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Jahresrückblick 2016 – Politik

Die Briten verabschieden sich aus der EU, der türkische Ministerpräsident Erdogan verklagt den Satiriker Jan Böhmermann. Und bei der US-Wahl setzt sich Donald Trump gegen seine Rivalin Clinton durch.

Besserwisserei und Überheblichkeit gefährden die Demokratie

Peter Maffay

Sänger, Komponist und Musikproduzent

Peter Maffay
  • Wer Fragen stellt oder anders denkt, wird schnell als dumm abgestraft
  • Jemanden zum Schweigen zu bringen heißt nicht, ihn zu überzeugen
  • Demokratie lebt vom Diskurs und von der Tugend des Zuhörens

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„Die ganze Kunst der Sprache besteht darin, verstanden zu werden.“ – Ja klar, worin denn sonst, möchte man fragen. Dieser vermeintlich simple Satz des chinesischen Philosophen Konfuzius, der 500 Jahre vor Christus lebte, ist gar nicht so trivial, wie er zunächst scheint.

„Ich glaube, dass unsere Sprache nicht mehr verstanden wird“, klagte unlängst der damalige französische Premierminister Manuel Valls auf dem Wirtschaftsgipfel der „Süddeutschen Zeitung“. Die „Stuttgarter Nachrichten“ setzten sich kürzlich mit politischen Talkshows auseinander: „Es wird viel geredet im deutschen Fernsehen, gegeneinander, miteinander, durcheinander. Mit dem Verstehen, da hapert es aber gewaltig.“ Und im Berliner „Tagesspiegel“ monierte Chefredakteur Lorenz Maroldt: „Unter den vielen Phrasen der Politik ist die vom ‚Dialog mit dem Bürger‘ die hohlste.“

Die Kluft zwischen der Politik und Teilen der Bevölkerung hat sich weiter vertieft

Schon vor Jahren wurde der Ruf laut, die Politik müsse stärker auf die Bürger zugehen und die Art und Weise ihrer Kommunikation überdenken. Geschehen ist wenig. So hat sich die Kluft zwischen der Politik und Teilen der Bevölkerung weiter vertieft. Hinzu kommt nun noch ein Riss mitten durch die Gesellschaft. Meinungen und Positionen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber.

Was unterschwellig lange spürbar war, hat sich in den vergangenen Monaten geradezu explosiv entladen: Die Sprache und die Argumentation der Politiker haben sich von Teilen der Gesellschaft so weit entfernt, dass sich diese nicht mehr verstanden fühlen. Außerdem befürchten sie, aufgrund ihrer Auffassung zu einzelnen politischen Fragen diskriminiert zu werden.

Dass wir uns immer alle einig sind, ist reine Fiktion

Die Energiewende, die EU-Osterweiterung, die Frauenquote, die Bildungs- oder die Flüchtlings- und Integrationspolitik: Schnell wird ein gesellschaftlicher Konsens proklamiert, dem das Prädikat „höherwertig und moralisch überlegen“ anhaftet. Mit anderen Worten: Wessen Meinung außerhalb dieses vermeintlichen Konsenses liegt, ist mitunter auch als Person diskreditiert. Wer Zweifel anmeldet, Fragen stellt, anders denkt, anders redet oder gar anders handelt, als der Mainstream es vorgibt, wird womöglich sofort als dumm, bildungsfern, ewig gestrig, reaktionär, neoliberal oder politisch rechts stehend abgestraft. Mit diesen Schlagworten kann man jede inhaltliche Diskussion im Keim ersticken. Jemanden zum Schweigen zu bringen heißt aber nicht, ihn zu überzeugen. Demokratie braucht Austausch. Demokratie braucht Argumente. Demokratie lebt vom Diskurs. Dass wir uns immer alle einig sind, ist in einer pluralistischen Gesellschaft reine Fiktion.

Was uns abhandengekommen ist, sind ein echtes, ehrliches, unvoreingenommenes Interesse an der Position des anderen und die Bereitschaft, über seine Argumente nachzudenken, um sodann den eigenen Standpunkt ruhig und nachvollziehbar darzulegen, fern jeder Überheblichkeit und Besserwisserei. Wir sollten uns abgewöhnen, in jedem Menschen, der die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und eine von unserer Auffassung abweichende Meinung vertritt, einen Gegner zu sehen.

Es ist höchste Zeit, dass zwischen Politik und Bürgern ein neuer, offener Dialog entsteht

Das kommende Jahr steht ganz im Zeichen der Reformation. Der Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren bildete den Auftakt zu einem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, wie wir heute wissen. Damals wurde Luther aber geächtet, verfolgt und vor ein Kirchengericht gestellt. Was war Luthers Verbrechen? Er hatte eine radikal andere Auffassung von der Kirche als der Klerus und war mutig genug, diese auszusprechen. Nun will ich wahrlich nicht behaupten, dass in jedem, der heute eine vom Mainstream abweichende Meinung vertritt, ein Martin Luther steckt, aber dieses historische Beispiel kann uns lehren, dass Institutionen und mächtige Gruppen dazu neigen, auf konträre Auffassungen reflexartig mit Ablehnung zu reagieren.

Es ist höchste Zeit, dass zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sowie zwischen Politik und Bürgern ein neuer, offener Dialog entsteht. Wir brauchen vor allem in der Politik eine Sprache, die Stereotype, Worthülsen und wiederkehrende Phrasen vermeidet. Und wir sollten die Tugend des Zuhörens neu entdecken. Die Sprach- und Verständnislosigkeit zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Parteien, Meinungs- und Interessengruppen sowie zwischen Politikern und Bürgern zu überwinden ist aus meiner Sicht eine der vorrangigsten Aufgaben unserer Zeit.

Veröffentlicht:

Peter Maffay
© Candy Back
Peter Maffay

Sänger, Komponist und Musikproduzent

Peter Maffay ist ein deutscher Sänger, Komponist und Musikproduzent. Mit 17 Nummer-eins-Alben ist er einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Rockmusiker. Bekannt wurde Maffay auch durch die Märchen- und Zeichentrickfigur Tabaluga, dessen Miterfinder er ist. Die von ihm gegründete Peter Maffay Stiftung ermöglicht benachteiligten, chronisch kranken und traumatisierten Kindern Ferienfreizeiten in stiftungseigenen Einrichtungen in Deutschland, Spanien und Rumänien.

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