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Brauchen wir eine Kultur des Scheiterns?

In Amerika gehört Scheitern zum Prozess. Doch Deutsche, so beobachten Fachleute, haben nach wie vor Angst vor dem Misserfolg. Sind Fehler Makel oder Chance?

Auf meine schwerste Niederlage folgte mein größter Erfolg

Dr. Bernd Storm van’s Gravesande
  • Nach fünf Jahren in der Unternehmensberatung wollte ich selbst etwas schaffen
  • Ich gründete mein erstes Start-up und scheiterte an der Nutzerzentrierung
  • Daraus lernte ich, worauf es ankommt, und gründete ein zweites Mal

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Würden Sie die Sicherheit eines gut bezahlten Jobs aufgeben, um das Risiko einer Gründung einzugehen? Ich habe es gewagt. Neben mir liebäugeln in Deutschland immer mehr Menschen damit, ein Unternehmen zu gründen. Letztendlich riskieren den Sprung in die Selbstständigkeit aber nur wenige. Denn natürlich ist ein solcher Schritt immer mit Risiken verbunden. Wenn man diese aber von Beginn an beachtet, lassen sie sich minimieren.

In mir regte sich der Gründergeist

Auch ich dachte nach meinem Wirtschaftsstudium nicht direkt ans Gründen, sondern startete im Jahr 2000 meine Karriere als Angestellter in der Unternehmensberatung. Parallel dazu promovierte ich. Fünf Jahre später wechselte ich in die Strategieabteilung von Fujitsu Siemens. Zwar waren meine dortigen Aufgaben spannend und abwechslungsreich, auch das Gehalt war gut, doch ich fühlte mich rastlos. Ich wollte nicht mehr länger zusehen und für andere arbeiten. Ich wollte nun etwas Eigenes schaffen. In mir regte sich der Gründergeist.

Mit 32 Jahren wagte ich schließlich den Sprung ins kalte Wasser und gründete mit einem ehemaligen Kollegen aus der Beratung und einem Bekannten mein erstes Start-up namens AndUnite – ein soziales Netzwerk, das jede online gestellte Suchanfrage in einen Meetingplace verwandeln sollte. Nutzer des Dienstes konnten ihre gestellten Suchanfragen im Netzwerk speichern, anderen zur Verfügung stellen und sich darüber austauschen – etwa indem sie Ratschläge zu einem Suchbegriff gaben. Unser Netzwerk der Suchenden setzte also an, wo Suchmaschinen nicht mehr weiterhelfen konnten. Wir erweiterten die Informationssuche um eine soziale Komponente. Es gelang uns, Businessangels für unser Projekt zu begeistern – und so wurde die Idee von AndUnite real. Doch ein Jahr später, 2008, waren wir damit gescheitert.

Das konnte es für mich nicht gewesen sein

Der Grund: Wir hatten keine Kundenprobleme gelöst, sondern welche geschaffen. Insbesondere datenschutzbewusste Nutzer stellten wir vor entscheidende Fragen: Welche Suchanfrage teile ich mit anderen, und wann möchte ich lieber anonym suchen? Mit dem Scheitern des Start-ups verlor ich meine gesamten Ersparnisse. Das war und ist die größte Niederlage meines Lebens. Jahrelang hatte ich zuvor als Unternehmensberater anderen Firmen Strategien empfohlen, doch es selbst nicht geschafft, erfolgreich ein Unternehmen zu gründen. Dass das Scheitern als Gründer in Deutschland stigmatisiert ist, machte die Situation für mich nicht einfacher. In den USA gehört eine Firmenpleite dagegen zum Unternehmertum dazu, und Investoren geben Seriengründern weitere Chancen.

Doch sollte es das schon gewesen sein? Für mich nicht! Und so gründete ich noch im Dezember desselben Jahres zusammen mit einem Partner erneut: Aboalarm, einen Service zum Kündigen von Verträgen. Die Finanzierung stemmten wir dieses Mal selbst, ohne externe Geldgeber. Das sicherte uns einerseits die volle Entscheidungshoheit, andererseits mussten wir aber auch früh einen erfolgreichen Markteintritt schaffen, sodass wir schnell Gewinne erzielen konnten.

Nicht nur die Idee zählt

Wir stemmten diese Herausforderung. 2018 feierten wir zehnjähriges Jubiläum. Mittlerweile unterstützen mich fast 50 Mitarbeiter, wir haben an die hundert Kooperationspartner und Millionen zahlende Kunden. Wir verzeichnen ein jährlich anhaltendes zweistelliges Wachstum. Ende des Jahres 2017 entschlossen wir uns für den Exit und verkauften unsere Anteile. Seitdem führe ich Aboalarm als Geschäftsführer weiter.

Auf meine schwerste Niederlage folgte mein größter Erfolg. Heute weiß ich: Neben einer tragfähigen Idee kommt es auch auf ein starkes Team an, das sich in seinen Kompetenzen ergänzt. Und ich lernte, echte Kundenprobleme zu erkennen, zu verstehen und schließlich auch die richtigen Lösungen anzubieten. Im Fall von Aboalarm ist es das schnelle Finden und das einfache Kündigen von teuren Verträgen. Wir arbeiten orientiert am Nutzer und nicht getrieben durch das Geschäftsmodell. Wir fragen uns täglich neu, welches Problem wollen wir lösen und ist es relevant genug, dass Nutzer dafür Geld bezahlen.

Ich lernte, wie hilfreich der Austausch mit Gleichgesinnten ist

Auch der Austausch mit anderen Gründern hat mir enorm geholfen. So sehr, dass ich 2014 die Bits & Pretzels gründete. Auf der Münchener Konferenz kommen Gründer, Investoren und Gründungsinteressierte aus der Start-up-Szene zusammen. Vergangenes Jahr waren es insgesamt 5000 Besucher. Das Event veranstalte ich seither jährlich als Co-Host. Jedes Jahr zeigt mir das Foundersfestival, wie entscheidend Neugründungen für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes sind, gerade im digitalen Zeitalter. Unternehmensgründer treiben Innovationen voran, schaffen Arbeitsplätze und stärken unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Haben Sie selbst auch schon gegründet oder es noch vor? Ich freue mich über Ihr Feedback und einen gemeinsamen Austausch!

Veröffentlicht:

Dr. Bernd Storm van’s Gravesande
© Aboalarm
Dr. Bernd Storm van’s Gravesande

Co-Gründer, Aboalarm und Bits & Pretzels

für Start-up, Gründen, Networking, Event

Der promovierte Ökonom (Jg. 1975) war fünf Jahre lang in der Unternehmensberatung tätig, insbesondere für Capgemini. Danach arbeitete Dr. Bernd Storm van’s Gravesande zwei Jahre als Director Consumer Strategy bei Fujitsu Siemens Computers (heute Fujitsu) in München. Im Jahr 2007 gründete er sein erstes Start-up, AndUnite. Nach dessen Scheitern gründete er sein zweites Start-up, Aboalarm, einen Onlinedienst, der das Kündigen von Verträgen vereinfacht, sowie die Gründerkonferenz Bits & Pretzels.

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