Svenja Hofert

Svenja Hofert

for Aus- und Weiterbildung, Arbeit der Zukunft, Digitalisierung, Mindset und Psychologie

Warum wir keine Zukunftskompetenzen brauchen

Foto: Getty
Für die Arbeitswelt von morgen wird es nicht die eine Schlüsselkompetenz geben. Aber wir sollten emotional agil bleiben

Ich glaube schon lange nicht mehr an den Beruf mit Zukunft und die sichere Karriere. Stattdessen benötigen wir Veränderungsbereitschaft und etwas, was niemand auf dem Zettel hat: Prinzipien.

Die Lernkurve nach dem Corona-Lockdown war bei einigen Menschen steil. In zahlreichen Onlineworkshops zwischen März und Juni 2020 konnte ich beobachten, wie schnell digitaler Fortschritt gehen kann, wenn es sein muss. Wir lernen von selbst, wenn es uns nutzt. Wenn es uns beispielsweise mit anderen in Onlineräumen zusammenbringt. So unvollkommen Onlinelernen in einigen Bereichen sein mag, nun findet es doch mehr und mehr vorm Bildschirm statt.

Der Digitalisierungsschub begann mit einem „Wusch“. „Wusch“ ist der Ausdruck für eine schnelle Bewegung. Plötzlich, wusch, müssen wir handeln, uns entscheiden, Verhaltensmuster erneuern, uns mit den technischen Möglichkeiten auseinandersetzen. Ziele sind obsolet, Gewinnprognosen Fantasien, Karrierepläne – ad acta. Die sichere Zukunft, der Job für die nächsten 20 Jahre? Vergesst es! „Wusch“ geht schnell, wenn es schnell gehen muss. Und auf diese schnelle Bewegung lassen sich jene am besten ein, die flexibel sind im Kopf. Die also nicht an Zielen und Plänen festhalten.

Karriere – ein ganz und gar verstaubter Begriff

Ich glaube schon lange nicht mehr an den Beruf mit Zukunft und die sichere Karriere. Überhaupt, Karriere – ein ganz und gar verstaubter Begriff. Kompetenzen der Zukunft? Wer sich einlassen kann auf Veränderungen, braucht vielmehr Werte und Prinzipien, der Rest lässt sich lernen. Wie soll unsere Zukunft sein, woran wollen wir uns orientieren? Ich glaube nicht, dass die Digitalisierung dieses große Ding ist, als das sie gehandelt wird. Sie ist nichts als eine Wegbereiterin in eine neue Epoche, in der Technik im Hintergrund bleibt und Menschliches in den Vordergrund rückt.

So wird es auf etwas ankommen, das viele überhaupt nicht auf dem Zettel haben: Werte, Handlungsqualitäten also. Nicht um das Ziel geht es, sondern um die Art und Weise, wie wir Leben und Arbeit gestalten. Einer der wichtigsten Werte ist die persönliche Entwicklung, zu der auch die fachliche gehört – nicht etwa umgekehrt. Expertenwissen verändert sich laufend, wie die Coronakrise zeigt. Es ist nicht feststehend, es entwickelt sich durch neue Erkenntnisse und Diskurs. Aushalten können das wenige, was die Coronakrise auch offenbart (siehe die Drosten-Diskussion). Weder Expertisen noch Menschen sind Produkte, die irgendwann fertig sind. „Ich will X studieren, um Y zu werden“ – dieses Bild ist eine Karrierevorstellung aus der Konserve. „Ich will mich entwickeln und etwas zu einer guten Zukunft beitragen“, das ist zeitgemäßer.

Wenn alle Ziele obsolet werden, hilft die Fähigkeit zu emotionaler Agilität

Mit den „Wuschs“ des Lebens kann besser umgehen, wer nicht mit eigenen Zielen verschmolzen ist, sei es von Karriere oder anderen Lebenszielen. Wenn ich plötzlich in eine neue Situation geworfen werde, alle Ziele obsolet werden, hilft die Fähigkeit zu emotionaler Agilität. Die sorgt dafür, dass ich nicht rigide an meinen Zielen und Plänen festhalte, sondern mich auf die Situation in der Gegenwart einstelle.

Ein solches „Growth-Mindset“ ist die wichtigste Basis für Jobs der Zukunft. Denn wenn Roboter einfache Jobs übernehmen, künstliche Intelligenz analytische Rechenaufgaben löst und medizinische Diagnosen stellt, dann brauchen wir für die restlichen Aufgabenbereiche Menschen, die Prinzipien haben. Die sich Gedanken machen, die hinterfragen. Die überprüfen, ob Analysen durch „Biasse“ der Programmierer geprägt sind. Die Muster verstehen und Fehler erkennen. Die Dinge kreativ weiterentwickeln. Die sich empathisch in andere versetzen und Wissen verbinden und dadurch katalysieren können. Die Widersprüche aushalten und die kleinen und großen Dilemmata des Lebens annehmen können.

„Wusch“ hat die wunderbare Qualität, weil es einen zu oft überfälligen Entscheidungen zwingt. Besonders leicht fallen diese, wenn bereits eine gute Basis da ist. Wer schon seit Längerem Schritte in die Digitalisierung gegangen war, konnte in der Coronakrise viel leichter beschleunigen. Bewegung entsteht und entstand vor allem dort, wo sich das Industriezeitalterdenken bereits in der Schmelze befand.

Die Zukunft beginnt in der Gegenwart. Erst wenn ich verstehe, was ist, kann ich gestalten, was sein soll. Hören wir also auf, nach Rezepten für das Morgen zu suchen. Schauen wir lieber dahin, wo sich schon heute das zeigt, was wir vermehren wollen, weil es uns das Wert ist.

Ich bin keine Prophetin. Aber wenn Sie doch einen Tipp wollen: Entscheiden Sie sich für das, was Sie erfüllt – ganz gleich was man über Zukunftschancen und Sicherheit heute so hört. Die „sichere Bank“ gab es noch nie.

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About the author

Svenja Hofert
Svenja Hofert

Geschäftsführerin, Teamworks Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH

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Svenja Hofert ist eine seit Jahrzehnten aktive und bekannte Bestsellerautorin (u.a. "Mindshift", Campus-Verlag) und Unternehmerin. Die Wirtschaftspsychologin engagiert sich für sinnvolles Wirtschaften und Arbeiten sowie die Digitalisierung der Weiter- und Ausbildung.
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