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Karl-Heinz Land

Karl-Heinz Land

für Digitale Transformation

Wie das Grundeinkommen gesellschaftlichen Fortschritt induziert

Aktuelle Studien der britischen Tageszeitung „The Guardian“ belegen einen alarmierenden Trend: Die Anhängerschaft der Populisten in Europa hat sich den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Jeder vierte Wähler gibt seine Stimme einer populistischen Partei. In elf Ländern sitzen sie in den Staatsregierungen; mithin werden über 170 Millionen Bürger in Europa auch von Populisten regiert. In Deutschland ist mit der „Alternative für Deutschland“ (AfD) bei der Bundestagswahl 2017 zum ersten Mal in der Geschichte der Republik eine rechtspopulistische, in Teilen offen rechtsradikale Partei in den Bundestag eingezogen. Bei Landtagswahlen gewinnt die AfD ebenfalls Sitze in den Abgeordnetenhäusern.

Warum nur? Diese Frage beschäftigt Politiker, Soziologen, Journalisten. Konsens herrscht darüber, dass die ausländerfeindliche Haltung und Rhetorik der Rechtspopulisten mitnichten ausreicht, um deren Wahlerfolge zu erklären. Die Ursachen liegen tiefer: Offensichtlich fühlen sich zu viele Menschen durch den Wirtschaftsliberalismus und die Globalisierung emotional entkoppelt, nicht mehr einer Gemeinschaft zugehörig, nicht mehr ernst- und wahrgenommen. Ihre Sorgen und Ängste treiben sie in die Arme populistischer Parteien, die sich und ihre Anhänger als Opfer eines Systems stilisieren und viel zu simple sowie mitunter schlichtweg falsche Antworten auf überaus komplexe Probleme anbieten.

Diese Rechnung geht für die Rechtspopulisten derzeit nur auf, weil Politik und Gesellschaft weder Konzepte noch Ideen entwickeln, um die Menschen wieder um die Lagerfeuer des Gemeinwesens und der Demokratie zu versammeln. In diesem Vakuum, in diesem Mangel an Ideen liegt die wahre Gefahr für die Zukunft einer freiheitlichen Demokratie.

Wenn die Arbeit verschwindet

Was wird erst passieren, wenn die Arbeitsmärkte im Zuge der fünften industriellen Revolution kippen? Wenn Künstliche Intelligenz und Roboter zunächst automatisierte und später komplett autonome Wertschöpfungssysteme entstehen lassen, in denen der Mensch keine Rolle mehr spielt? Wenn die Arbeitslosigkeit wieder zunimmt und die Quasi-Vollbeschäftigung von heute zu einer sehnsüchtigen Reminiszenz an längst vergangene Zeiten verblasst? Geht das Volk auf die Barrikaden? Oder wird es ruhiggestellt wie im alten Rom, mit „panem et circenses“, „Brot und Spielen“, wie der Satiriker Juvenal einst spottete? Weder der eine noch er andere Weg erscheint verlockend,

Es lohnt, einen Blick zurück in die Antike zu werfen. Die römischen Kaiser hielten den Plebs ruhig, indem sie immer mehr und immer größere Massenevents organisierten. Mit Wagenrennen und brutalen Kämpfen zwischen Gladiatoren sowie zwischen Mensch und Tier – eine Perversion. Mit dem Colosseum in Rom schufen sie dafür eine Arena mit über 85.000 Plätzen. Und es gab für die Armen tatsächlich Brot, denn ein satter Bauch begehrt nicht auf. Der Historiker Livius registrierte entgeistert, „wie sich die Sache von einem gesunden Anfang zu diesem (…) kaum noch erträglichen Wahnsinn entwickelt hat“.

Wäre es nicht eine schreckliche Vorstellung, wenn die Digitale Transformation Gesellschaften hervorbringt, in der Millionen Menschen nach dem Prinzip „panem et circenses“ oder Trash-TV á la RTL II bei Laune gehalten werden? Mit Almosen (panem) und Massenunterhaltung in Medien und bei Events (circenses)? Die Gefahr, dass die deutsche Gesellschaft auf solche Abwege gerät, ist real. Vor allem eben, weil eine gesellschaftliche Vision für die Zeit, in der die Arbeit verschwindet, nach wie vor fehlt.

Vision für die Erde 5.0

Ich bin mir sicher, dass das bedingungslose Grundeinkommen Baustein eines solchen Masterplans sein wird, auch wenn die Bundestagsparteien sich einer ernstzunehmenden Diskussion darüber stoisch verweigern. Sie hängen einfach noch zu sehr an dem Arbeitsethos, an der Denke des 20. Jahrhunderts, wonach Wohlstand und soziale Sicherheit durch Arbeit erwirtschaftet werden. Es ist an der Zeit, gedanklich im 21. Jahrhundert anzukommen.

Das bedingungslose Grundeinkommen stellt für eine künftige Gesellschaft ohne Vollbeschäftigung eine ebenso bestechende wie einfache Option dar. In seiner radikalsten Form ersetzt das es alle sozialen Transferleistungen und sichert die Existenz des Menschen. Niemand muss arbeiten, um zu überleben und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Finanziert wird das Grundeinkommen durch Steuern, die alle bezahlen müssen, die Einkommen erzielen:

  1. von dem Teil der Bevölkerung, der arbeitet und über das Grundeinkommen hinaus Geld verdient.
  2. von Anlegern und Investoren, die Kapitaleinkünfte haben.
  3. von jedem Unternehmen, das die Maschinen und Roboter betreibt, die anstelle des Menschen für Wertschöpfung sorgen, in Form einer Maschinensteuer.

Wird genug Geld zusammenkommen, um das Grundeinkommen zu finanzieren? Daran hege ich keinen Zweifel, denn in der fünften industriellen Revolution steigt die Produktivität der digitalisierten Wirtschaft immens.

Freiheit, wie Rousseau sie meinte

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird somit Teil des „Kitts“ sein, der unserer Gesellschaft künftig zusammenhält. Es misst den Menschen nicht an seiner beruflichen Leistungsfähigkeit, sondern resultiert aus einer simplen, aber gerne unter den Tisch gekehrten Vereinbarung, die wir in Deutschland miteinander getroffen haben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieses in Artikel 1 des Grundgesetzes formulierte Menschenrecht reicht für den Anthroposophen und Gründer der Drogeriemarktkette dm, Professor Götz W. Werner, aus, um daraus ein Anrecht der Menschen auf ein Grundeinkommen abzuleiten:

„Ein Grundeinkommen lässt den Menschen in Würde leben. Er sollte keine Tätigkeiten ausführen müssen, die er nicht ausführen möchte. Nein sagen zu können, das ist Freiheit im Sinne Rousseaus.“

Damit bezieht sich Werner auf ein Zitat des Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), der erklärte: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“

Wenn der Mensch sich nicht mehr um seinen Lebensunterhalt kümmern muss, weil er durch ein Grundeinkommen abgesichert ist, kann er die Dinge tun, die er möchte, die für ihn Sinn ergeben. Diese neue Lebenssituation wird dazu führen, dass viele Bürger ihr Verhalten ändern, den Konsum kritischer betrachten und sich für die Umwelt einsetzen, sich in Schulen oder in der Pflege engagieren. Das Grundeinkommen wird somit auch helfen, Notstände in unterfinanzierten Bereichen zu beseitigen. Es ist eben mehr als ein geeignetes Mittel gegen die drohende soziale Instabilität auf einer Erde 5.0: Das bedingungslose Grundeinkommen induziert gesellschaftlichen Fortschritt.

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Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

• In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.

• Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.

• Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Über den Autor

Karl-Heinz Land
Karl-Heinz Land

Autor, Speaker und Investor, Karl-Heinz Land

für Digitale Transformation

Karl-Heinz Land ist Investor, Redner und Autor. Mit seinem Buch „Erde 5.0 – Die Zukunft provozieren“ hält er ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, die Chancen der Digitalisierung und des technologischen Fortschritts zu ergreifen und eine globale „Infrastruktur des Wohlstands“ für alle aufzubauen.
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