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Anja Hendel

Anja Hendel

for Automobil, Künstliche Intelligenz, Mobilität, Blockchain

Von kulturellen Werten, Robotern und pünktlichen Zügen: Meine fünf Souvenirs aus Japan

teamLab Borderless
At the Mori Building Digital Art Museum

„Eines Tages wird man sicher unsere Gedanken lesen können“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang Februar bei einem Gespräch über Künstliche Intelligenz (KI) mit Studenten der japanischen Universität Keio. Während sie über die Vorteile von KI sprach, forderte sie auch, dass wir uns eine grundlegende Frage stellen sollten: Wollen wir, dass Technologie unsere Gedanken lesen kann?

In den letzten vier Wochen habe ich viel über diese Diskussion nachgedacht – nicht, weil sie bahnbrechende neue Erkenntnisse zu Tage gefördert hätte, sondern weil ich diese Zeit in Japan verbracht habe. Während meiner Reise habe ich viel über die Einstellung der japanischen Gesellschaft gegenüber neuen Technologien gelernt, die fast gegensätzlich zur deutschen Sichtweise steht: Hierzulande diskutieren wir neue Technologien eher kritisch, konzentrieren uns auf ihre Risiken und betrachten Veränderungen als Bedrohung. Veränderungen sind meiner Meinung nach jedoch vielmehr eine Herausforderung, ein Abenteuer, etwas, aus dem wir lernen und uns weiterentwickeln können. Aber ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Sichtweise, die nicht nur meine tägliche Arbeit im Porsche Digital Lab, sondern auch meine privaten Interessen bestimmt, in Deutschland schon fast als Exotin.

Aber warum haben andere Kulturen ein völlig anderes Verständnis von Innovation? Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse, die ich während meiner inspirierenden Reise gesammelt habe:

1. Der beste Freund eines Japaners ist der Roboter

Ob in Restaurants, in der U-Bahn-Station oder auf dem Tsukiji-Markt in Tokio: Überall in Japan findet man Roboter – in verschiedensten Formen. Für die meisten Europäer ist es ungewöhnlich zu sehen, wie die Japaner ganz natürlich mit ihren Mitbürgern aus Plastik oder Metall umgehen. Aber für Japaner verkörpern Roboter das Gute. Der Grund dafür soll im Shintoismus zu finden sein. Shinto.... was? Keine Sorge, für alle, die auch nicht wissen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, habe ich nachgeforscht: Der Shintoismus schreibt nicht nur dem Menschen, sondern auch Tieren und Gegenständen eine göttliche Seele zu. Dies kann einer der Gründe sein, warum die Japaner keine Angst haben, Maschinen zu bauen, die immer menschenähnlicher werden.

2. Die Qualifikationslücke mit KI schließen

Ein weiterer Grund für diese „Grundsympathie” gegenüber Robotern könnte die alternde Gesellschaft und der damit verbundene Fachkräftemangel in Japan als Folge der strengen Einwanderungspolitik sein. Die zunehmende Digitalisierung in vielen Bereichen der Arbeitswelt ist daher eine willkommene Gelegenheit, die Qualifikationslücke und den Mangel an Arbeitskräften auszugleichen – und Roboter zu den Rettern der Wirtschaft zu machen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ein Roboter in Tama bei Tokio für den Posten des Bürgermeisters antritt. In Deutschland undenkbar, zumindest vorerst. Aber warum? Immerhin treffen intelligente Roboter Entscheidungen auf der Grundlage von Daten und Wissenschaft, nicht auf der Grundlage von Fake News oder geschürten Ängsten. Und sie haben die Geduld und Ausdauer, ihre Sache auch in langen bürokratischen Prozessen zu verfolgen.

Robot Show in Tokyo

3. KI als Chance für eine alternde Gesellschaft

Die Erforschung und Verbreitung von Künstlicher Intelligenz in Japan ist sehr spannend. Hier ist sie bereits von großem Nutzen und in vielen Bereichen etabliert – vor allem in der Altenpflege. Begonnen hat alles mit Aibo, dem Roboterhund, gefolgt von Asimo, dem Tanzroboter, weiter zu Pepper und so weiter.

Roboter können ältere Menschen unterhalten und sie gleichzeitig medizinisch überwachen. In Deutschland scheint das allerdings noch ziemlich weit weg zu sein: Die einzigen Roboter, die wir weit verbreitet einsetzen, finden sich hierzulande in Produktion und Fertigung. Das prägt auch unser Bild von Robotern: Entweder sind es riesige Maschinenanlagen, mit denen z.B. der neue Porsche 911 gebaut wurde, oder die süßen, gehenden und sprechenden Assistenten aus der Zukunft, die wir im Kino sehen. In Japan sind diese Roboter der Zukunft jedoch bereits Realität und die meisten älteren Menschen genießen die Interaktion mit ihnen. Ich würde mir wünschen, dieses Miteinander bald auch in Deutschland zu sehen. Besonders in der Pflege wären KI und Robotik eine großartige Erweiterung bestehender Systeme – auch, wenn Roboter natürlich nie menschliche Nähe ersetzen können.

4. Der Einsatz der Technologie ist eine Frage der Einstellung

Ja, ich weiß, das ist ein alter Hut – aber trotzdem: Am anderen Ende der Welt in Japan zu sein, fremde, inspirierende Menschen zu treffen und einen Blick auf den japanischen Alltag zu werfen, hat mir die Augen geöffnet und bewiesen, dass es bei der Einführung von Technologie wirklich nicht um die Technologie an sich geht, sondern um unsere Denkweise, mit der wir ihr begegnen.

Japaner lieben Videospiele und Gadgets – über Generationen hinweg. Die japanische Popkultur ist bunt, laut und ein wenig verrückt. Das prägt die Art und Weise, wie ihr Blick auf die Welt und ihr Umgang mit neuen Technologien gestaltet wird. In Deutschland galten Spiele lange Zeit als Beschäftigung für Kinder oder Nerds, nur langsam ebnen sie ihren Weg in den Mainstream. Aus meiner Sicht können wir von der Offenheit, Verspieltheit und Neugier der Japaner nur lernen. Mit so einer Einstellung erscheinen die „Schrecken“ der Digitalisierung plötzlich gar nicht mehr so schrecklich.

5. Mit technischen Innovationen zum Perfektionismus

In anderen Dingen sind die japanische und deutsche Kultur gar nicht so unterschiedlich: Der technologische Fortschritt von Japan zeigte sich mir nicht dadurch, dass ich im Restaurant Essen mit einem Tablet bestellte, sondern an den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die asiatische Hightech-Nation ist zu Recht stolz auf die Zuverlässigkeit ihrer Züge. Während meiner gesamten Reise waren alle Verbindungen immer pünktlich. Im Vergleich dazu: Die Deutsche Bahn hält einen Zug bis zu einer Verspätung von 5:59 Minuten für pünktlich ;)

Wenn es eine Sache gibt, die ich in Japan gelernt habe, dann ist es, dass die Mischung aus innovativer Technologie und wahren Werten der Schlüssel zum Erfolg ist. Wir müssen KI entmystifizieren, um davon zu profitieren, aber wir müssen uns immer über die ethischen Auswirkungen im Klaren sein. Das Zusammenspiel von Moderne und Geschichte in Japan trägt wesentlich zur Faszination bei, die dieses Land ausübt. Wenn wir dies bedenken, können wir viel offener für neue Technologien sein – und das muss dringend passieren, damit wir das volle Potenzial ausschöpfen und es für alle Menschen nutzbar machen können.

Mehr spannende Tech-Geschichten gibt es übrigens auf unserem #NextLevelGermanEngineering-Blog drüben auf Medium und auf Twitter.

About the author

Anja Hendel
Anja Hendel

Leiterin, Porsche Digital Lab

for Automobil, Künstliche Intelligenz, Mobilität, Blockchain

Ich schreibe über #NextLevelGermanEngineering, Künstliche Intelligenz, Mobilität, Blockchain, IoT und Digitale Transformation in der Automobilbranche.