Problems logging in

„Klar dürfen Sie Fehler machen, aber seien Sie dann bitte schlauer“

Kaum eine Kultur wird sich von so vielen Unternehmen auf die Fahne geschrieben wie die Fehlerkultur. Doch oft fehlt es schon an den Rahmenbedingungen, um aus Fehlentscheidungen lernen zu können.

Aus Fehlern lernt man … warum tun’s eigentlich so wenige?

Prof. Dr. Theo Wehner
  • Wir müssen Bedingungen schaffen, um Fehler reflektieren zu können
  • Es ist wichtig, den angedachten Sinn fehlerhafter Handlungen zu analysieren
  • Möglich ist dies nur, wenn wir aus unserem Alltag ausbrechen

7,541 responses

Der Volksmund weiß: Aus Fehlern lernt man. Die über 30-jährige psychologische Forschung auf diesem Gebiet hat gezeigt, dass man nur dann lernt, wenn man sich der Zielverfehlung auch bewusst wird. Und selbst dann gibt es keine Garantie für eine fehlerfreie Zukunft. Man muss darüber hinaus nämlich auch dazu bereit sein, das unerwartete Ereignis zu reflektieren.

Worum sich der Volksmund nie gekümmert hat und wonach auch Organisationen nicht oder nur sehr zögerlich fragen: Was kann man aus Fehlern lernen, warum lernen viele nicht beziehungsweise nichts? Wir müssen also herausfinden, wie die Bedingungen sein müssen, um aus Fehlern zu lernen.

Staunen statt Besserwissen

Wir fragen oft „Wie konnte ich oder wie konnten die nur so blöd sein …?“. Wer anderen Fehler nicht einfach nur in die Schuhe schieben oder sie im Nachhinein schönreden möchte, sondern diese auch wirklich verstehen will, darf nicht die Rolle des Klugen einnehmen. Zielführend ist stattdessen die Frage „Warum hat es für die Handelnden Sinn gemacht, so zu handeln, wie sie gehandelt haben, auch wenn sich dieses Handeln nun als fehlerhaft erweist?“.

Wer zum Beginn einer Fehleranalyse nicht bereit ist, eine eher staunende als (besser-)wissende Haltung einzunehmen, der unterstellt entweder sich oder anderen sinnentleertes, irrationales, zufallsgesteuertes und unter Umständen gar vorsätzliches (Fehl-)Verhalten. Aus Fehlern können wir jedoch nur lernen, wenn wir die Logik des Misslingens verstehen und Neues über uns oder die Organisation erfahren möchten.

Sichere Reflexionsräume schaffen

Um begünstigende Ausgangsbedingungen für eine Fehleranalyse herzustellen, müssen wir die Routine des Alltags verlassen oder zumindest unterbrechen. Darüber hinaus braucht es keine womöglich selbstzerstörerischen Monologe, sondern kollegiale und konstruktive Dialoge, beispielsweise in eigens dafür vorgesehenen „Fallkonferenzen“. Wir lernen aus Fehlern, wenn wir uns in sichere, vertrauensvolle Reflexionsräume zurückziehen.

Eine positive Fehlerkultur schriebe die Geschichte neu

Erst wenn wir verstehen, warum ein jeweiliger Fehler zustande kam, können wir neue Handlungsoptionen und -alternativen kennenlernen. Dadurch erweitern wir unsere Kompetenzen, werden fehlerfreundlich gegenüber den unerwarteten Ereignissen, erhöhen die Einblickstiefe in individuelle und organisationale Abläufe und stärken letztlich eine positive Fehlerkultur.

Hätte eine solche Fehlerkultur etwa in den deutschen Automobilwerken geherrscht, hätte der sogenannte Dieselskandal einen gänzlich anderen Verlauf genommen. Gleiches gilt für die Skandale in den landwirtschaftlichen, lebensmittelherstellenden Betrieben, den pharmazeutischen Unternehmen, den Banken oder auch der Planungsgesellschaft für den Bau des Berliner Flughafens: Sie geben sich als fehlerresistent, während sie vielmehr fehlerignorant sind – und zeigen so, wie es definitiv nicht funktioniert.


Prof. Dr. Theo Wehner ist ein Speaker der XING New Work Session in Zürich. Am 25. September treffen sich Vorreiter, Gründer, CEOs und New Worker um über flexible Arbeitszeitmodelle, flache Hierarchien und agile Steuerungsinstrumente zu diskutieren.

Posted:

Prof. Dr. Theo Wehner
© Theo Wehner
Prof. Dr. Theo Wehner

Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie

Nach seiner Lehre zweifelte Theo Wehner (Jg. 1949) daran, das elterliche Lebensmittelgeschäft übernehmen zu wollen – und schlug eine andere Richtung ein. Auf dem zweiten Bildungsweg wurde er schließlich Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperatives Handeln und psychologische Sicherheitsforschung.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more