Inhalten, führen auf unsere eigenen Plattformen usw.

Das klingt grauenhaft langweilig: 'haltbare' (also wohl nicht mehr aktuelle) Inhalte auf allen Kanälen wiederkäuen. Lineares TV ist dabei kein Kanal, sondern ein "Funnel", nicht etwa 'für' sondern "in" alle Bild-Inhalte.

Unser ständiges Ziel, unser Anspruch muss sein: Wen man liebt im Leben, erkennt man daran, mit wem man zuerst teilen will, was man bei Bild gesehen hat.

'Was ich gesehen habe bei Bild, will ich teilen, mit Dir, Schatz.'

Wir fragen nicht das Volk, wir geben der Stimme der Menschen ein Zuhause.

Da kann sich die Stimme dann mit der Zukunft, der die LBS vor Jahren schon ein Zuhause gegeben hat, gemeinsam emotionalisieren.

Zuschauer-Partizipation ist bei uns fester Bestandteil aller Formate. Durch neue Technologien schaffen wir es, Zuschauer ständig und zu relevantem Anteil zu beteiligen

"zu relevantem Anteil" – nach Dutzenden Superlativen ein Anflug von Bescheidenheit?

Bei uns sind die Viewer Experten, Anchor und Kontributoren

D.h. bei Bild sind Viewer und Experten und Anchor und Kontributoren? Nein, jetzt hab ich's: die Viewer sind gleichzeitig Experten, Anchor und Kontributoren.

Bild macht das Verhalten von Millionen zu Live News: Bei uns wird auf den Bildschirm gekritzelt – so wie im US Football und so wie Millionen Menschen Dinge aufmalen.

Habe nur ich keine Ahnung, wie im US Football auf Bildschirme gekritzelt wird? Und malen wirklich Millionen Menschen Dinge auf? Wo? Wozu?

In unserem Live-Programm ist immer ein Countdown eingeblendet, denn Menschen lieben die Dringlichkeit von Countdowns. Noch x Tage Trump. Noch y Tage bis zu den Sommerferien. Noch 23 Stunden, 4 Minuten und 32 Sekunden, bis Merkel das Amt übergibt. Wir setzen die wilde Gefühlswelt von Menschen in aufregende Bilder um.

D.h. Countdowns sind die Art aufregende Bilder, die Bild verspricht? Ich mag mir die wilde Gefühlswelt besonders beim Sommerferien-Countdown kaum ausmalen.

Für eine Welt, die geradezu süchtig nach der neuesten Entwicklung und vor allem Einordnung sucht. Für Euch!

Für Euch Ihr News-Junkies, die es nach dem nächsten Schuss Einordnung verlangt!

About the author

Markus Schöberl
Markus Schöberl

Herausgeber, pv digest

for Pressemedien

Ich bin Herausgeber von pv digest, ein Informationsdienst rund um den Verkauf journalistischer Produkte - ganz gleich, ob auf Papier oder in digitaler Form. Als Xing Insider nehme ich den Business Case für Journalismus insgesamt unter die Lupe - inklusive Werbung und neuer Geschäftsfelder.
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