Prof. Dr. Nico Rose

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for Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Wie schlechte Führungskräfte Mitarbeiter vergraulen: Es beginnt schon im Praktikum

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Mitarbeiter kommen wegen des Images, sie bleiben wegen der Aufgabe – und sie gehen wegen der Führungskraft. So lautet ein beliebtes Management-Bonmot. Es scheint eine Menge Wahrheit an dieser Aussage zu sein. Robert Half, einer der größten Personaldienstleister weltweit, hat 2019 rund 2.800 Arbeitnehmer in den USA befragen lassen. 49 Prozent der Personen gaben an, in der Vergangenheit mindestens ein Beschäftigungsverhältnis beendet zu haben, weil sie mit der Qualität der Führung unzufrieden waren. Auch eigene Forschungsarbeiten, die ich gemeinsam mit Michael F. Steger von der Colorado State University veröffentlicht habe, tendieren in eine ähnliche Richtung.

Schlechte Führung vermiest die Praktikumserfahrung

Eine aktuelle Abschlussarbeit, die meine Studentin Laura Schüpphaus an der International School of Management (ISM) in Dortmund angefertigt hat, deutet allerdings darauf hin, dass das Problem bereits früher beginnt. Ihre Daten legen den Schluss nahe, dass Unternehmen durch schlechte Führungsqualität zukünftige Leistungsträger vergraulen, bevor diese überhaupt fest ins Unternehmen eingestiegen sind.

Konkret hat Schüpphaus rund 80 Studierende, die bereits mindestens ein Praktikum absolviert hatten, nach der Einschätzung der wahrgenommenen Führungsqualität im jüngsten Praktikum gefragt. Zum Einsatz kam dabei der KAARMA-Index, ein Set von 24 Fragen, welches solche Aspekte der Führungsqualität thematisiert, die nachweislich mit dem Sinnerleben der geführten Personen in Zusammenhang stehen. Anhand des Indexes wurden die Führungskräfte in drei Qualitätsstufen aufgeteilt: unterdurchschnittliche, durchschnittliche und überdurchschnittliche Führungsqualität. Zusätzlich hat die Studentin der Wirtschaftspsychologie gefragt:

  • ob die Studierenden das Praktikum weiterempfehlen würden;
  • ob sie sich erneut für das Praktikum bewerben würden;
  • wie sich der Wunsch, nach Abschluss des Studiums bei dem betreffenden Unternehmen fest einzusteigen, durch die Erfahrung im Praktikum verändert hat.

Die Ergebnisse lassen sich der folgenden Abbildung entnehmen.

Einstellung zum Praktikum bzw. Unternehmen nach wahrgenommener Führungsqualität
  • Im linken Diagramm sind die Zahlen für die Weiterempfehlung des Praktikums abgetragen (Skala von 1-10). Die Bereitschaft, das Praktikum weiterzuempfehlen, ist gegenüber schlechter Führung um 68% erhöht, wenn die Führungsqualität während des Praktikums hoch war.
  • In der Mitte finden sich die Ergebnisse zur Frage, ob die Studierenden sich erneut für das Praktikum bewerben würden (Skala von 1-7). Die Wahrscheinlichkeit ist bei guter Führung um 70% erhöht im Vergleich zu schlechter Führung.
  • Die stärkste Differenz zeigt sich indes ganz rechts. Hier wurde erneut mit einer 7er-Skala gearbeitet. Ein Wert nahe 1 bedeutet, dass sich die Studierenden auf keinen Fall für einen Festeinstieg beim Unternehmen bewerben werden, ein Wert um 4 signalisiert Unentschlossenheit, ein Wert nahe 7 bedeutet, dass die Studierenden sehr gerne bei dem Unternehmen einsteigen möchten. Der Wunsch, später fest beim Praktikumsunternehmen einzusteigen, ist bei guter Führung im Vergleich zu schlechter Führung um 92% erhöht.

Studierende, die im Praktikum schlechte Führung erfahren haben, sind für die Organisation mit großer Wahrscheinlichkeit verloren.

Anders ausgedrückt: Die Studierenden, die schlechte Führung erfahren haben, sind für das Unternehmen als zukünftige Arbeitskräfte mit großer Wahrscheinlichkeit verloren. Zudem darf man getrost davon ausgehen, dass sie anderen Studierenden von ihren negativen Erlebnissen erzählen werden. Aus der Marketingforschung ist bekannt, dass negative Erlebnisse im Zusammenhang mit Unternehmen deutlich häufiger weitergetragen werden als positive Erfahrungen.

Ein Hoffnungsschimmer für die Unternehmen: Die Studierenden sind offenbar hart im Nehmen. Sie geben sich mehrheitlich auch mit durchschnittlicher Führungsqualität zufrieden – möglicherweise, weil das Ende des Praktikums immer fest im Blick ist. Meine Studien mit erfahrenen Arbeitnehmern zeigen ein anderes Bild: Es wird spürbar stärker zwischen schlechter, durchschnittlicher – und richtig guter Führung differenziert.

Fazit

Praktika sind ein wichtiger Prä-Rekrutierungsweg für viele Unternehmen. Sie stecken viele Ressourcen in die Gewinnung, Betreuung und Nach-Betreuung von Studierenden, die ein Praktikum im Unternehmen absolviert haben (z.B. im Rahmen von Bindungsprogrammen). Es scheint darüber hinaus empfehlenswert zu sein, verstärkt darauf zu achten, welche Art von Führung diese Personen im Verlauf ihres Praktikums erleben. Hierfür bieten sich regelmäßige Zwischengespräche nicht nur innerhalb der Praktikumsabteilung, sondern auch mit der HR-Abteilung an – so dass diese im Falle des Falles frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen kann.

Mein erster Job nach dem Abschluss in Psychologie an der WWU Münster bestand in der Leitung des deutschen Praktikantenprogramms der L´ORÉAL-Gruppe. Hier wurde – richtigerweise – hart durchgegriffen. Manager, die mehrfach durch unzivilisiertes Verhalten gegenüber PraktikantInnen aufgefallen waren oder diese dauerhaft über Gebühr mit Arbeit belasteten, bekamen – zumindest vorrübergehend – einfach keine Studierenden mehr zugeteilt. Die Abschlussarbeit von Laura Schüpphaus legt nah, dass dieses Vorgehen angemessen und zielführend war.

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About the author

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Prof. Dr. Nico Rose

Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management

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Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelle Bücher: „Arbeit besser machen“ und "Führen mit Sinn". Laut Harvard Business Manager "einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.
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