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Dr. Nico Rose

Dr. Nico Rose

für Positive Psychologie im Business

Vom "Chef am Steuerrad": Über Management-Metaphern

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Gerade las ich auf Handelsblatt online einen Gastartikel einer Management-Beraterin mit dem Titel Wie Sie als Chef das Ruder in der Hand behalten. Über Inhalt des Artikels möchte ich hier nicht urteilen, das kann der geschätzte Leser für sich selbst tun. Mich hat vor allem der Titel des Beitrags stutzig gemacht. Mir schoss sofort die Frage in den Kopf: Muss ich als Chef wirklich das Ruder in der Hand (be-)halten?

Ich glaube, es ist eine wertvolle Übung, ab und an die Metaphern zu hinterfragen, nach denen wir unser Leben ausrichten - ganz allgemein, aber natürlich auch bezogen auf die Arbeit, vor allem, wenn wir Menschen führen. Metaphern, Bilder und Analogien, ob implizit oder explizit genutzt, können eine enorme Wirkung auf unser Denken und Handeln ausüben. Denn sie transportieren schlechterdings bestimmte Vorananahmen und Überzeugungen, welche, je nach Ursprungsgebiet (hier: Schifffahrt) auf das Zielgebiet (hier: Führung/Management/Unternehmen) mehr oder weniger nützlich und sinnhaft sein können. Schauen wir uns das einmal näher an.

Kapitän, Steuermann, Rudergänger

Zunächst: Bereits aus rein nautischer Perspektive ist die Metapher vom Chef am Ruder Quatsch. Der Chef eines Schiffes, also der Kapitän, hält bei einem hinreichend großen Schiff das Steuer nicht selbst in der Hand. Das tut noch nicht einmal der Steuermann. Dafür gibt es den sogenannten Rudergänger, er bedient die entsprechenden Instrumente.

Dieses technische Detail einmal außen vor gelassen, ist es trotzdem leerreich, das Ganze einmal für bare Münze zu nehmen, um zunächst zu prüfen, welche Vorannahmen und Überzeugungen mitschwingen – um schließlich zu schauen, wie nützlich diese für den Kontext der modernen Führung sind. Folgende (implizite) Vorannahmen greife ich einmal heraus; mir ist bewusst, dass es noch viele weitere gibt, zum Teil auf ganz anderen Bedeutungsebenen.

  1. Das System hat eine klare Hierarchie.
  2. Der Chef weiß, wo es langgeht.
  3. Der Chef steuert das System.
  4. Wenn der Chef das Steuer bedient, reagiert das System wie gewünscht.
  5. Bei dem zu steuernden System handelt es um ein kohärentes Gebilde, dass sich im Ganzen in die gleiche Richtung bewegt.

Zu 1) Fakt ist: In 99,99% aller Unternehmen findet sich noch eine formelle Hierarchie. Es gibt jedoch auch Organisationen, die gänzlich ohne diesen Koordinationsmechanismus auskommen – und es werden eher mehr als weniger. Indem man den Chef eines Unternehmens mit einem Kapitän gleichsetzt, zementiert man die Idee der Hierarchie als notwendig. Sie ist es nicht.

Zu 2) Natürlich ist es wünschenswert, wenn ein Chef das Ziel der Reise kennt, also beispielsweise eine Strategie für sein Unternehmen formuliert hat. Notwendig ist das allerdings keineswegs – und in bestimmten Kontexten auch gar nicht mehr wünschenswert. Das Bild eines Schiffs impliziert letztlich eine Reise mit einem Start, einem Ziel und dem korrespondierenden Kurs, bei gemütlicher Reisegeschwindigkeit – es hat noch etwas vom einem 5-Jahres-Plan. Die Realität ist für solche Unternehmen, die stark von Digitalisierung und Automatisierung betroffen sind, eine andere. Da ist der Kurs häufig schon veraltet, bevor man ihn überhaupt ausgerufen hat. In solchen Kontexten braucht es dezentrale und agile Strukturen, die autonom vor Ort entscheiden können, anstatt erst den Kapitän um Erlaubnis zum Kurzwechsel fragen zu müssen.

Zu 3) Das Bild vom Chef am Steuerrad impliziert, dass dieser das System auch tatsächlich steuert. Das ist, wie bereits weiter oben angedeutet, schon für den Bereich der Seefahrt eine falsche Vorstellung. Der Kapitän hat eine Vielfalt an unterschiedlichen Aufgaben, das Schiff wird seinen Mitarbeitern auf Kurs gehalten. Ergänzend zu Punkt 1 sei außerdem angemerkt, dass es nicht zwingend eine einzelne Person geben muss, die das Ziel und den Kurs bestimmt. Eine Vielzahl von Unternehmen erledigt diese Aufgabe heute per Selbstorganisation – mit großem Erfolg.

Zu 4) An dieser Stelle hinkt der Vergleich meines Erachtens am deutlichsten. Wenn jemand bei einem funktionierenden Schiff das Ruder betätigt, folgt das Schiff diesem letztlich mechanischen Impuls. Auf der Brücke wird befohlen, im Maschinenraum ausgeführt, ohne Verzögerung, Widerspruch oder Reibungsverlust. Ich brauche niemandem ernsthaft erklären, dass Unternehmensrealität anders aussieht.

Zu 5) Schließlich impliziert die Metapher vom Chef am Ruder, dass es sich bei dem zu steuernden Gebilde um ein kohärentes System handelt, dass also im wahrsten Sinne des Wortes alle im gleichen Boot sitzen. Es leuchtet jedoch unmittelbar ein, dass das bei Unternehmen ab einer bestimmten Größe kaum der Fall sein wird. Nicht umsonst sprechen viele CEOs von dem Wunsch, ihren metaphorischen Tanker in eine Armada kleiner Schnellboote zu verwandeln. Ein Schnellboot kann, wenn notwendig, leichter den Kurs wechseln. Mehrere Schnellboote können bei Bedarf außerdem in völlig unterschiedliche Richtungen fahren.

Fazit

Unsere Sprache ist gespickt mit Bildern, Vergleichen und Metaphern. Das ist gut so. Sie helfen uns, Bedeutung zu erzeugen. Sie machen das Unverständliche begreifbar, das Komplexe einfach(er). Allerdings können sie auch in Irre führen - vor allem dann, wenn der Ursprungskontext der Metapher zu wenig strukturelle Ähnlichkeit mit dem Zielkontext aufweist. Man läuft dann Gefahr, die Vorannahmen und Spielregeln eines Kontextes mit geringer Komplexität auf ein hyperkomplexes System zu übertragen. Das führt in den seltensten Fällen zum Ziel.

Über den Autor

Dr. Nico Rose
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Sinnput-Geber | Positive Psychology | Keynotes | Coaching, Dr. Nico Rose

für Positive Psychologie im Business

"Einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland" (Harvard Business Manager). Laut Personal Magazin ein Top-Influencer für Human Resources in Deutschland. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im Wirtschaftsforum der FDP.
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