Prof. Dr. Nico Rose

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for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Wertschätzung: Was wäre, wenn wir unserem Busfahrer Applaus spendeten?

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Gestern war ich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder mit meiner Frau in einer Sauna - was zugegeben ziemlich unsinnig war, weil man den Unterschied zwischen drinnen und draußen nur marginal bemerken konnte bei dem schwül-heißen Wetter. Aber das ist ein anderes Thema...

Was mich wieder einmal aufs Neue fasziniert hat, ist die Tatsache, dass dem Saunameister nach erfolgreich bewältigter Arbeit, also Aufgießen und Wedeln, heftigst applaudiert wurde - was mich im Anschluss auf Twitter zu folgendem Kommentar bewog:

Sauna, die: Ort, wo ein Mensch Applaus bekommt, weil er einen Eimer Wasser umkippt.‬

Einen Tag später finde ich den Kommentar immer noch einigermaßen amüsant - aber ich bin auch ins Grübeln gekommen. Die Frage, die mir durch den Kopf geht: Warum machen wir das eigentlich nicht viel öfter?

Einfach mal Applaus spenden, weil ganz normale Menschen ihren Job gemacht haben...

Wir sind es gewohnt, Applaus zu spenden für künstlerische oder auch sportliche Leistungen, nicht jedoch für "normale" Arbeitstätigkeiten. Interessanterweise müssen die gezeigten Leistungen dafür gar nicht sooo außergewöhnlich sein. Der Torjubel fällt bei der örtlichen Bezirksliga-Fußballmannschaft kaum weniger frenetisch aus, als wenn Ronaldo in der Champions League eine Bude macht.

Der einzige mir bekannte Ort, wo gleichermaßen Beifall für einen (mehr oder weniger normalen) Arbeitsvorgang gespendet wird, ist die Landung eines Flugzeugs; und hier auch eher beim Ferienflieger nach Palma de Mallorca, nicht so sehr bei der Business-Kasper-Beförderung von Berlin nach München. Wir kommen nicht auf die Idee, dem Busfahrer Applaus zu spenden, der uns sicher von A nach B gebracht hat - obwohl die meisten von uns nicht in der Lage wären, einen Bus unfallfrei durch die Straßen zu steuern. Noch weniger würde es uns bei der freundlichen Bäckereifachverkäuferin einfallen, die uns einfach schnell und professionell bedient hat.

Ist doch irgendwie schade, oder? Wenn man sich gängige Umfragen zum Verhältnis von Führenden und Geführten anschaut, so liegt bekanntlich einiges im Argen. Auf Platz 1 der beanstandeten Mängel findet sich üblicherweise der Faktor Wertschätzung. Menschen fühlen, dass ihre Leistung nicht genug gewürdigt wird. Ich muss mir da übrigens auch an die eigene Nase fassen. Mein Team hat mir kürzlich Feedback gegeben und eingefordert, ich solle bitte häufiger und spezifischer loben - und sie haben natürlich Recht.

Return of the Fleißkärtchen

Ich musste das erstmal ein paar Tage sacken lassen und grübeln, das Thema ist nicht trivial. Die meisten von uns sind vermutlich in puncto Primär- und Sekundärsozialisation in einer Kultur des "Nicht geschimpft ist Lob genug" aufgewachsen - das muss man erst einmal wieder "aus dem System" bekommen. Ich habe mich entschlossen, mir einstweilen ein wenig Unterstützung zu holen. Im Internet habe ich mir ein Kartenset bestellt, auf dem vorne in Großbuchstaben Ausrufe wie "Perfekt" oder "Spitze" stehen. Dazu trägt man händisch ein, wem man diese Karte gibt. Auf der Rückseite vermerkt man zusätzlich kurz, wofür diese Karte vergeben wurde und unterschreibt schließlich mit Datum und Namen. Die ersten Reaktionen meines Teams waren durchaus wohlwollend und ermutigend.

Mir ist klar, dass diese Karten nur eine Krücke sein können, aber sie liegen auf meinem Schreibtisch und erinnern mich regelmäßig an meinen verdammten Job als Führungskraft. Das ist ein guter Anfang...

About the author

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Prof. Dr. Nico Rose

Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management

for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelle Bücher: „Arbeit besser machen“ und "Führen mit Sinn". Laut Harvard Business Manager "einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.
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