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Burn-out – Volksleiden oder Modekrankheit?

Gestresst und ausgebrannt: Immer mehr Deutsche klagen über psychische Leiden. Doch müssen Unternehmen und Gesellschaft wirklich etwas verändern – oder müssen wir einfach belastbarer werden?

Burn-out dient zu häufig als Entschuldigung

Uta Glaubitz

Berufsberaterin und Autorin

Uta Glaubitz
  • Arbeit wird als notwendiges Übel angesehen
  • Fehler werden oft nur bei anderen gesucht
  • Eine Jobveränderung kann Abhilfe schaffen

38,676 responses

Früher war es Mobbing, dann Diskriminierung – und jetzt also Burn-out: eine willkommene Entschuldigung dafür, die tägliche Arbeit mit ständigem Jammern zu garnieren.

Dass das überhaupt funktioniert, liegt am germanischen Glauben, dass Arbeit in Wirklichkeit etwas Unnatürliches sei, etwas, wozu man von Bösewichtern gezwungen würde, also von der Wirtschaft, den Unternehmen, dem System, dem Kapitalismus oder dem Neoliberalismus. Die traurige Wahrheit ist: Die ganze Welt bewundert uns für unsere Arbeit, egal, ob es die unermüdliche (und dennoch vollkommen Burn-out-freie) Kanzlerin ist, der Bundestrainer oder die Autobauer bei Mercedes und Porsche. Ausgerechnet bei diesem Thema aber trägt der Deutsche eine tiefe Zerrissenheit in sich. Er glaubt, es sei seiner Natur gemäßer, sich im Wald mit Poesie zu beschäftigen oder am Meer dem Wellengang nachzuspüren – als morgens ins Büro zu gehen.

Von Lamentieren allein wird man nicht satt

Als die Fernsehzuschauer „Die größten Deutschen“ wählten, kam Karl Marx auf Platz 3. Der erklärte, viel besser als zu arbeiten sei, die Produktion der Gesellschaft zu überlassen, auf dass der Einzelne „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben und nach dem Essen kritisieren“ könne, ganz wie es ihm beliebt. Das ist kein sonderlich tragfähiges Konzept. Doch der Grundgedanke erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit.

Fangen wir also noch mal von vorn an: Wenn man nicht reich geerbt hat, dann ist Arbeit die normalste Sache der Welt. Mit ihr verdient man seinen Lebensunterhalt und ernährt seine Familie. Da wir in wohlhabenden Zeiten leben, kaufen wir von dem erwirtschafteten Geld Autos, Handys und Fernreisen. Und wir spenden einen Teil ans Finanzamt, das dann Waisenhäuser damit baut.

Früher war nicht alles besser

Es gab Zeiten, da war das deutlich anstrengender: Bis zur Industrialisierung arbeiteten die meisten Deutschen in der Landwirtschaft, und zwar ohne elektrische Maschinen und ohne Mindestlohn. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit um 1800 lag bei 60 bis 70 Stunden, 1850 bei 80 bis 85 Stunden (auch für Kinder).

Was sagt uns das? Man muss nicht morgens aufwachen und überlegen, ob man nicht einen Burn-out durch den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts hat. Wenn Ihnen der Job keinen Spaß macht, dann ist – wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit – jetzt eine sehr gute Zeit zu wechseln. Überlegen Sie, was Ihnen Spaß macht, was Ihnen wichtig ist und wofür Sie freiwillig frühmorgens aufstehen würden. Fällen Sie eine Entscheidung, und überlegen Sie, welche Schritte zu diesem Ziel führen könnten. Wenn Sie das nicht wollen, dann liegt der Grund dafür nicht in der „heutigen Zeit“, sondern in der eigenen Passivität.

Wenn Sie wirklich ein gesundheitliches Problem haben, dann gehen Sie zum Arzt oder in eine Klinik. Aber schielen Sie nicht auf den Grabbeltisch der Systemkritik, um eigene Defizite moralisch aufzuhübschen.

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Uta Glaubitz
© Dagmar Stratenschule
Uta Glaubitz

Berufsberaterin und Autorin

Uta Glaubitz (Jg. 1966) ist Berufsberaterin. Seit 1996 hält sie Seminare zur Berufsfindung. Von 2011 bis 2014 schrieb sie eine Kolumne auf „Spiegel Online“ und wechselte dann zur „Welt am Sonntag“. Sie ist Autorin von „Der Job, der zu mir passt“ (Campus).

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