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re:publica Spezial: Was bewegt die digitale Welt?

Anfang Mai fand die re:publica in Berlin statt. Auf der Digitalkonferenz ging es vor allem um die Themen Fake News, Hatespeech und neue Formen der Arbeit. Hier schreiben die Speaker.

Angst vor Automatisierung? Denken Sie unternehmerisch!

Ansgar Oberholz
  • Schon heute können Roboter völlig autonom Automobile bauen oder Burger braten
  • Doch das ist nur die Kinderstube, auf uns wird eine andere Dimension zukommen
  • Wir müssen überlegen, wie Technologie und Mensch in Zukunft zusammenarbeiten

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Es wird kein Job so bleiben, wie er ist. Ob Akademiker oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Wir alle sind von der Automatisierung betroffen – und werden in Zukunft unseren Job verlieren oder ihn anders ausüben müssen. Das bedeutet, dass wir unsere Fähigkeiten weiterentwickeln, neue Dinge lernen und bereit sein müssen, unsere Gewohnheiten zu ändern. Kurzum: In Zukunft wird ein Entrepreneur-Mindset immer wichtiger.

Schauen wir auf die Herstellung von Fahrzeugen, Möbeln oder Essen: Eigentlich könnten Maschinen uns schon heute diese Arbeit fast vollständig abnehmen. Die technischen Antworten gibt es bereits. Was fehlt, sind die sozialpolitischen Antworten. Was passiert mit all den Arbeitnehmern, deren Aufgaben von Maschinen übernommen werden? Zu Recht haben Wirtschaft und Politik Angst vor den sozialen Folgen einer vollständig automatisierten Produktion. Aber statt über radikal neue Lösungen nachzudenken, wird die Vollbeschäftigung noch immer als das höchste Gut angesehen. Dabei könnten selbst Burgerrestaurants schon jetzt zahlreiche Angestellte gegen Maschinen austauschen.

In der Pflege erledigen Roboter bereits Hilfstätigkeiten wie das Reichen des Essens, teilweise auch schon einfache sozial-interaktive Aufgaben. Dafür haben die menschlichen Betreuungskräfte mehr Zeit, sich mit den Personen zu beschäftigen. Doch das alles ist noch die Kinderstube. Wir leben jetzt im Zeitalter der Algorithmen. Dieses geht gerade zu Ende. Was auf uns zukommt, wenn wir in das Zeitalter der selbst lernenden Systeme eintreten, konnten wir im Jahr 2017 beobachten – bei einer Partie des asiatischen Brettspiels Go. Der weltbeste Spieler Ke Jie musste sich der von künstlicher Intelligenz (KI) gespeisten Google-Software AlphaGo geschlagen geben.

Bis 2016 fragte man sich noch, ob Computer den Menschen überhaupt in Go schlagen könnten, da es deutlich komplexer als Schach ist und zudem eine intuitive Komponente benötigt. Wir können uns heute noch keine Vorstellung davon machen, was uns in ein paar Jahren erwartet. Schließlich hätten sich die Menschen vor einigen Jahrzehnten auch nicht vorstellen können, ihren Parkschein an einer Maschine zu lösen oder Geld an einem Automaten zu erhalten.

Das richtige Mindset ist wichtiger als Fachwissen

Schon heute spielt das Fachwissen von Bewerbern nur noch eine zweitrangige Rolle. Viel mehr achten Konzerne wie Start-ups auf deren Haltung gegenüber dieser Dynamik. Sind sie bereit, sich anzupassen, Dinge auszuprobieren, zu lernen und haben keine Angst vor dem Scheitern? Das Problem ist hierbei, dass unser Ausbildungssystem Menschen beibringt, sich anzupassen, anstatt sie zu ermutigen, unternehmerisch zu denken. Während sich die gesellschaftlichen und beruflichen Bedingungen ständig wandeln, wirkt das Schulsystem, als wäre es von 1950. Das ist nicht richtig. Kinder werden immer als Entrepreneure geboren, sonst würden sie nie laufen lernen. Sie müssen von klein auf – und das heißt auch in der Schule – den Mut entwickeln, Neues auszuprobieren, zu scheitern und es erneut zu probieren. Es geht nicht darum, später einmal zu gründen, sondern darum, für das zukünftige Arbeitsleben gewappnet zu sein.

Doch die Realität sieht leider anders aus. Einerseits hat jedes Kind ein eigenes Smartphone. In den Klassenchats meiner Kinder kommen jeden Tag Hunderte Nachrichten an. Es werden Hausaufgaben besprochen, Links geteilt, und es wird auch gemobbt. Wie sollen Kinder damit umgehen? In den Schulen werden Smartphones als Teufelszeug abgestempelt und die Kinder mit ihrer digitalen Realität allein gelassen. Statt die Augen davor zu verschließen, sollte der Umgang mit solchen Medien in einem anerkannten Schulfach gelehrt werden. Doch das scheint noch weit entfernt zu sein. Stattdessen machen die Kinder einen Word- und Excel-Führerschein.

Auf zwei Entwicklungen müssen wir uns meiner Meinung nach einstellen. Erstens: Wir werden uns die Arbeit mit autonom funktionierenden und intelligenten Geräten teilen. Sie werden uns dabei unterstützen, selbstorganisierter und gleichzeitig kooperativer zu arbeiten. Es war noch nie so einfach wie heute über Cloud-Dienste möglich, gemeinsam an einem Dokument zu arbeiten. Zweitens: Chefs als Ansagenmacher haben ausgedient. Vielmehr werden sie Spielfelder vorgeben, die das Team mit seiner Expertise und Skills füllt. Ein Chef muss die richtige Balance und das richtige Timing aus Führung, Freiraum und Selbstorganisation finden. Und ein Gespür dafür entwickeln, wann das Team Unterstützung braucht und wann eben nicht.

Mit den richtigen Tools lassen sich selbst starre Strukturen aufbrechen

Das gilt auch für Bereiche, in denen man es nicht erwarten würde – etwa in der Gastronomie. Wer schon einmal eine professionelle Küche von innen gesehen hat, der weiß, wie weit dieses alte Gewerbe von New Work entfernt ist. Wir haben früh begonnen, Gastronomie anders zu denken. Es war kein leichter Weg, aber heute kann ich sagen: Technologie kann helfen, diese Strukturen aufzubrechen. In unserem Café gibt es nur wenige Führungskräfte, die in Vollzeit arbeiten. Jeder hat noch eine andere Leidenschaft, der er nachgeht. Wir nennen das Profi-Amateure. Wir wollten, dass das Team auch in diesem Bereich möglichst selbstbestimmt arbeitet, daher konnte jeder sich seine Schicht aussuchen. Das ging nach hinten los. Natürlich waren die Abende an den Samstagen und die Vormittage an den Sonntagen nicht besetzt. Niemand wollte arbeiten.

Vor drei Jahren führten wir eine Software ein, die das eigenständige Arbeiten ergänzte. Falls eine Schicht frei wurde oder von vornherein nicht besetzt war, forderte die Software die Mitarbeiter in einer Nachricht auf, sich auf eine Schicht zu bewerben – das ging ganz einfach durch einen Klick. Automatisch teilte die Software dann einem der Bewerber die Schicht zu. Das Ganze ist simpel und spielerisch. Am Ende hat tatsächlich dieses einfache Tool unser Problem gelöst. Die Mitarbeiter empfinden diese freiere Schichtwahl als Freiheit. Und genau das ist die größte Herausforderung der Arbeitswelt, die Flexibilisierung und Selbstbestimmtheit aus den Elfenbeintürmen der Wissensarbeit in alle anderen Bereiche zu bringen, für Kellner, Fließbandarbeiter oder Kfz-Mechatroniker.

Davon können wir für so gut wie alle Bereiche der Automatisierung lernen: Wenn bei anstehenden Veränderungen die echten Bedürfnisse der Mitarbeiter beachtet werden, wenn man sie ernsthaft in die Prozesse einbezieht und mitnimmt, wenn die Anwendungen eine eher spielerische Natur haben und wirklich Probleme lösen, statt neue zu schaffen, wenn man mehr Selbstbestimmung ermöglicht, dann kann den Menschen die Angst vor den großen anstehenden Umwälzungen genommen werden. Und hinter der Angst liegt oft ein großes schöpferisches Potenzial.

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Ansgar Oberholz
© Carolin Saage
Ansgar Oberholz

Gründer und Geschäftsführer, „St. Oberholz“

Schon früh erfuhr Ansgar Oberholz (Jg. 1972), dass Arbeit viele Gesichter haben kann. Er arbeitete als Musiker und Softwareproduzent, gründete eine Agentur für visuelle Kommunikation und betrieb eine Modelvermittlung. 2005 eröffnete er mit Koulla Louca das Coworking-Café „St. Oberholz“ in Berlin-Mitte. Er berät Corporates und Start-ups zum Kulturwandel der Arbeit und startete 2016 mit Tobias Kremkau das Institut für Neue Arbeit. 2019 wurde er in den Zukunftsrat des Bundesverbandes der Sparda-Banken e. V. berufen.

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