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New Work: Müssen wir den Begriff „Arbeit“ neu definieren?

Ob Jobsharing, Holacracy oder Kickertisch: New Work beschreibt eine Vielzahl von Modellen und Organisationsansätzen. Vor allem jedoch will New Work eines: Arbeit soll radikal neu gedacht werden.

Markus Väth
  • Natürlich fehlt es einigen an bezahlter Arbeit – und das ist belastend
  • Denn wir sind darauf gepolt, Arbeit nur als bezahlten Erwerb zu begreifen
  • New Work heißt: Lösung von der kapitalistischen Arbeitskonditionierung

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Als ich den Satz in der Überschrift das erste Mal bewusst auf mich wirken ließ, kam er mir seltsam vor. Und er tut es noch. Der Satz aktiviert bei mir einen tief verwurzelten Widerspruch: Das kann nicht sein. Natürlich gibt es Arbeitslosigkeit. Hören wir nicht jeden Monat die neuen Arbeitslosenzahlen im Radio? Drehen sich nicht die meisten öffentlichen Diskussionen in Wirtschaft und Politik um Arbeit und (drohende) Arbeitslosigkeit? Von „lebenslangem Lernen“ bis zu „Sozial ist, was Arbeit schafft“? Und lebt nicht eine gigantische Maschine aus Medien, Beratungen, Parteien und Gewerkschaften davon, Arbeitslosigkeit zu thematisieren, zu verkleinern oder zu verhindern? Ja, das alles ist richtig.

Dennoch: Arbeitslosigkeit gibt es nicht

Was es für einzelne Menschen gibt, ist das Fehlen bezahlter Arbeit. Und dieses Fehlen ist natürlich in jedem Fall schmerzhaft und belastend. Es ist nicht nur belastend, weil wir mit Arbeit Geld verdienen. Arbeitslosigkeit ist auch schmerzhaft, weil wir in unserem kapitalistischen System andere und uns darauf konditioniert haben, Arbeit, die diesen Begriff verdient, auf bezahlte Arbeit einzuschränken. Das ist eine gefährliche Verkürzung, die unser individuelles und kollektives Denken in Geiselhaft nimmt und uns daran hindert, neu über Arbeit nachzudenken.

Nicht ein Job, sondern Arbeit gehört zum Wesen des Menschen

Für die Beurteilung von Arbeit im menschlichen Leben sollte nicht die An- oder Abwesenheit eines Jobs der Maßstab sein. Von diesem Maßstab aus ist es gedanklich nicht mehr weit zur eigenen ökonomischen Erpressbarkeit und dem Verlust des Selbstwertgefühls, wenn kein Job vorhanden ist. Das zeigen praktisch alle psychologischen und soziologischen Studien zur Arbeitslosigkeit. Vielmehr müssen wir Arbeit in einem sehr viel grundsätzlicheren Sinne für das menschliche Leben verstehen. Will man Arbeit kulturell im Menschsein verorten, kann man das christliche Weltbild als Beispiel heranziehen, in welchem Arbeit im Leben „Schöpfungsrang“ hat. Der Mensch soll die Welt „bearbeiten und bewahren“. Von „Vertrauensarbeitszeit“ oder „Weiterbildungsbudget“ ist hier nicht die Rede. Von „Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“ auch nicht.

Arbeit in einem tief kulturellen Sinn wird immer verrichtet: ob bezahlt oder nicht, ob anerkannt oder nicht, ob im Beruf, in der Familie oder im Ehrenamt. Um ein Wort von Paul Watzlawick zu verändern: Der Mensch kann nicht nicht arbeiten. Alles ist Arbeit beziehungsweise Arbeit ist viel mehr, als es uns die kapitalistische Konditionierung von Lohnarbeit vorgaukelt.

New Work bedeutet: Arbeit neu denken

Ein Leitgedanke des ursprünglichen New Work von Frithjof Bergmann war, die Lohnarbeit auf 20 Prozent der verfügbaren Arbeitszeit zu beschränken. Weil sie, so Bergmann, den Menschen „krank mache“. Nicht aufgrund ihres Charakters als Arbeit, sondern weil sie in einem System stattfinde, die den Menschen erpresst, entmündigt und manipuliert. Daher finde ich es persönlich schade, dass viele Bemühte, die sich „New Worker“ nennen, in die kapitalistische Konditionierungsfalle tappen und ausschließlich versuchen, New Work innerhalb des Lohnarbeitssystems zu verwirklichen: durch „agile“ Strukturen, neue Kreativmethoden, schicke Büroräume oder das Propagieren von „Augenhöhe“. Wohlgemerkt: Das sind gut gemeinte Initiativen. Auf dem Weg zu New Work können sie jedoch lediglich einen Zwischenschritt darstellen. Wer Arbeit nur innerhalb des Lohnarbeitssystems als Arbeit versteht, ist kein New Worker.

Als New Worker sollten wir aktiv den Gedanken voranbringen, dass Arbeit sehr viel grundsätzlicher ist als Lohnarbeit. Dafür müssten wir uns zunächst selbst von der kapitalistischen Konditionierung von Arbeit als Lohnarbeit lösen und wirklich fühlen und begreifen, dass Arbeit nicht nur innerhalb des Wirtschaftssystems und der Jobs existiert, sondern gleichwertig ebenso als Familienarbeit, Bürgerarbeit, ehrenamtliches Engagement oder auch als eigene Persönlichkeitsentwicklung. Alles ist Arbeit, und das ist kein Fluch, sondern eine Befreiung.

New Work sollte sich nicht vorschnell als neuester „heißer Scheiß“ benutzen und verheizen lassen, sondern selbstbewusster Teil dieser Befreiungsbewegung sein. Wenn Sie Lust haben und Arbeit neu denken wollen, lehnen Sie sich einfach kurz zurück, schließen Sie die Augen und versuchen es noch mal:

Arbeitslosigkeit gibt es nicht.

Veröffentlicht:

Markus Väth
© Markus Väth
Markus Väth

Diplom-Psychologe und Co-Founder, humanfy

für New Work, Psychologie

Markus Väth (Jg. 1975) ist leidenschaftlicher Psychologe, New Work-Vordenker und Co-Founder des Think Tanks humanfy. Aktuelles Buch: „Arbeit - die schönste Nebensache der Welt“ („Buchempfehlung des Jahres“, Handelsblatt).

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