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Markus Schöberl

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for Pressemedien

Warum das RISJ ein Problembär unter den Forschungsinstituten ist

Wikimedia Commons

Problembären in der Natur sind Raubtiere, die sich über in der Kindheit entstandene Erwartungen hinwegsetzen, welche durch Knopfaugen, anscheinend tapsige Bewegungsmuster und Kuscheltiere geprägt wurden.

Ein Forschungsinstitut wird zum Problem, wenn es mit dem Label der legendären Universität im englischen Oxford glänzen kann und, mit erheblichen Finanzmitteln ausgestattet, große Studien zu wichtigen Fragestellungen publiziert, die regelmäßig unstimmige Daten in die Welt setzen.

Zum Problembären wird es, wenn diese Daten anschließend wie der Goldstandard zum Thema Paid Content behandelt werden und wenn dieser Goldstandard regelmäßig anzuzeigen scheint, dass es mit dem Bezahlen für journalistische Inhalte nicht so recht vorwärts geht.

Alljährlich unstimmige Daten

Die Zahlen des Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) weisen seit Jahren für Deutschland einen Anteil von 8% der Bevölkerung aus, der für Online-Nachrichten bezahlt. In Österreich sollen es 9% sein, in der Schweiz immerhin 11%. Das könnte richtig sein. Nicht richtig sein kann aber, dass die Oxforder Forscher diese Zahlen seit Jahren praktisch unverändert messen. In anderen Ländern sehen sie sogar - teils deutlich - rückläufige Werte.

Das kann nicht sein. Es kann gar keinen Zweifel daran geben, dass – wie wenige Menschen auch immer für digitale journalistische Inhalte bezahlen – die Anzahl dieser Menschen im Zeitverlauf steigt. Das belegen mittlerweile hunderte Einzelfallberichte aus Verlagshäusern. Das zeigen die Geschäftsberichte von Verlagen mit digitalen Bezahlangeboten. Das zeigt sich in den E-Paper-Statistiken, die von externen Institutionen überprüft werden.

Auf diesen eklatanten Widerspruch weise ich in pv digest seit Jahren hin. Und seit Jahren stelle ich entsprechende Fragen per E-Mail und Twitter an die Forscher und bekomme darauf unzureichende Antworten. Mal hieß es, die Fehlermarge der Untersuchung sei zu hoch, um Trendbetrachtungen anzustellen. Ein andermal vermutete ein Forscher, dass zwar die Anzahl der Digitalabos und die Menge des Paid Content-Umsatzes ansteigen könnte, dass dahinter aber nicht mehr Personen, sondern eine gleichbleibende Menge Personen mit mehr Abos stehen könnte. In ihrem jüngsten Bericht freilich haben sich die Reuters-Forscher diese Erklärung verbaut. Denn dass der typische Nutzer nur für je ein Digitalabo bezahlt, ist in diesem Jahr eine besonders herausgestellte 'Erkenntnis' des frisch vorlegelegten Digital News Reports.

Anti-Paywall-Propaganda mit der Wahl des Mittelwertes

Wie oben erwähnt ist ein prominent herausgestelltes Fazit des aktuellen Digital News Reports, dass der durchschnittliche Nutzer für nicht mehr als 1 Digitalabo bezahlt: "the average almost never exceeds one, regardless of what group you look at."

Aber: das gilt nur, wenn man für die Durchschnittsbildung den Median-Durchschnitt wählt (d.i. der am häufigsten in einer Verteilung vorkommende Wert). Wählt man den viel bekannteren arithmetischen Mittelwert (Die Summe aller Werte geteilt durch deren Anzahl), dann liegt der Durchschnittswert für die Anzahl der Digitalabos bei 1,76 (mindestens! Nämlich dann, wenn man für alle Mitglieder der Gruppe 'mehr als 5 Digitalabos' von stets genau 6 Abos ausgeht).

Im Durchschnitt nur 1 Digitalabo pro Person???

Der Median-Mittelwert wird üblicherweise verwendet, wenn extreme Werte in einer Verteilung zu einer Verzerrung des arithmetischen Mittelwertes in Richtung eines der beiden Enden der Skala führen würden. Warum die Reuters-Forscher in diesem Fall den Median-Mittelwert statt des gebräuchlicheren arithmetischen Mittelwertes herausstellen, läd zu Spekualtionen ein.

Anti-Paywall-Propaganda mit dem Prozentwerte-Basis-Effekt

Noch vor wenigen Wochen veröffentlichte das Institut einen anderen Bericht zu Bezahlmodellen für Online News. Darin hatten die Forscher zunächst folgendes Resümee herausgestellt: "Mehr als die Hälfte aller wöchentlichen Zeitungen und Nachrichtenmagazine [in Europa] betreiben eine Paywall, 10%-Punkte weniger als 2017".

Hinter "5%-P." steht genau 1 Titel. Anfangs hieß es noch "minus 10%-P". Dahinter standen 2 Titel. Davon 1 irrtümlich.

"10%-Punkte" klingt gewaltig. Was ist da los? Glauben politische Magazine nicht mehr an Paid Content? In der Studie betrachtet wurden 21 solche Magazine. 10%-Punkte waren also 2 Magazine. Diese betroffenen 2 Magazine stammen aus Polen. Bei einem der beiden Magazine irrten sich die Forscher. Sie haben das auf unseren Hinweis korrigiert. Jetzt heißt es "5%-Punkte weniger Paywalls". Die Botschaft bleibt gleich: 'wir haben weniger Paywalls gefunden als bei der letzten Untersuchung'. Dass diese Botschaft auf 1 Fall beruht und offenlässt, welchen Hintergrund dieser Fall haben könnte, macht das Fazit unseriös.

Cui bono?

Es passt aber in die permanent ausgestreute Botschaft aus Oxford: so richtig läuft es nicht mit Paid Content.

Wie viele Verlage oder digital only-Startups das entmutigen mag, ist schwer zu sagen. Wem es gut zupass kommt, ist leichter ersichtlich. Für Googles Geschäfte sind zunehmend bezahlpflichtige Inhalte eine Herausforderung. Google hat das RISJ in den Jahren seit 2016 mit rund 10Mio€ gesponsort. Auch Problembären beißen nicht in die Hand, die sie füttert.

PS:

Der Hauptprofiteur der Negativbotschaft ist natürlich nicht Google. Der Hauptprofiteur sind die Forscher und das Institut selbst, weil ihre platte Botschaft weltweit begrierig aufgegriffen und unkritisch nachgeplappert wird. Zum Beispiel vom bekannten Niemanlab in den USA, von deutschen Fachmedien, von der englischen Pressgazette oder der französischen Zeitung Le Monde.

Behaupten Sie ernsthaft, dass heute in Deutschland nicht mehr Menschen für Online-Nachrichten bezahlen, als im Jahr 2013 oder 2014?
Die Gretchefrage an die Oxforder Forscher. Darauf geben Sie keine Antwort.

PPS:

Wie in den Vorjahren habe ich die Forscher mit meiner Kritik konfrontiert und um Antworten gebeten. Keine der Antworten ist überzeugend. Gerne würde ich an dieser Stelle den betreffenden Mailverkehr mit meinen Fragen und den Antworten von Forschungsdirektor Nic Newman veröffentlichen, damit sich dazu jeder seine eigene Meinung bilden kann. Das wollte Newman aber nicht. Denn seine Antworten seien ja auf meine Fragen und nicht als Antwort auf diesen Artikel erstellt worden. Man denke darfüber danach, "direkt auf diesen Beitrag zu antworten oder nicht".

Heraustellen möchte ich aber schon, dass er auf meine Gretchenfrage gar keine Antwort gegeben hat: "Behaupten Sie ernsthaft, dass heute in Deutschland nicht mehr Menschen für Online-Nachrichten bezahlen, als im Jahr 2013 oder 2014?"

About the author

Markus Schöberl
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Herausgeber, pv digest

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Ich bin Herausgeber von pv digest, ein Informationsdienst rund um den Verkauf journalistischer Produkte - ganz gleich, ob auf Papier oder in digitaler Form. Als Xing Insider nehme ich den Business Case für Journalismus insgesamt unter die Lupe - inklusive Werbung und neuer Geschäftsfelder.
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