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Wirtschaftswunder China – Sind wir zu naiv gewesen?

Für China galt sehr lange nur „höher, schneller, weiter“. Doch auf einmal lahmt die Konjunktur; die Nervosität bei Exporteuren und Anlegern steigt. Was können wir von China künftig noch erwarten?

Prof. Dr. Clemens Fuest
  • Eines der größten Probleme sind unproduktive Über- und Fehlinvestitionen
  • Die Regierung sollte sich von kurzfristigen Wachstumszielen lösen
  • Innovationen und Unternehmertum müssen gefördert werden

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China hat in den letzten Jahrzehnten einen Wirtschaftsboom durchlaufen und die Weltwirtschaft angetrieben. Doch derzeit häufen sich die schlechten Nachrichten. In den Jahren vor 2008 expandierte die chinesische Wirtschaft mit Raten zwischen 8 und 14 Prozent. Während der Krise hat China sich erstaunlich robust gezeigt. Aber seit 2011 bröckeln die Zuwachsraten. 2014 lag das Wachstum bei sieben Prozent, in diesem Jahr könnte es auf fünf bis sechs Prozent sinken. Das ist immer noch dynamisch, aber es mehren sich Zweifel, ob dieses Niveau zu halten ist.

Es besteht das Risiko einer Rezession

Was bedeutet diese Entwicklung für Deutschland und Europa? Vor allem für die deutsche Wirtschaft ist China zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden. 2014 betrugen die deutschen Exporte nach China 75 Milliarden Euro. Damit ist das Land der viertgrößte Exportmarkt für Deutschland. Hinzu kommt, dass die Kunden deutscher Unternehmen in ganz Ostasien unter einem Ende des Booms in China leiden würden.

Wie sind die Aussichten für die Zukunft? Die größte Herausforderung liegt darin, das Problem der Über- und Fehlinvestitionen in China zu lösen, ohne eine Rezession zu verursachen. Die Regierung in Peking hat auf die Wirtschaftskrise des Jahres 2008 mit einem massiven Investitionsprogramm reagiert. Die Investitionen in China waren vor 2008 mit 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits sehr hoch. In der Krise stieg die Investitionsquote dann auf über 48 Prozent, derzeit liegt sie bei 43 Prozent. In anderen Schwellenländern wie Indien oder Indonesien betragen die Investitionsquoten rund 33 Prozent, in den westlichen Industrieländern eher 20 Prozent.

Was die chinesische Regierung jetzt angehen muss

Hohe Investitionen sind willkommen, wenn sie rentabel sind. In China gibt es aber Hinweise darauf, dass erhebliche Fehlinvestitionen getätigt werden. Ein großer Teil der Gelder fließt in unproduktive Bauprojekte. Außerdem zeigen aktuelle Studien, dass die staatlichen Unternehmen in China ihre Investitionsprojekte oft nach politischen Kriterien auswählen und dabei viel Geld in den Sand setzen. Diese Investitionen drastisch zu kappen könnte eine Rezession auslösen. Aber es ist dringend notwendig, dem privaten Konsum und den Investitionen kleiner und mittlerer privater Unternehmen mehr Raum zu geben.

Mittelfristig steht China außerdem vor der Herausforderung, von einer Entwicklung, die auf dem Technologietransfer aus den USA und Europa beruhte, zu einem aus eigener Innovationskraft getriebenen Wachstum zu kommen. China gibt viel Geld für Forschung und Entwicklung aus, und Innovationsindikatoren wie die Zahl der Patentanmeldungen weisen steil nach oben. Aktuelle Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Qualität der Patente sinkt: viel Quantität, aber zu wenig Qualität. Die chinesische Wirtschaftspolitik sollte sich von kurzfristigen Wachstumszielen lösen und mehr Gewicht darauf legen, die Bedingungen für Innovationen und Unternehmertum zu verbessern. Nur dann wird das Land auch künftig die Rolle einer Lokomotive für die Weltwirtschaft spielen können.

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Prof. Dr. Clemens Fuest
© ZEW
Prof. Dr. Clemens Fuest

Präsident, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)

Prof. Dr. Clemens Fuest (Jg. 1968) ist seit 2013 Präsident und wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim. Er ist designierter Präsident des Ifo Instituts und löst 2016 Hans-Werner Sinn ab, der in den Ruhestand tritt. Fuest zählt zu den Ökonomen, die international Gehör finden: Von 2008 bis 2013 war er Forschungsdirektor des Centre for Business Taxation der Universität Oxford. Seine Schwerpunkte sind die internationale Steuerpolitik und Staatsfinanzen.

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