Christiane Brandes-Visbeck

Christiane Brandes-Visbeck

for Innovationen, New Work, Leadership, Diversity

Wird #NewWork das #NewNormal?

Zeichnung: Stephanie Kowalski

Wie können wir im eng durchgetakteten Business-Alltag schnell und messbar Erfolge erzielen? Als Innovationslotsin und Transformationsbegleiterin begegene ich in meinen Workshops und Beratungsprozessen klugen Menschen, die New Work perfekt einführen wollen. Die Teilnehmenden erwarten einen klaren und fokussierten Input, der sie vor Schmerzen und Fehlern bewahrt. Sie hoffen auf Checklisten und Rezepte, die in jedem, also auch in ihrem Kontext funktionieren. Der Wunsch nach Input, der "ready to use" ist, ist heutzutage normal. Der Weg zum "real" New Work ist allerdings ein anderer. 

Die Transformation von der sortierten Management-Welt mit soliden Hierarchien zu einer menschenorientierten, höheren Ordnung lässt sich nur schwer mit bewährten Methoden begreifen. Es fängt damit an, dass wir das Ziel kaum defininieren können. Wie soll diese schöne neue Arbeitswelt aussehen? Wie geht "menschenorientiertes Wirtschaften"? Wie kommuniziert man*frau auf Augenhöhe in einem hierarchisch geprägten Umfeld? Wie können wir ohne ständige Überforderung achtsam mit uns und anderen arbeiten und gleichzeitig den gewünschten Output liefern? Dazu fehlt vielen von uns die Fantasie. Und wenn man*frau das Gefühl hat, geeignete Antworten auf diese Fragen gefunden zu haben, kommt so eine unnötige Pandemie. Sie führt uns gerade sehr deutlich vor Augen, was es bedeutet, in einer VUKA-Welt zu leben. Das Akronym VUKA steht für volatil, unsicher, komplex und ambigue. Es ist in meinen Augen eine treffende Beschreibung für den Zustand der Welt, den wir heute erleben: Wir können nichts planen, kein Zielbild ermitteln. Wir können nur kleine Schritte gehen und auf Sicht fahren, wie es in der Schifffahrt so schön heißt. 

Für unsere aktuellen VUKA-Erlebnisse gibt es neben Covid-19 weitere tiefgreifende Ursachen: die Evolution, Digitalisierung und Globalisierung, Klimaveränderungen. Diese besonders großen und ebenfalls kaum greifbaren Veränderungsdynamiken verunsichern uns Menschen. Jede*r spürt, dass diese mächtigen Kräfte zu massiven Machtverschiebungen führen können. Insgeheim fragen wir uns: Kommt bald ein Krieg? Verliere ich meine Arbeit und mein Auskommen? Bleibe ich gesund? So wie die Pandemie unser Leben durcheinander wirbelt erleben wir diese Veränderungsdynamiken als bedrohlich bis existenziell. In dieser Zeit wird offensichtlich, wie sehr Weltbilder, Glaubenssätze oder Narrative unser Handeln bestimmen und unsere Kultur formen. Sie bilden die Grundlage für das, was jeder einzelne Mensch als sinnvoll erachtet. Wenn es anstrengend wird, suchen Menschen nach neuen Lösungen oder sie greifen auf bewährte Muster zurück. 

Das Spektrum der Möglichkeiten sehen wir im politischen Feld sehr deutlich. Wenn eine große Zahl von Menschen gemäß bestimmter Werte handelt und diese laut beschreibt, wird diese Gruppe einflussreich. Für die einen ist die individuelle Freiheit oder der Wunsch, das etwas Besonderes zu sein ein handlungsbestimmender Wert. Für andere sind es Werte wie sozialer Frieden, Gemeinschaft oder Chancengleichheit. Wenn dieser Veränderungsprozess inmitten ganz unterschiedlicher Wertevorstellungen nicht orchestriert wird, fragen wir uns zu Recht besorgt: Wer wird gewinnen? Wie wird unsere Welt in Zukunft aussehen? Werden sich die Entscheider*innen, durchsetzen, die business as usual leben, also beispielsweise die Unternehmen, die sich jetzt in der Krise Diversität und neue Führungsformen nicht mehr leisten wollen und in den bewährten Modus des Management-by-haben-wir-schon-immer-so-gemacht zurück fallen? Oder sind es die anderen, die spüren, dass neue Fähigkeiten und Kompetenzen benötigt werden? Die sich mit kleinen Veränderungen und vorsichtigen Innovationen durch die Krise wagen. Während der Pandemie wird offensichtlich, dass Länder, deren Lenker*innen gezielt aktive Maßnahmen zur Prophylaxe ergriffen haben, auch wirtschaftlich besser durch die Krise kommen als solche, in denen die Gefahr von Covid-19 marginalisiert wurde, frei nach dem Motto: "Keine Panik. Augen zu und durch." (An dieser Stellen könnten wir noch kurz überlegen, welcher Leadership-Style eher weibliche Mermale beinhaltet als männliche. Doch das lenkt vom eigentlichen Thema ab). 

Corona lehrt uns die Frage nach dem "Wozu"

Wie sehr es lähmt, wenn Menschen gemäß unterschiedlicher Werte und Zielen handeln, erleben wir aktuell überall. Florian Harms, Chefredakteur von T-Online, hat sich in seinem Newsletter "Tagesanbruch" unter diesem Aspekt die Europa-Politik angesehen. Der ehemalige SPON-Chef schrieb:

Es ist leicht, die himmelschreienden Gegensätze auf unserer Erde zu erkennen, aber es ist schwer, sie aufzulösen. Nähmen (sie) diesen Gedanken wirklich ernst, dann würden sich die europäischen Staatenlenker eine Auszeit aus dem permanenten Krisenbekämpfungsmodus nehmen und gemeinsame Werte definieren, die alle politischen Entscheidungen binden. Nicht nur schöne Worte, sondern verbindliche Grundsätze. Wofür soll Europa im 21. Jahrhundert stehen? Welche Regeln sind unumstößlich und selbst im Krisenfall nicht zu beugen? Wer ist bereit, sich auf die Einhaltung demokratischer Standards, rechtsstaatliche Prinzipien, sozialen Ausgleich und gelebte Solidarität zu verpflichten – und wer nicht?
Tagesanbruch vom 10.09.2020

Der Schlüssel und damit der erste Schritt zu einer erfolgreichen Transformation in Poltik und Wirtschaft ist die Frage nach dem "Warum": "Wozu gibt es Europa? Wofür soll Europa im 21. Jahrhundert stehen?", fragt Florian Harms. Und dabei geht es nicht darum, das alte Europa zu zerschlagen, sondern das, was gut funktioniert, auf dem Weg zum Europa des 21. Jahrhunderts mitzunehmen. 

Auf dem Weg zu New Work und der Zukunft der Arbeit geht es aus meiner Sicht auch nicht darum, alte Hierarchien zu zerschlagen und aus dem Nichts eine neue, vernetzte Organisation auszubauen. Sondern darum, die Hierarchien erst einmal bestehen zu lassen, sozusagen als das sichere Fundament für den strukturierten Prozess, mit dem wir das Neue gestalten können. 

#KollektiveIntuition: Struktur in der Veränderung

Luis Alvarez/Getty Images

Wie so ein strukturierter Prozess ausehen kann, habe ich mit meiner Beratungslogik #KollektiveIntuition entwickelt. Ihr liegt die These zugrund, daß die Menschen in jeder Organisation ein Gefühl dafür haben, wie die Reise in die Zukunft aussehen kann. Häufig fehlt es an Mut, Ressourcen, Methoden und die Erlaubnis, um Veränderungen umzusetzen. Aktuell heißen meine sechs Unterwegsstationen für eine strukturierte Transformation:

1. Purpose: Ein gemeinsames Verständnis von dem "Wozu" eint Menschen, gibt ihnen Orientierung und inspiriert zu gemeinsamen Aktionen in eine ausgehandelte Richtung.

2. Leading: Ein flexibles Verständnis von Führung als Teil einer jeden Rolle ermöglicht individuelles, situations- und kontextbezogenes Digital Leadership. 

3. Rollen: Wer sich auf dem Weg zum Neuen gebraucht und gesehen fühlt, kann Diversität besser aushalten und leben.

4. Leitprinzipien: Wenn Werte wie Menschenorientierung, Chancengleicheit, verantwortungsvolle Freiheit, Leistungswille und Partizipation das Miteinander bestimmen, werden weniger Vorschriften benötigt.

5. Kollaboration: Wer erlebt, dass moderne Methoden und digitale Tools die Zusammenarbeit erleichtert und Ergebnisse verbessern, hat mehr Freude am gemeinsamen Arbeiten und Dazulernen. 

6. Kommunikation: Was gut funktioniert und was nicht, darf in die Welt getragen werden. Eine Transformation, die von positiven Narrativen und visualisierten Veränderungsprozessen begleitet wird, wirkt nachhaltiger.

Über meine Erfahrungen mit #KollektiveIntuition schreibe ich zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Heute möchte ich abschließend drei Learnings für das Losgehen, für die ersten Schritte auf dem Weg zu New Work, mit Ihnen und euch teilen:

Think big. Act small. Start now.

Think big.

Ihre Vision von der neuen Kultur darf vage sein. Vielleicht sind deshalb "Weltherrschaft" oder die Idee vom "geilen heißen Scheiß" mancherorts beliebte Umschreibungen für das Wohin. Augenzwinkernd möchte man das ganz große Ding, weiß aber auch, dass wir klein anfangen werden. Begriffe oder Buzzwords wie menschenorientiert, achtsam, auf Augenhöhe, agil, Vertrauen oder vernetzt dürfen natürlich in jeder Vision genannt werden. Die Beschreibung des Zukünftigen sollte unbedingt leicht unscharf sein. Denn wenn eine Vision wie ein Zielbild einen präzisen Endzustand beschreibt, kann es sein, dass die VUKA-Welt uns einen Strich durch die Rechnung macht. Weil das, was wir uns heute wünschen, sich morgen als untauglich herausstellt. Wenn Sie beispielsweise vor haben, die Zusammenarbeit in Ihren Teams menschenorientierter zu gestalten, um bessere Ergebnisse zu erzielen, sind wichtige Faktoren vielleicht gar nicht das hippe Großraumbüro oder die kommunikative Teeküche, sondern die Möglichkeit, mit moderner Ausstattung und gut gecoacht, flexibel von jedem Ort aus zu jeder Zeit störungsfrei arbeiten zu können. 

Act small.

Vielleicht werden Sie im Laufe der Zeit eine Organisationsform entwickeln, bei dem Sie das gesamte Regelwerk von HR, OA und BR als störend erleben. Deshalb ist es ratsam, vor jeder größeren Transformation das Okay der obersten Hierarchieebene einzuholen. Dazu gehört auch, dass Sie Ihren Team-Output in der Transformationsphase vorübergehend etwas runterfahren dürfen, damit Sie Ressourcen für den Prozess haben, der ja zum Ziel hat, Ihren Output als eingespieltes und zufriedenes New-Work-Team zu erhöhen. Sie bekommen dieses Go meist leichter, wenn Sie im übersichtlichen Feld operieren. Beginnen Sie mit einer kleinen Einheit, Ihren Direct Reports oder einem überschaubaren Projekt. Halten Sie es aus, dass Sie nun in und zwischen zwei Welten operieren. Die Zeit des Entweder-oder ist jetzt vorbei. Die Vorstellung von den unvereinbaren Gegensätzen ist auch so ein Glaubenssatz, der unser menschliches Handeln einschränkt. Wir können Kinder UND Karriere verbinden, fröhlich UND erfolgreich sein. Und so wie ein Mensch mit einer doppelten Staatsbürgerschaft zu zwei Staaten gehört, sind Sie jetzt Teil der alten und einer neuen, werdenden Kultur. 

Start now.

Nach dem Lesen, ran an die Transformation. #NewWork als #NewNormal. Alles wird gut.

About the author

Christiane Brandes-Visbeck
Christiane Brandes-Visbeck

Geschäftsführende Gesellschafterin, Ahoi Innovationen GmbH

for Innovationen, New Work, Leadership, Diversity

Wie wollen wir leben und arbeiten? Das ist mein Herzensthema. Wenn wir schon in dieser digitalen, globalen und sich rasant verändernden Welt leben, sollten wir unsere Chancen nutzen, sie zu einem besseren Ort zu machen.