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Bewerbung ohne Anschreiben: Wie sinnvoll ist der Trend?

Wer sich als Azubi bei der Deutschen Bahn bewirbt, muss künftig kein Anschreiben mehr formulieren. Der Staatskonzern rüstet sich so für den nahenden Fachkräftemangel. Eine Idee, die sich durchsetzt?

Das Anschreiben abzuschaffen ist populär, aber dumm

Dr. Bernd Slaghuis
  • Der aktuelle Trend, auf das Anschreiben zu verzichten, ist kurzsichtig und dumm
  • Bewerber mit bunten Lebensläufen haben keine Chance, sich greifbar zu machen
  • Ein Verzicht ist keine Lösung, wir sollten mehr Vielfalt erlauben

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„Die Deutsche Bahn schafft das Anschreiben ab.“ Eine Meldung, die wie ein Lauffeuer durch die deutsche Presselandschaft ging und nicht nur von der breiten Masse der vom nervigen Anschreiben traumatisierten Angestellten lauten Applaus erntete, sondern auch in vielen auf Effizienz getrimmten HR-Abteilungen auf Zustimmung stößt.

Doch leider geht die Diskussion über ein einfaches „Weg damit!“ nicht hinaus und es wird übersehen, dass die Deutsche Bahn dies nur für die Auswahl ihrer Auszubildenden beschlossen hat. Eine kleine Gruppe von Bewerbern, bei der Arbeitgeber leicht auf ein Anschreiben neben dem in diesem Lebensabschnitt meist selbsterklärenden Lebenslauf verzichten können.

Aus Arbeitgeber- sowie aus Bewerbersicht daraus ein pauschales “Das Anschreiben hat ausgedient!” zu machen, ist nicht nur falsch, sondern als Trend im aktuellen Arbeitsmarkt auch kurzsichtig und dumm.

“Weg mit dem Anschreiben” ist Abbild gestriger Karriere-Denke

Wer heute alternativlos die Abschaffung des Anschreibens für alle Positionen fordert, der scheint noch fest in gestriger Karriere-Denke zu stecken: Einer Sicht auf Lebenslaufkarrieren, die sich als tiefroter Faden im geradlinig tabellarischen Werdegang eines Arbeitnehmers widerspiegelt. Dem Glauben, man könne offene Stellen kosteneffizient automatisiert mit Kandidaten besetzen, die ihre schnurgeraden Lebensläufe mit genau solchen Keywords gespickt haben, wie sie sie in den immer gleichlautenden Stellenausschreibungen heute vorfinden. Eine schnelle und damit ungenaue Entscheidung zwischen „passt“ und „passt nicht“. Eine kurzsichtige Eindimensionalität im komplexen Arbeitsmarkt, die im vielzitiertem Fachkräftemangel kaum zu übertreffen ist.

Was ist schließlich mit den vielen hochqualifizierten und stark generalistisch ausgerichteten Bewerbern, die heute im Zuge einer beruflichen Umorientierung den Quereinstieg oder gezielt einen Branchenwechsel suchen? Welche Chancen haben sogenannte Downshifter, die bewusst einen Schritt auf der Karriereleiter zurückgehen möchten, um wieder mehr Freude und Motivation im Beruf zu empfinden?

Die Zahl der Jobwechsler mit krummen und bunten Lebensläufen nimmt zu – und das ist gut so! Denn sie stehen für die gesellschaftliche Öffnung sowie Freiheit bei der persönlichen Gestaltung des eigenen Berufs- und Lebensweges. Gleichzeitig preisen Arbeitgeber innovative Karrieremodelle, familiengerechte Tandem-Jobs und agil neues Arbeiten zwischen temporären Führungs-, Projekt- und Fachkarrieren an. Ich frage mich, was dies soll, wenn am Ende all jene Bewerber keine Chance haben, deren Lebenslauf anders als gewöhnlich und erwartet ist?

Wer als Arbeitgeber echtes Interesse hat, neue Karrieremodelle zu leben und für Jobwechsler erlebbar zu machen, der darf Bewerber in dieser frühen Phase des Auswahlprozesses nicht auf ihr Fach- und Erfahrungswissen sowie ihre Noten und Zeugnisse der Vergangenheit reduzieren.

In neuen Arbeitswelten, in denen Agilität, Flexibilität, Kooperation, Kreativität und Mindset immer mehr gefragt sein werden, wird es immer weniger auf Spezialistentum und tiefe Fachkenntnisse ankommen, sondern mehr auf die Persönlichkeit eines Menschen mit seinen individuellen Talenten, Erfahrungen, Kompetenzen und Stärken.

Wer diese Aspekte, die sämtlich aus den heute vorherrschenden Lebenslaufformaten nicht ersichtlich sind, bei der Auswahlentscheidung für Bewerbungsgespräche ignoriert, der verlagert nicht nur Recruitingkosten von der Erstauswahl auf (unnötige) Gespräche, sondern der läuft vor allem Gefahr, die vielen Talente mit vermeintlich unpassenden Lebensläufen im großen Stil zu übersehen.

Arbeitgeber und Bewerber tun sich beide keinen Gefallen

Vielleicht können es sich die insbesondere bei Absolventen noch beliebten großen Arbeitgebermarken leisten, doch die Masse der unbekannten Mittelständler und Arbeitgeber in unattraktiven Regionen, die seit Jahren mangelnde Quantität und Qualität von Bewerbungen bejammern und nun mit auf den populären „Wir schaffen das Anschreiben ab“-Zug aufspringen, werden sich im Wettbewerb um gute Talente damit keinen Gefallen tun und am Ende einen Anstieg ihrer Recruitingkosten verzeichnen oder Fehleinstellungen vornehmen.

Ebenso können auch solche Bewerber, die heute noch genervt die Abschaffung des Anschreibens bejubeln, selbst in Zukunft in eine berufliche Veränderungssituation kommen, in der sie glücklich sind, nicht nur auf ihren Lebenslauf und alte Zeugnisse reduziert zu werden. Wer heute als Angestellter die ersatzlose Abschaffung des Anschreibens herbeisehnt, der wird in Zukunft noch mehr Bewerbungen verschicken und noch mehr Gespräche führen müssen, bis es wirklich passt.

Nicht das Anschreiben abschaffen, sondern mehr Vielfalt erlauben

Ja, sicher ist das Anschreiben in seiner heute von Bewerbern gelernten Form nicht mehr zeitgemäß. Weil es voller Worthülsen steckt, in geschwurbelter Sprache Inhalte weichgespült zwischen den Zeilen transportiert und am Ende jeder Bewerber sein Profil mit Teamfähigkeit und Belastbarkeit abrundet. Ja, solche Anschreiben bieten keinen Mehrwert und sind Zeitverschwendung! Ich verstehe Recruiter gut, die es satt geworden sind, diesen Einheitsbrei vorgesetzt zu bekommen.

Doch wer sagt, dass Anschreiben immer eine Last und derart inhaltsleer sein müssen? Meine Erfahrungen aus der Arbeit mit Bewerbern sind eindeutig: Mehr Klarheit im Anschreiben und ein persönliches Profil mit Ecken und Kanten führen heute unmittelbar zu höheren Einladungsquoten. Viele meiner Klienten entwickeln sogar Freude daran, ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber mit dem Anschreiben mehr über sich und ihre Ideen für die Zukunft mitzuteilen.

Ich wünsche mir daher ein stärkeres Denken in Alternativen, statt nur „Weg mit dem Anschreiben!“ zu fordern. Vielleicht ist es in Zukunft nicht mehr nur das klare Anschreiben, das einen sinnvollen Mehrwert zu einem Lebenslauf bietet. Der Trend zu „Diversity“ sollte sich auch in mehr erlaubter Vielfalt bei der Bewerbung zeigen: Wer gut vor der Kamera wirkt, der sollte ein Bewerbungsvideo drehen. Wer gut programmiert, der darf sich mit einer eigenen Homepage zeigen. Wer gut schreibt, der kann einen Text verfassen.

Statt das Anschreiben abzuschaffen sollten wir auf beiden Seiten Schluss machen mit dem Denken in Standards, sondern mehr Kreativität und Individualität erlauben. Das ist die Vielfalt, die Menschen mit ihren persönlichen Stärken abbildet und sie für Arbeitgeber erst richtig greifbar macht. Und das ist es auch, was uns Menschen in der Arbeitswelt der Zukunft von Kollege Roboter unterscheiden wird.

Schafft nicht das Anschreiben ab, sondern lasst uns die alten Mauern in den Köpfen abschaffen. Für mehr Vielfalt, Individualität und Mensch sein.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Wie sollte eine optimale Bewerbung Ihrer Meinung nach aussehen? Braucht es das schriftliche Anschreiben noch? Oder sollten die Bewerbungen der Zukunft anders aus?

Veröffentlicht:

Dr. Bernd Slaghuis
© Privat
Dr. Bernd Slaghuis

Ökonom, Karriere- und Business-Coach

für Karriere, Bewerbung und Führung

Dr. Bernd Slaghuis ist promovierter Ökonom, Systemischer Coach und Experte für neue Karrieren und gesunde Führung. In seiner Kölner Coaching-Praxis hat er sich auf Anliegen der Karriereplanung und beruflichen Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Er schreibt in seinem Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ über seine Sichtweisen auf Karriere, Bewerbung sowie Führung und hält zu diesen Themen deutschlandweit Vorträge und gibt Seminare.

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