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30 Jahre Mauerfall: Welche Geschichten schrieb die Wende?

Der Mauerfall vor 30 Jahren leitete eine riesige politische Wende ein. Gleichzeitig beeinflusste er aber auch Millionen Lebenläufe. Wie formte dieser eine Tag ganze Karrieren?

Als Neunjähriger stand ich plötzlich vor dem Stacheldraht

Wolfgang Kubicki

Vizepräsident des Deutschen Bundestages, FDP

Wolfgang Kubicki
  • Mauerbau wie Mauerfall waren sehr emotionale Momente für mich
  • Wir können glücklich und stolz sein auf das, was wir seit 1989 erreicht haben
  • Aber wir sollten aufhören, von „dem“ Westen und „dem“ Osten zu sprechen

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Als Kind verbrachte ich die Sommerferien oft bei meiner Tante in Berlin. Für mich als kleinen Jungen aus der niedersächsischen Provinz war das brodelnde Leben in der Weltmetropole aufregend. Auch im Sommer des Jahres 1961 kam ich dorthin. Ich hatte über die Jahre ein paar Jungs als Spielkameraden gewonnen, die auf der anderen Seite der Brücke wohnten, die in Kreuzberg direkt an der Grenze zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt lag.

Als ich am 13. August, ein Sonntag, meine Verabredung zum Kinobesuch einhalten wollte, wurde ich plötzlich von Grenzsoldaten aufgehalten. Ich hatte Angst und konnte es nicht verstehen: Irgendjemand hatte die schreckliche Idee, über Nacht eine Mauer zwischen uns zu errichten. Niemand durfte rüber, Stacheldraht teilte jetzt die Stadt. Ich wusste überhaupt nicht, was dies zu bedeuten hatte und ob ich meine Freunde jemals wiedersehen würde. Aber sogar ein Neunjähriger wie ich spürte: Die Stimmung hatte sich plötzlich verändert, da war etwas Großes im Gange. Es erschien mir wie das Ende von etwas. Es würde jedenfalls nicht mehr sein, wie es war.

Ich fasste den Entschluss: Morgen fährst du rüber

Gut 28 Jahre später erlebte ich dann vorm Fernseher, wie die Mauer fiel. An diesem 9. November 1989 war ich mit meiner heutigen Ehefrau beruflich in Lüneburg. Wir saßen wie gebannt im Hotel, als der ZDF-Korrespondent erklärte: Die Mauer ist jetzt offen. Mir schossen die Tränen in die Augen. Obwohl für mich die DDR in diesen Jahren eigentlich nicht mehr zu Deutschland zählte, obwohl sich Schwerin oder Rostock nach den vielen Trennungsjahren weiter entfernt anfühlten als Brüssel oder Paris, wurde ich von dieser Dynamik und dem ausgelassenen Jubel der Menschen überwältigt. Jetzt zeigte sich ganz nahe, dass sich der Wille zur Freiheit von keiner Macht dauerhaft unterdrücken ließ. Ich fasste den Entschluss: Du musst da hin. Morgen fährst du rüber.

Es bleibt noch eine Menge zu tun

Ich hatte die Ehre, einige Monate später dem ersten gesamtdeutschen Bundestag angehören zu dürfen. Willy Brandt war Alterspräsident, Hans-Dietrich Genscher Außenminister, Helmut Kohl Kanzler. Alles Staatsmänner, ohne die dieses große Glück der Wiedervereinigung nicht erreicht worden wäre. Als neuer Abgeordneter des 12. Deutschen Bundestages war mir klar: Auch du trägst jetzt Verantwortung dafür, dass die Weichen für alle Deutschen richtig gestellt werden und dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört.

Rückblickend auf die letzten 30 Jahre können wir glücklich und stolz auf das Erreichte sein. Trotzdem bleibt im Miteinander immer noch eine Menge zu tun. Bisweilen bekomme ich den Eindruck, es werden wieder neue Ost-West-Identitäten entwickelt. Die Mauer stand zwar „nur“ 28 Jahre, trotzdem sind 30 Jahre nach ihrem Ende 21 Prozent der „Wessis“ noch nie im Osten gewesen. Der 30. Jahrestag des 9. November wäre eine gute Gelegenheit, diese Zahl dramatisch zu reduzieren. Denn erst wenn wir nicht mehr von „dem“ Westen und „dem“ Osten sprechen, haben wir die Einheit komplett vollzogen.

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