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Prof. Dr. Nico Rose

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for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung

Warum wir (k)einen Purpose im Leben brauchen

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Seit einigen Jahren ist ein Thema schwer in Mode: Im Englischen wird dafür der Begriff »Purpose« verwendet, der sich eher schlecht als recht übersetzen lässt, ohne dass er falsche Konnotationen weckt. Die Bedeutung des englischen Wortes liegt in der Schnittmenge der Begriffe Daseinszweck, Berufung und Bestimmung. Es geht demnach um eine Mischung von in die Zukunft gerichteten Gedanken und Gefühlen, die ein Bündel von übergeordneten Zielen oder Lebensaufgaben beschreiben. Es geht um die Anwesenheit eines Gespürs für den ureigenen Beitrag, den ein Mensch in diesem Leben leisten möchte. Vereinfacht könnte man sagen, es geht um die folgenden Fragen:

  • Wozu bin ich hier?
  • Wie kann ich in meiner Einzigartigkeit, mit meinen Stärken und Talenten, dafür sorgen, dass diese Welt (oder ein Teil von ihr) ein besserer Ort wird?

In den letzten Jahren ist, zumindest im Internet rund um das Thema Management und Selbsthilfe, ergänzend der japanische Begriff Ikigai aufgetaucht, der sich ebenfalls einer eindeutigen Übersetzung entzieht – aber recht nah an der Idee eines Purpose gelagert ist. Die Konnotation einer Berufung legt nahe, dass ein solcher Lebenszweck nicht von vorneherein gegeben ist, sondern irgendwann entdeckt oder gehört werden kann, während Bestimmung tendenziell andeutet, dass es eine Art Prädestination gibt, dass der Lebenszweck eines Menschen vor-angelegt ist.

Abzugrenzen ist das Konzept des Purpose von dem einer Mission (in dem Sinne, wie viele Unternehmen ein »Mission Statement« veröffentlichen): Purpose beantwortet die Fragen:

  • Warum gibt es mich?
  • Was will ich bewirken?

Die Mission gibt ergänzend folgende Auskunft:

  • Was unternehme ich, um dem Purpose näherzukommen?
  • Wie setze ich den Purpose in die Tat um?

Ein Mensch könnte zum Beispiel seinen Purpose darin sehen, die Kindersterblichkeit auf der Welt zu senken. Es gibt allerdings viele verschiedene Missionen (und Professionen), um diesem Ziel näher zu kommen: Hebamme, Entwicklungshelfer, Produzent von Desinfektionsmitteln usw.

Auch viele Organisationen kommen durcheinander*, wenn es um die Abgrenzung von Konzepten wie »Mission Statement«, »Company Purpose«, »Unsere Werte«, »Unsere Vision« etc. geht.

* Eine hilfreiche Abgrenzung von Natur und Nutzen der verschiedenen Statements bietet dieser Artikel in der Harvard Business Review.

Alles kann, nichts muss

Die Gefahr bei dem Thema liegt darin, es zu undifferenziert zu betrachten. In vielen Ratgebern und mittlerweile auch in TED Talks finden sich mehr oder weniger plausible Anleitungen, um seinen »einzig wahren Purpose« entdecken zu können. An dieser Stelle wäre ich persönlich vorsichtig. Es gibt durchaus Forschung, die nahelegt, dass Menschen, die sich mit Haut und Haaren einem bestimmten Lebensthema verschreiben, im Mittel erfolgreicher sind als Menschen, die ihre Energie auf verschiedene Projekte verteilen. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass sie damit auch glücklicher werden – oder dauerhaft mehr Lebenssinn verspüren. Zudem zeigt die Forschung, dass sich Sinnwahrnehmung aus vielen unterschiedlichen Quellen speisen kann. Es erscheint demnach wenig stimmig, nach »genau dieser einen Sache« suchen zu wollen.

Im Übrigen ist die Metapher des Entdeckens trügerisch. Das Gros der Menschen wird eine Bestimmung nicht einfach finden, so wie einen Schatz, dessen Ort mit einem X markiert ist. Eher müssen wir sie über die Zeit kultivieren wie eine Pflanze, bei der es manchmal Jahre dauert, bis sie Früchte trägt. Das heißt in Summe:

Grämen Sie sich nicht, wenn Sie bislang ihren einen Purpose noch nicht entdeckt haben! Und lassen Sie sich erst recht kein schlechtes Gewissen einreden von irgendwelchen Motivationstrainern da draußen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auch ohne ein solches Kontrukt ein erfolgreiches und glückliches Leben führen können, ist hoch. Wenn Sie sich allerdings doch auf die Entdeckungsreise machen wollen, so lautet mein Rat:

Schauen Sie nach innen, nicht nach außen. Der Purpose eines Unternehmens beginnt notwendigerweise immer irgendwo im Außen: bei den Kunden oder Profiteuren (i.w.S.) dessen, was die Organisation herstellt oder leistet. Als Mensch hingegen brauchen Sie keine externe Rechtfertigung für Ihr Dasein. Jemand anders hat diese Entscheidung für Sie getroffen. Sie sind jetzt hier - und das ist fürs Erste gut genug.

Wenn Sie wollen, dann spüren Sie stattdessen bitte folgenden Fragen nach:

  • Bei welchen Tätigkeiten verliere ich (im positiven Sinn) völlig mein Zeitgefühl?
  • Bei welchen Tätigkeiten habe ich das Gefühl, irgendwie eine bessere Version meiner selbst zu sein?
  • Auf welche Tätigkeiten bekomme ich viele positive Rückmeldungen, auch wenn ich selbst gar nichts Besonderes dabei finde?
  • Nach welchen Tätigkeiten ist meine Seele erfüllt, auch wenn ich mich körperlich total verausgabt habe?
  • Bei welchen Tätigkeiten bin ich ganz im Frieden – mit mir und der Welt?

Was auch immer die Antworten auf diese Fragen sein mögen: Ich lade Sie ein, mehr davon zu tun, mehr davon in Ihr Leben zu bringen. Das ist ein guter Anfang.

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Nico Roses Buch Arbeit besser machen ist im Juni bei Haufe erschienen. Der zugehörige TaschenGuide Führen mit Sinn erscheint am 13.2.2020.

About the author

Prof. Dr. Nico Rose
Prof. Dr. Nico Rose

Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung

Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelles Buch: „Arbeit besser machen“. Laut Harvard Business Manager "einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.
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