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Kündigen ohne neuen Job – Riskante Kurzschlusshandlung oder Neuanfang?

Die aktuelle Anstellung einfach hinwerfen, obwohl kein neuer Job in Sicht ist? Dieses Wagnis kann für manche eine Chance auf einen Neubeginn sein, für andere ist es eine unschöne Lücken im Lebenslauf.

4 Szenarien, an denen Sie erkennen, ob Sie kündigen sollten

Dr. Bernd Slaghuis
  • Viele halten Belastungen im Beruf zu lange aus
  • Ob eine Kündigung sinnvoll ist, muss individuell geklärt werden
  • Ihre eigene Einstellung ist entscheidend

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„Es geht nicht mehr, ich würde am liebsten gleich morgen kündigen.“ Mit dieser Aussage kommen viele in ihrem Beruf gestresste Arbeitnehmer zu mir ins Karrierecoaching. Doch sie alle fragen sich im nächsten Moment, wie eine Kündigung im Lebenslauf aussehen wird, was ein neuer Arbeitgeber wohl darüber denkt und wie hoch das finanzielle Risiko ist, eine noch unbestimmte Zeit der Jobsuche und Bewerbung ohne sicheres Gehalt zu überstehen.

Kündigung ohne neuen Job: Schandfleck im Lebenslauf oder Freiheit pur?

Manche Karriereberater prophezeien, dass die bei einer Kündigung ohne neue Stelle klaffende Lücke einen Lebenslauf für immer und ewig verschandelt und raten daher kategorisch von solch gewagtem Schritt ab. Stattdessen solle man irgendwie durchhalten, sich parallel bewerben und erst kündigen, wenn die Tinte unter dem neuen Vertrag trocken ist. Andere wiederum, die einfach so mutig ausgestiegen sind, bezeichnen es als die beste Entscheidung ihres Lebens. Schließlich sei Sicherheit nur eine Illusion und das Leben zu kurz, um dauerhaft Stress und Frust im Beruf auszuhalten und am Ende sogar krank zu werden.

Beide Meinungen besitzen Wahrheit. Doch sie allein führen Betroffene nicht hin zu einer endgültigen Entscheidung für oder gegen die Eigenkündigung ohne neue Stelle. Viele meiner Klienten berichten mir, dass sie sich schon seit Jahren intensiv mit einer beruflichen Veränderung beschäftigen, Ratgeber studiert haben, aus ihrem privaten Umfeld viele Meinungen gehört haben und so das Gedankenkarussell mit der Zeit immer mächtiger geworden ist. Sie selbst haben jedoch immer weiter ausgeharrt, statt etwas zu verändern.

Richtig oder falsch? Das ist persönliche Ansichtssache

Keine Frage, es ist eine schwierige Entscheidung, die für viele mit Selbstzweifeln, Ängsten und Sorgen verbunden ist. Den Job freiwillig hinzuschmeißen, den lieb gewonnenen Kollegen auf Wiedersehen zu sagen, finanzielle Abstriche hinzunehmen und sich auf unbestimmte Zeit mit Stellensichten, Bewerbungenschreiben und bohrenden Fragen im Vorstellungsgespräch herumzuschlagen, das alles ist nichts, was uns vor Freude jubeln lässt.

Es ist mir im Coachingprozess wichtig, bei dieser Frage ausdrücklich nicht die Radikalposition eines Richtig oder Falsch zu vertreten. Denn die Lebensläufe, Wechselmotive sowie persönlichen Situationen von Arbeitnehmern sind viel zu individuell, um solch einen Schritt auf Basis von Schwarz-Weiß-Denke und dem pauschalen, schnellen Tipp zu entscheiden. Je nach Grad der Belastung im aktuellen Beruf, dem kollegialen Umfeld, der Beziehung zum Chef, der persönlichen Lebenssituation und den Zielen für die nächsten Jahre kann die Kündigung ohne neue Stelle für manche Angestellte sehr zielführend und somit sinnvoll, für andere jedoch auch riskant und schädlich für den Veränderungsprozess sein.

Kündigen ohne neuen Job? Diese Fragen sollten Sie für sich beantworten:

Sind Sie wirklich bereit, an Ihrer beruflichen Zukunft zu arbeiten?

An seiner beruflichen Zukunft zu arbeiten erfordert die mentale Bereitschaft, über die Ziele der nächsten Jahre sowie mögliche Schritte dorthin nachzudenken. Vielen in ihren Berufen aktuell frustrierten, enttäuschten und unter Druck stehenden Arbeitnehmern fällt es schwer, ihre belastenden Gedanken rund um das Gestern und Heute hin zu einer motivierenden neuen Sicht auf das Morgen zu lenken.

Wer noch nicht bereit ist, den Blick in die Zukunft zu richten, der sollte zunächst Abstand von der aktuell belastenden Situation gewinnen. Dies kann ist mit einer bewussten Auszeit und damit auch einer Kündigung zu erreichen, um das Alte zu beenden, bevor das Neue beginnen darf. Vielleicht reicht auch bereits eine gezielte Veränderung der Einstellung zur aktuellen Tätigkeit aus, um die nötige Distanz zum täglichen Wahnsinn zu gewinnen und die knappe Energie für Ihre berufliche Zukunft zu verwenden.

Welche zeitlichen Freiräume besitzen Sie für Jobsuche und Bewerbung?

Bewerbung ist ein Vollzeitjob. Viele Jobwechsler unterschätzen den Aufwand, der mit einer wirkungsvollen und erfolgreichen Bewerbung verbunden ist. Von der gezielten Jobsuche über die Auswahl der passenden Jobbörsen, die Formulierung des Anschreibens, das Update des Lebenslaufs bis hin zur Vorbereitung und den Besuch von Vorstellungsgesprächen.

Wer in seinem Beruf seit Jahren im Hamsterrad rennt, dem fehlt es oftmals an den nötigen Freiräumen, um das Projekt „Bewerbung“ konsequent in Angriff zu nehmen. Auch dann kann es sinnvoll sein, bewusst zu kündigen, um sich voll und ganz auf die Neuorientierung zu konzentrieren. Sind Sie sich hingegen sicher, dass Ihnen nach einer Kündigung zu Hause die Decke auf den Kopf fallen wird, dann sollten Sie besser im Job die Entscheidung treffen, zu bleiben und sich dort bewusst die nötigen Freiräume schaffen, die Sie für Jobsuche und Bewerbung benötigen.

Welchen Zeitraum können Sie finanziell entspannt überbrücken?

Finanzielle Unsicherheit hält die meisten Arbeitnehmer davon ab, die Kündigung ohne neue Stelle auszusprechen. Frage ich nach, welche Konsequenzen diese Durststrecke für sie oder ihre Familie tatsächlich bedeutet, relativiert sich die Sorge des Kürzertretens häufig.

Bringen Sie Klarheit in Ihre Finanzen und rechnen Sie aus, welche Rücklagen vorhanden sind, auf was Sie für eine gewisse Zeit verzichten können und wie hoch die laufenden Ausgaben sind. Können Sie einigermaßen sorgenfrei die nächsten sechs bis neun Monate ohne Gehalt mit niedrigerem Arbeitslosengeld über die Runden kommen? Wen die finanzielle Situation bei Eigenkündigung ohne neue Stelle zu sehr unter Druck und bei der Jobentscheidung unter Zugzwang setzt, der sollte besser parallel zum aktuellen Job nach Entwicklungsperspektiven suchen oder etwa durch einen Urlaub Kraft für eine anstehende Bewerbungsphase tanken. Druck ist kein guter Ratgeber bei Jobentscheidungen.

Wie ist Ihre eigene Haltung als Jobwechsler und Bewerber?

Empfinden Sie die bei diesem Schritt entstehende Lücke in Ihrem Lebenslauf selbst als Schandfleck oder haben Sie das Gefühl, Sie handeln falsch, weil man schließlich ohne eine neue Stelle zu haben nicht einfach so kündigen darf? Dann ist es tendenziell keine gute Idee, als armes Opfer der Umstände Ihrem Chef die Kündigung zu präsentieren. Denn spätestens bei der Frage im Bewerbungsgespräch, warum Sie Ihre letzte Stelle freiwillig an den Nagel gehängt haben, wird sich der Angstschweiß auf Ihrer Stirn breitmachen.

Wer sich für die Kündigung ohne neuen Job entscheidet, der sollte dies mit dem Bewusstsein tun, dass dieser Schritt mit bestem Wissen aus heutiger Sicht eine persönlich gute Entscheidung ist – und auch Dritten gegenüber dazu stehen. Jeder Arbeitnehmer besitzt das Kündigungsrecht, und wer weiß besser als Sie selbst, was gut für Sie ist?

Es ist nicht verwerflich, einem potenziellen zukünftigen Arbeitgeber zu erklären, dass Sie selbst gekündigt haben, weil es am Ende nicht mehr passte, Sie sich nach vielen Jahren im Beruf eine längere Auszeit gegönnt oder einfach nur Freiraum und Muße für sich und Ihre berufliche Orientierung benötigt haben. Außerdem kann sich Ihr neuer Arbeitgeber doch freuen, nicht mit drei oder sogar sechs Monaten Kündigungsfrist auf Sie warten zu müssen.

Ihre Haltung als Arbeitnehmer und Bewerber bestimmt, in welchem Licht die Eigenkündigung ohne neue Stelle steht. Sie ist weder außerordentlich mutig noch ein schlimmer Fehltritt, sondern Ihre individuelle Entscheidung. Sie sind der Chef Ihres Lebens und dürfen darüber entscheiden, ob dieser Schritt gut ist, weil er Sie Ihren Zielen näherbringen wird, oder ob Sie die Sicherheit und das gewohnte Umfeld bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber weiter benötigen, um entspannter nach neuen Wegen Ausschau zu halten.

Veröffentlicht:

Dr. Bernd Slaghuis
© Privat
Dr. Bernd Slaghuis

Ökonom, Karriere- und Business-Coach

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis ist promovierter Ökonom, Systemischer Coach und Experte für neue Karrieren und gesunde Führung. In seiner Kölner Coaching-Praxis hat er sich auf Anliegen der Karriereplanung und beruflichen Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Er schreibt in seinem Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ über seine Sichtweisen auf Karriere, Bewerbung sowie Führung und hält zu diesen Themen deutschlandweit Vorträge und gibt Seminare.

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