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Hierarchieloses Arbeiten: Sind Unternehmen ohne Chefs erfolgreicher?

Immer mehr Firmen experimentieren mit neuen Arbeitskonzepten. Eine Theorie von vielen: Ohne Druck von Vorgesetzten arbeiten Mitarbeiter effizienter. Doch funktioniert das Konzept wirklich?

Silke Masurat
  • Eine moderne Führung macht Führungskräfte keineswegs überflüssig
  • Richtig angewandt, steigert sie sogar Produktivität und Engagement
  • Die beste Methode dafür findet sich in geteilter, inspirierender Führung

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Die neue Arbeitswelt macht allen richtig Spaß, ist bunt, kreativ und wahnsinnig innovativ. Und wenn man die Hierarchiestufen und damit die Chefs erst mal abschafft, blühen alle auf. Denn schließlich garantiert die Selbstverantwortung des Teams Selbstverwirklichung pur, und die Unternehmen ziehen ganz locker rüber auf die Überhol- und Erfolgsspur.

Seit Jahren schon wird das in schillernden Farben ausgemalt und in Artikeln, Blogbeiträgen und Social-Media-Posts kolportiert. Ich halte dagegen, und das aus gutem Grund: Vergangenes Jahr haben wir fast 20.000 Mitarbeitende befragt und damit quasi einen Realitätscheck im deutschen Mittelstand durchgeführt. Die Ergebnisse präsentieren wir in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen in unserer diesjährigen Trendstudie. Fazit: All diese schönen Ideen für die neue Arbeitswelt bergen jede Menge Verklärung und stecken voller Mythen.

Im Übrigen kamen diese neuen Führungsmodelle nicht, weil sie hip und vielversprechend sind – die Dynamik und Schnelligkeit, die sich in unser aller Arbeitsalltag eingeschlichen hat, machen sie notwendig. Nur: Ist wirklich alles besser, wenn wir die Chefs einfach abschaffen?

Wir „teilen“, und dann kommt der Erfolg von selbst

Beim Gedanken an die neue Arbeitswelt fällt vielen zuerst die geteilte Führung, die sogenannte Shared Leadership, ein. Das heißt, die Verantwortung und Entscheidungskraft verteilt sich auf die Mitarbeitenden, und die klassische Führungskraft gibt es nicht mehr. Ein in der Tat vielversprechendes Modell, denn wer nicht nur Anweisungen „von oben“ befolgt, schaltet den Kopf ein, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Schließlich ist der Erfolg ja nunmehr der eigene, und auf der anderen Seite sind natürlich auch die Konsequenzen bei Misserfolgen zu tragen. In der Tat zeigen Mitarbeiter im Shared Leadership mehr Kreativität, und sie bringen mehr Ideen ein. Dadurch erhöht sich die Mitarbeiterproduktivität enorm, was wiederum die Innovationskraft und die Unternehmensleistung steigert. Ein guter Grund also, weshalb viele Unternehmen sich für diese Form der „Entchefisierung“ entscheiden.

Auch moderne Führung kommt nicht ohne Führung aus

So weit, so gut – doch das birgt erstens Gefahren und Stress, da die Verantwortung nicht so ohne Weiteres jeder Einzelne tragen kann. Und vor allem zeigen unsere Studienergebnisse, dass eine ausgeprägte Laissez-faire-Führung zu schlechten Ergebnissen führt!

Eine starke, inspirierende Führung wiederum, in der Sinngebung und eine gemeinsame Vision den größten Stellenwert einnehmen, führt bezogen auf Innovationskraft und Unternehmensleistung zu ähnlich guten Werten.

Was wäre also, wenn man die Chefs nicht einfach abschaffte, sondern innerhalb einer Shared Leadership die Art der Führung in Richtung einer inspirierenden Führungskultur verändern würde? In der sie zudem die Kompetenzen der Mitarbeiter fördert, damit sie ihre Rollen innerhalb der geteilten Verantwortung ohne Angst (auch vor Fehlern) und ohne Überforderung ausüben können.

Die Kombination ist deutlich erfolgreicher

Die Kombination aus einer geteilten und inspirierten Führung ist die Königsdisziplin der modernen Führung. Denn in dieser sogenannten 360-Grad-Leadership sind die Werte im Vergleich der beiden einzelnen Führungsformen als „Stand-alone“ deutlich höher: Diese Unternehmen arbeiten nämlich hochgradig innovativ, etablieren eine sinnvolle Selbstführung besser und sind damit insgesamt noch deutlich leistungsstärker als Unternehmen, die nur dem Modell der Shared Leadership oder der inspirierenden Führung folgen.

Deshalb sage ich zum Thema „Führungskräfte abschaffen“ ganz klar: Nein, danke! Moderne Führung macht Führungskräfte nicht überflüssig. Aber der Job ändert sich und wird anspruchsvoller.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Kann Arbeiten ohne Chefs in Ihren Augen funktionieren? Oder haben Hierarchien durchaus ihren Sinn und Zweck? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!

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Silke Masurat
© Masurat
Silke Masurat

Geschäftsführerin, Zentrum für Arbeitgeberattraktivität

Silke Masurat ist Geschäftsführerin der Zeag GmbH, des Zentrums für Arbeitgeberattraktivität, welches seit 2002 die Werteallianz Ethics in Business und den Arbeitgebervergleich Top Job mit Fokus auf den deutschen Mittelstand organisiert. Die Mission der Zeag ist es, die Arbeitswelt wieder ein Stück weit gesellschaftsverträglicher und Arbeitgeber nachhaltig zukunftsfähig zu machen.

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