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Dr. Isabella Hermann

Dr. Isabella Hermann

for Künstliche Intelligenz, Science-Fiction

Wie Science-Fiction den KI-Diskurs verzerrt

Graphik: cobravictor auf Flickr, Public Domain

Wenn wir über künstliche Intelligenz (KI) nachdenken, werden unsere Zukunftsvisionen oft von Filmen beeinflusst. Doch die Darstellung insbesondere in Science-Fiction-Filmen ist häufig verzerrt. Sie muss es sein, denn Filme wollen in der Regel nicht die Realität abbilden, sondern Projektionsfläche für unsere Gesellschaft, unsere Träume und Ängste sein. Sie können deshalb trotzdem wichtige Denkanstöße für gesellschaftspolitische Diskussionen geben. Eine akkurate Darstellung zukünftiger Technologien leisten sie allerdings in der Regel nicht.

Gerade deshalb sollten wir uns bewusst sein, wie omnipräsent fiktionale KI in der Popkultur ist. Die fleischlose Fratze des Terminators, die unschuldig dreinblickende Ava aus Ex Machina, das rot leuchtende Auge von HAL 9000 aus 2001: A Space Odyssey oder auch mal Dr. Will Caster alias Johnny Depp aus Transcendence – selbst, wer kein Fan des Science-Fiction-Genre ist, kommt kaum an diesen Filmfiguren vorbei. Egal ob als Illustrationen von Zeitschriftenartikeln oder auf Folien von Vorträgen in Konferenzen, smarte Roboter und intelligente Systeme aus Science-Fiction-Filmen werden gerne herangezogen, um ein bisschen schauerhafte Aufmerksamkeit beim gehypten Thema KI zu erzeugen.

Filme als Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte und Ängste

Machen wir uns klar: Terminator & Co. eignen sich gut, um mit nur einem Blick das KI-Thema erkennbar zu machen und mit Emotionen zu füllen. Gute Beispiele für die tatsächliche technologische Entwicklung sind sie aber nicht. Science-Fiction-Filme spielen mit fiktionalem technologischem und wissenschaftlichem Fortschritt, der natürlich auf unseren aktuellen Entwicklungen aufbaut. Aber viele Filme sind mehr eine Projektionsfläche für menschliche Sehnsüchte und Urängste als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Chancen und Herausforderungen von KI-Anwendungen. Der Wunsch, etwas menschenähnliches Lebendiges oder gar Übermenschliches zu erschaffen und damit einhergehend die Angst vor Kontrollverlust und Beherrschung sind wiederkehrenden Grundthemen des Genres.

Dazu kommt oft ein großer Schuss Gesellschaftskritik: Roboter und Maschinen dienen als Stilmittel, um uns Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten. Oft repräsentieren sie zum Beispiel marginalisierte oder diskriminierte Gruppen, die im Film schlecht behandelt werden. So geht es in Ex Machina weniger um die Gefahren, die mit der Erschaffung eines menschenähnlichen Roboters einhergehen können. Der Film um die manipulative Roboterfrau Ava ist eher eine feministisch angehauchte Emanzipationsgeschichte, in der sich ein weibliches Opfer von seinem perversen Peiniger befreit. Dass es gar nicht wirklich um KI geht, sieht man schließlich schon daran, dass Ava von der echten Schauspielerin Alicia Vikander dargestellt wird, und keine „roboterhaften“ Züge in ihrer Mimik und Gestik hat. Ganz anders wie der Ava recht ähnlich sehende und real existierende Roboter „Sophia“ von Hanson Robotics, der als Paradebeispiel für das „Uncanny Valley“ gelten kann - als „unheimliches Tal“ wird die mangelnde Akzeptanz von Maschinen bezeichnet, wenn sie zwar menschenähnlich sind, aber nicht an Menschen herankommen und uns gruseln.

Der Diskurs in Deutschland wird von Ängsten und Risiko beherrscht

KI wird im Film also zum Mittel, um menschliche Urbefindlichkeiten und sozialpolitische Problematiken mal mit mehr, mal mit weniger Tiefgang zu behandeln. Damit die Story funktioniert, muss künstliche Intelligenz im Film allmächtig und magisch sein. Erst, wenn Dr. Will Caster in Transcendence wie durch Zauberhand Krankheiten heilt und durch die Patienten spricht, kriegen wir ein richtig mulmiges Gefühl. Diese oft techno- und robophobe Auffassung versteht sich prächtig mit einem eher angst- und risikobeherrschten Diskurs in Deutschland.

Künstliche Intelligenz ist aber nicht Magie, sondern Mathematik und Technik. Gute Grundlagen für einen gesellschaftlichen Diskurs über KI sind ihre Repräsentationen aus Science-Fiction-Filmen also nicht. Ganz im Gegenteil lenken sie von den echten Chancen und Herausforderungen ab. Echte Chancen wie Verbesserungen im Gesundheitswesen oder Optimierung des Ressourcenverbrauchs. Und echte Risiken wie die Verfestigung von Ungerechtigkeiten durch verzerrende Diskriminierungen in Datensätzen, mit denen wir Maschinen trainieren. Wir brauchen ein positives Narrativ für die Zukunft, um von diesen Chancen durch KI Gebrauch zu machen, und andererseits Maßnahmen, um Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu erhöhen. Das heißt: Diversifizierte Entwicklerteams mit Sinn für den sozialen Kontext von Daten, eine aufgeklärte Gesellschaft und eine Politik, in der demokratische Grundwerte weiterhin zählen. Themen, die nicht sexy genug für Science-Fiction-Blockbuster sind.

About the author

Dr. Isabella Hermann
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Koordinatorin "Verantwortung: Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz", Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

for Künstliche Intelligenz, Science-Fiction

Ich forsche als Politikwissenschaftlerin zu den ethischen und sozialpolitischen Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz. Außerdem referiere und publiziere ich darüber, was uns das Science-Fiction-Genre mit seinen Zukunftsvisionen über die aktuelle Politik und Gesellschaft verrät.
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