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Anja Förster

Anja Förster

for Querdenken, Perspektiv-Wechsel, Innovation, Führung

Wer Zäune um Menschen baut, bekommt Schafe

Ob Sie Firmenchef sind oder ein Team mit zwei Kollegen leiten, das hier ist die wahre Kunst: Menschen an die Hand nehmen, ohne festzuhalten – und loslassen ohne fallen zu lassen. Hier zwei Beispiele.

„Management für eine neue Zeit“ – So lautete das Thema des Vortrags, den ich vor einiger Zeit in Dresden hielt. Meine Kernaussage: Gebt den Mitarbeitern mehr Freiraum! Lasst sie mehr selbst entscheiden! Arbeitszeitbeginn und -ende, Urlaub, Gehälter, Personalentscheidungen – das alles wird fast überall hierarchisch vorgegeben, aber bei alldem können die Mitarbeiter selbst oft die besseren Entscheidungen treffen. Wer ein lebendiges und anpassungsfähiges Unternehmen will, muss seinen Mitarbeitern W-E-S-E-N-T-L-I-C-H mehr Freiraum und Selbstbestimmung gewähren, als es derzeit noch üblich ist.

Auf dem Boden der Tatsachen

Das ist meine Überzeugung! Doch dann passiert das, was auch in Dresden passierte: Auf der anschließenden Podiumsdiskussion sagte ein hochrangiger Banker sinngemäß: „Na, kommen Sie, das ist ja alles schön und gut. Situative Führung, Abwählen von Führungskräften, Mitarbeiter, die ihr Gehalt selbst bestimmen. Nett! Ein Wunschtraum. Aber so funktioniert die Realität nicht!

Und anschließend, am Buffet, sagte er mir mit leicht süffisantem Unterton: „Arbeiten Sie doch mal ein paar Wochen bei uns mit … dann werden Sie schnell auf dem Boden der Tatsachen landen.“

Mitarbeiter wie unmündige Kinder behandeln?

Dieser Banker steht mit seiner Skepsis nicht allein. Aber wissen Sie was? Ich glaube einfach nicht, dass es ein unumstößliches Naturgesetz gibt, demzufolge Mitarbeiter wie unmündige Kinder behandelt werden müssen!

Ich glaube es nicht, weil es meinem Menschenbild fundamental widerspricht. Ich glaube es aber auch deshalb nicht, weil es mittlerweile etliche Unternehmen – auch in Deutschland – gibt, die einen ganz anderen Boden der Tatsachen haben als dieser Banker und all die anderen Skeptiker.

Pioniere

Es gibt viele, viele hoch spannende Gegenbeispiele, die sich seit einigen Jahren etablieren und mit voller Kraft entfalten. In Büchern, Dokumentarfilmen, Vorträgen und überall im Internet kann man sie finden. Wenn man sie sehen will. Hier nur zwei kleine Beispiele:

Die Mitarbeiter der hamburgischen Digitalagentur Elbdudler legen ihr Gehalt selbst fest. Und natürlich kennen alle Mitarbeiter nicht nur die Gehälter aller Kollegen, sondern auch alle anderen Zahlen des Unternehmens. Volle Transparenz ist die Voraussetzung für eine vernünftige Selbsteinschätzung.

Und beim hannoverschen IT-Unternehmen Praemandatum kann jeder Mitarbeiter zum Entscheider werden – allerdings immer nur bezogen auf ein bestimmtes Thema. Wer bei einem Thema führt, wird per Wahl bestimmt – was impliziert, dass auch Führungskräfte abgewählt werden können, sogar der Gründer und Geschäftsführer selbst.

Nicht Weltverbesserei sondern passende Antworten

Bei diesen beiden Unternehmen – und auch bei den meisten anderen Pionieren, die sich auf völlig neue Weise organisieren – geht es übrigens nicht um Weltverbesserei. Sondern es geht darum, passende Antworten zu finden in einer Arbeitswelt, in der sich alles immer schneller und tiefgreifender verändert.

Wer glaubt, das alles ignorieren und ausblenden zu können, lebt gefährlich. Weil sich früher oder später der Überblick und die Kontrolle in der Hierarchie verflüchtigen, so wie bei Martin Winterkorns Super-GAU. Oder weil der autoritäre Führungsstil die besten Talente verscheucht und dann einfach die Qualität fehlt, um zu überleben, so wie bei Patriarch Anton Schlecker.

An die Hand nehmen, ohne festzuhalten. Loslassen ohne fallen zu lassen.

Wenn Sie in Ihrem Team etwas verändern wollen, drei Hinweise.

Erstens: Es geht nicht von heute auf morgen.

Zweitens: Es gibt keine Patentrezepte, Anleitungen und Blaupausen – Sie müssen sich selbst etwas einfallen lassen, wie bei Ihnen mehr Freiheit und Selbstbestimmung Einzug halten könnten.

Und Drittens: Ob Sie Firmenchef sind oder ein Team mit zwei Kollegen leiten, das hier ist die wahre Kunst: Menschen an die Hand nehmen, ohne festzuhalten – und loslassen ohne fallen zu lassen.

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Hier noch ergänzende Infos, wenn Sie mehr erfahren möchten:

Elbdudler: Die Zeit I 3Sat

Praemandatum: BrandEins I Wired

Ihre

PS: Ich freue mich über Euer Feedback unter Kommentare. Wenn Euch der Artikel gefällt, freue ich mich über ein like und/oder share. Vielen Dank!

Meine bisherigen Beiträge finden Sie hier.

Über die Autorin

Anja Förster ist Autorin, Unternehmerin und gefragte Vortragsrednerin. Sie stiftet Menschen dazu an, sich aus Denkschablonen zu befreien und ausgetretene Pfade zu verlassen. Ihre Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und auf den Bestsellerlisten von Spiegel, Manager Magazin und Handelsblatt zu finden. Ihr Newsletter erreicht alle zwei Wochen 32.000 Leser. www.foerster-kreuz.com

About the author

Anja Förster
Anja Förster

SPIEGEL-Bestsellerautorin | Speaker | Gründerin Rebels at Work, Förster & Kreuz GmbH

for Querdenken, Perspektiv-Wechsel, Innovation, Führung

Ihre Mission ist es, Denkmauern einzureißen und den Horizont zu öffnen für eine neue Art zu leben und zu arbeiten. Ihre Bücher sind Spiegel-, ManagerMagazin- und Handelsblatt-Bestseller und in über 10 Sprachen übersetzt worden.