Homeoffice und Nomadendasein: Wird New Work zur Symbolpolitik?

Begriffe wie flache Hierarchien und flexible Arbeitszeit gelten als Synonyme für New Work. Doch sie vermitteln nicht den wahren Kern der Bewegung. Experten befürchten: New Work wird zur Symbolpolitik.

Prof. Dr. Heike Bruch
  • Es nutzt niemandem, wenn wir beim Thema New Work auf Pauschalrezepte setzen
  • Wer sich oberflächlich in die Transformation stürzt, verunsichert nur alle
  • Ein maßgeschneiderter Umbau berücksichtigt Bewährtes und Neues gleichermaßen

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„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Dieser Ausspruch trifft auch auf viele Versuche zu, Unternehmen auf neue Arbeitsformen umzustellen – ob man sie nun Agilität, New Work oder Arbeit 4.0 nennt. Die Transformation gelingt nur mit einer maßgeschneiderten Strategie. Hat man diese nicht, stürzt sich vielleicht sogar blindlings in Veränderungsprozesse, schadet dies meist mehr, als es nutzt. Verbreitet ist vor allem eine einseitige Euphorie für alles Neue, wobei oft pauschal gegen Bestehendes gearbeitet wird.

Die gute Nachricht: Es gibt klar definierte Erfolgsfaktoren auf dem Weg zur New Work. Und es gibt gute Beispiele von Unternehmen, die diese sehr wirkungsvoll nutzen. Sie setzen auf moderne Führung, eine positive Kultur und die Selbstkompetenzen der Mitarbeitenden. Auf diesem Fundament bauen diese Unternehmen auf und finden einen individuellen Weg, die vielen Möglichkeiten der neuen Arbeitsformen zu gestalten. Wichtig ist, dass die Kollegen aller Fach- und Führungsebenen diesen Weg des Unternehmens in die Arbeitswelt 4.0 gern mitgehen – auch deshalb, weil dann sehr schnell die wirklichen Erfolge sichtbar werden.

Zwei Fehler sind Ursache der meisten Probleme

Es sind vor allem zwei Fehler, die die Transformation besonders schmerzhaft machen. Der erste ist das sogenannte Gewinner- und Verliererspiel. Zurzeit ist alles unglaublich hip, was agil oder New Work ist. Aber eine große Begeisterung für bestimmte agile Methoden oder Arbeitsweisen führt oft dazu, dass die Mitarbeiter der traditionell arbeitenden Bereiche sich vernachlässigt oder im schlimmsten Fall nicht mehr wertgeschätzt fühlen.

Bei jedem Unternehmensumbau sollte die Führung deshalb sehr darauf achten, wo agile Arbeitsweisen gut passen und wie andere Bereiche auf andere Weise ebenfalls zukunftsfähig aufgestellt werden können. Entscheidend ist, dass beide gleichermaßen Wertschätzung erfahren und sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen. Kontraproduktiv ist hingegen, wenn im Zuge der New-Work-Transformation agile gegen traditionelle Methoden, junge gegen ältere Mitarbeiter oder digitales gegen angestammtes Geschäft antreten.

Um dies zu vermeiden, sollte agiles Arbeiten oder New Work nicht als Dogma oder Religion betrachtet werden. Vielmehr braucht New Work ein modernes Mindset, bei dem es gilt, verschiedene Arbeitsformen sinnvoll und transparent zu kombinieren.

Der zweite, gern gemachte Fehler ist, die Veränderungen nur über die Prozesse ins Unternehmen zu bringen. Was heißt das genau? Viele Mitarbeiter müssen sich zunächst mit den großen Zielen eines Unternehmens identifizieren, bevor sie Veränderungen in ihrem Teilbereich gern mittragen. Dabei hilft eine Leadership, die auf übergeordnete Ziele ausgerichtet ist und ihre Mitarbeitenden für die Zukunftspläne des Unternehmens inspiriert – und sie nicht auf ihre individuellen Ziele und Kennzahlen reduziert.

Führen mit Visionen und nicht nur mit Kennzahlen

Damit die Führungskräfte das leisten können, brauchen sie aber selbst zunächst eine klare Vision für das Unternehmen und ein Verständnis dafür, wie der Weg dorthin aussieht. Denn unsere Untersuchungen zeigen: Das Thema New Work ist für die Führungsebene oft mindestens so verunsichernd wie für den Rest der Belegschaft. Mehr als ein Drittel der Führungskräfte gaben in einer Studie an, sich in ihrer Rolle als Führungskraft unsicher zu fühlen. Und dieser Anteil der Führungskräfte mit Selbstzweifeln nimmt signifikant zu in Unternehmen, die in die New Work einsteigen. Dann sind es gut doppelt so viele Führungskräfte mit starken Selbstzweifeln wie unter normalen Umständen. In Konsequenz führen die dann in der Regel nicht mehr aktiv.

Es gilt also für alle Beteiligten, egal wo sie im Unternehmen stehen: New Work kann zu mehr Freiheit, mehr Zufriedenheit und mehr Erfolg führen. Aber dafür dürfen wir uns nicht auf Lösungen von der Stange verlassen. Wir brauchen eine individuelle und maßgeschneiderte Strategie. New Work ist ein modernes Mindset, mit dem ein deutlich erweiterter neuer Werkzeugkasten verantwortungsvoll genutzt werden sollte. Welche der Werkzeuge genutzt und wie sie kombiniert werden, sollte jedes Unternehmen für sich entscheiden und den Weg in die neue Arbeitswelt mit seinen Führungskräften und Mitarbeitenden gemeinsam gestalten. Auf einem stabilen Fundament aus inspirierender Führung, Vertrauenskultur und ausgeprägten Selbstkompetenzen.


Prof. Dr. Heike Bruch ist auch Speakerin auf der Work Awesome , die am 29. November in der Villa Elisabeth in der Invalidenstraße 3 in Berlin stattfindet. XING ist Medienpartner der Konferenz, auf der spannende Experten über Themen wie künstliche Intelligenz, Data-driven Human Resources, radikal neue Arbeitsformen bis hin zum Office der Zukunft sprechen werden.

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Prof. Dr. Heike Bruch
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Prof. Dr. Heike Bruch

Leiterin des Instituts für Führung und Personalmanagement, St. Gallen

Prof. Dr. Heike Bruch ist Professorin für Leadership und leitet das Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen.

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