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Zahnspangen - teuer und nutzlos?

Etwa jedes zweite Kind geht zum Kieferorthopäden. Die Krankenkassen zahlen dafür rund eine Milliarde Euro pro Jahr. Wie sinnvoll die Therapien sind, sei aber nicht belegt, rügt der Bundesrechnungshof.

Prof. Dr. Jens C. Türp
  • Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen bekommt eine Zahnspange
  • Der Bundesrechnungshof rügt den unzureichend belegten medizinischen Nutzen
  • Zu Recht: Ästhetische Bedürfnisse sind nicht Sache der Allgemeinheit

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Man muss sich das einmal vorstellen: Rund die Hälfte der über gesetzliche Krankenkassen versicherten Kinder und Jugendlichen erhält für eine Dauer von zwei bis vier Jahren eine kieferorthopädische Therapie. Die Hälfte! Und dazu kommt noch eine nicht bekannte Zahl von Privatversicherten. Deutschland – Land der schief stehenden Zähne? Unabhängig von der berechtigten Frage, ob es sich hierbei um eine groteske Übertherapie von Normvarianten handelt, sorgt eine Rüge des Bundesrechnungshofs (BRH) für helle Aufregung in der bis dato weitgehend heilen Welt der Kieferorthopäden. Wie eine Serie schallender Ohrfeigen muss es für die Zunft und die Krankenkassen klingen, wenn der BRH feststellt:

Weder die Krankenkassen noch das Bundesministerium für Gesundheit besitzen vertiefte Kenntnisse über die kieferorthopädische Versorgungslage und Versorgungsnotwendigkeit in Deutschland. Ohrfeige Nummer eins! Und zugleich die heftigste, denn das Sozialgesetzbuch V verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, Belege für den Nutzen von Leistungen vorzulegen.

Krankenkassen geben jährlich 1,1 Milliarden Euro für kieferorthopädische Behandlungen aus, deren medizinischer Nutzen nicht hinreichend belegt ist. Ohrfeige Nummer zwei! Dem Bundesministerium für Gesundheit sind keine detaillierten und qualitativ hochwertigen Studienergebnisse über die Folgen nicht korrigierter Fehlstellungen der Zähne bekannt. Ohrfeige Nummer drei!

Selbst verschuldete Bredouille

Die Auflistung des BRH mit dem bezeichnenden Titel „Nutzen der kieferorthopädischen Behandlung muss endlich erforscht werden“ kommt der Ausstellung eines wissenschaftlichen Mängelzeugnisses gleich. „Setzen, 6!“ Aber selber schuld: Wer sich in Fachzeitschriften und auf Kongressen jahrzehntelang immer nur mit der (ökonomisch durchaus lohnenden) Frage des „Wie soll ich’s tun?“ beschäftigt und dabei die Kardinalfrage nach dem „Warum soll ich es überhaupt tun?“ beharrlich ausklammert, der darf sich nicht wundern, wenn er nun in aller Öffentlichkeit einige unangenehme Fragen gestellt bekommt.

Dabei sind die offenen Fragen an die Kieferorthopädie seit Langem bekannt: Bereits im Jahr 2001 monierte der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen die kieferorthopädische Überversorgung deutscher Kinder. Ebenso wurde kritisiert, dass ein großer Teil der Behandlungen mit herausnehmbaren Apparaten durchgeführt wurde, obwohl festsitzende Apparate leistungsfähiger seien. Schließlich beklagte der Sachverständigenrat schon damals das weitgehende Fehlen von Versorgungsforschung im Bereich der Kieferorthopädie. Geändert hat sich nach dieser bitteren Bilanz nichts.

Gesundheitlicher Mehrwert? Fehlanzeige!

Bis vor Kurzem gelang es der Zunft noch, kritische Kieferorthopäden, die es wagten, die Frage nach dem Vorliegen einer medizinischen Indikation für kieferorthopädische Maßnahmen zu stellen, als „Nestbeschmutzer“ auszugrenzen. Oder, als schändlicher Höhepunkt, wissenschaftliche Karrieren aktiv zu behindern. Nun aber sieht sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die kieferorthopädische Versorgungsnotwendigkeit nur unzureichend wissenschaftlich untersucht sei.

Zweifelsohne ist die Korrektur von Kiefer- und Zahnfehlstellungen bei den (sehr selten vorkommenden) erheblichen Einschränkungen des Kauvorgangs, der Sprache und ähnlichen wichtigen Funktionen indiziert, und die Kieferorthopäden bringen teilweise fantastische Ergebnisse zustande. Chapeau! Dass eine kieferorthopädische Behandlung in der weit überwiegenden Zahl der Fälle aber lediglich ästhetische Ziele verfolgt, lässt sich nicht mehr leugnen. Ein gesundheitlicher Mehrwehrt ist hier nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil: Die Risiken kieferorthopädischer Therapie sind erheblich ‒ Karies, Zahnfleischprobleme, Verlust von Kieferknochen, Resorption von Zahnwurzeln, um nur einige zu nennen. Und schließlich ist nicht garantiert, dass das erzielte Resultat, sofern es dem angestrebten Ziel überhaupt entspricht, über längere Sicht stabil bleibt. Und was wäre, wenn man bei (geschätzten) 95 Prozent der heutigen kieferorthopädischen Ästhetikpatienten gar nichts täte? Sie wären genauso gesund oder krank wie bisher!

Selbstverständlich ist es in unserer extrovertierten Gesellschaft, in der ästhetische Ansprüche zunehmend an Bedeutung gewinnen, jedem Menschen freigestellt, sich seine Zähne begradigen zu lassen. Aber diese Bedürfnisse dürfen nicht als Krankheit auf dem Rücken der Solidargemeinschaft befriedigt werden.

Veröffentlicht:

Prof. Dr. Jens C. Türp
© privat
Prof. Dr. Jens C. Türp

stv. Sprecher Zahnmedizin, Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin

Prof. Dr. Jens C. Türp (Jg. 1960) engagiert sich seit 1998 für eine evidenzbasierte Zahnmedizin. Er ist in den Universitätszahnkliniken des Universitären Zentrums für Zahnmedizin Basel tätig und leitet dort die Abteilung Myoarthropathien/orofazialer Schmerz. Seit vielen Jahren thematisiert er das Übel der Über-, Unter- und Fehlversorgung in der Zahnmedizin und ist stellvertretender Sprecher des Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin e. V.

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