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Jeder vierte Azubi wirft hin: Braucht Berufsausbildung mehr Anreize?

Es ist der höchste Wert seit den 90er-Jahren: Einer von vier Azubis bricht seine Ausbildung ab. Wo die Vergütung besonders niedrig ist, halten die wenigsten durch. Brauchen wir einen Mindestlohn?

Azubis merken, ob sie ausgebildet oder ausgebeutet werden

Elke Hannack

stellvertretende Bundesvorsitzende, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

Elke Hannack
  • Jeder vierte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gekündigt
  • Es fällt auf: Ist der Lohn besonders niedrig, werden viele Verträge aufgelöst
  • Arbeitgeber suchen die Schuld jedoch bei Jugendlichen und Schulen

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Jeder vierte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gekündigt, der schlechteste Wert seit Anfang der 90er-Jahre! Diese Meldung überrascht, denn noch nie gab es in den Unternehmen eine Azubi-Generation mit besseren Schulabschlüssen: Die Zahl jener, die auch den Weg zur Hochschule einschlagen könnten, hat ein Rekordhoch erreicht.

Löst ein Jugendlicher seinen Ausbildungsvertrag vorzeitig auf, muss das kein Problem sein. Manchmal hat er oder sie schlicht eine bessere Alternative gefunden. Doch viele Jugendliche steigen nicht freiwillig aus einer Ausbildung aus. Sie laufen Gefahr, keinen anderen Ausbildungsplatz zu finden und einer von mehr als zwei Millionen jungen Menschen in Deutschland zu werden, die keine Ausbildung haben. Arbeitskräfte ohne Ausbildung erwarten schlecht bezahlte Jobs, miese Bedingungen und immer wieder lange Zeiten ohne Beschäftigung. Für diese Zukunft entscheidet sich kein Jugendlicher freiwillig.

Nur die Hälfte der Friseur-Azubis hält bis zur Prüfung durch

Um das Bild nicht zu düster zu malen: Zwischen den 330 Ausbildungsberufen gibt es große Unterschiede. Bei den Fachangestellten in der Verwaltung hören nur 4,1 Prozent der Azubis vorzeitig auf. Im Sicherheitsgewerbe und Friseurhandwerk, bei Restaurantfachkräften und Köchen ist es aber jeder Zweite. Ist der Lohn extrem niedrig, werden besonders viele Verträge aufgelöst. Im Friseurhandwerk starten pro Jahr etwa 10.000 Jugendliche ihre Ausbildung, aber nur rund 5000 von ihnen halten bis zur Prüfung durch.

Die Arbeitgeber suchen allzu voreilig die Schuld bei den Jugendlichen. An Leistungswillen mangele es ihnen, außerdem sei die Berufsorientierung an den Schulen zu schlecht. Das Bundesinstitut für Berufsbildung stellt dagegen fest, die Diskussion fokussiere sich zu stark auf die Auszubildenden. Der jüngste Datenreport zeigt: Wo Betriebe mehr in „ihre“ Jugendlichen investieren, werden deutlich weniger Verträge gelöst – unabhängig von Schulabschluss, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit. Dass die Höhe der Ausbildungsvergütung eine entscheidende Bedeutung hat, sagt auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Studie zu Vertragslösungen in Sachsen-Anhalt.

Die Mindestvergütung wird Ausbildungen attraktiver machen

Im Kern geht es um die Frage: Sehen Betriebe ihre Azubis als billige Arbeitskräfte oder investieren sie in ihre künftigen Fachkräfte? Setzen Unternehmen auf das Billigmodell, sind extrem niedrige Bezahlung, schlechte Ausbildungsbedingungen, ein lausiges Betriebsklima und mangelnde Qualität häufig die Folge. Eine Mindestvergütung für Azubis löst zwar nicht alle Probleme, ist aber ein wichtiger Schritt, um eine Ausbildung besser und attraktiver zu machen. Sie hilft vor allem dort, wo Arbeitgeber sich weigern, mit Gewerkschaften die Höhe der Vergütung zu verhandeln. Wer dagegen seine Azubis anständig bezahlt, braucht die Einführung einer Mindestvergütung nicht zu fürchten. Grund zur Freude hätten nach unseren Berechnungen aber rund 160.000 Jugendliche, die am Monatsende mit mehr Geld nach Hause gehen könnten.

Natürlich muss auch stärker eingegriffen werden, um Jugendliche vor Verstößen gegen den Jugendarbeitsschutz, Überstunden und rüden Umgangsformen zu schützen. Sie merken sehr genau, ob sie ausgebildet oder ausgebeutet werden. Das ist auch nicht mit dem Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ zu rechtfertigen, der aus der gesellschaftlichen Steinzeit stammt. Im 21. Jahrhundert sollten wir uns darauf konzentrieren, mehr Azubis zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Die allgemeine Wertschätzung der dualen Berufsausbildung darf sich nicht in Hochglanzkampagnen erschöpfen. Die Jugendlichen müssen sie Tag für Tag spüren – wenn sie morgens ins Büro oder das Geschäft treten oder durch das Werkstor gehen. Deshalb ist es ein gutes Signal, dass die Bundesregierung die Forderungen der Gewerkschaften aufgreift und die Mindestvergütung für Azubis ins Gesetzblatt schreiben will.

Veröffentlicht:

Elke Hannack
© DGB/Simone M. Neumann
Elke Hannack

stellvertretende Bundesvorsitzende, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

Elke Hannack (Jg. 1961) ist seit 2013 stellvertretende Bundesvorsitzende des DGB. Während des Theologie-Studiums arbeitete sie nebenher als Packerin und Verkäuferin im Einzelhandel, wurde in dieser Zeit Gewerkschaftsmitglied - und ist der Gewerkschaftsarbeit seither treu geblieben. Sie ist verantwortlich für die Ressorts Öffentlicher Dienst und Beamtenpolitik, Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik, Jugend- und Jugendpolitik, Bildungspolitik und Bildungsarbeit sowie Organisationspolitik, Service und IT.

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