Probleme beim Einloggen

Ist die neue Betriebsrente die richtige Strategie gegen Altersarmut?

Seit Beginn des Jahres gilt das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz. Befürworter trauen ihm zu, Versorgungslücken im Alter zu schließen. Gegner sagen, es sei eine Wette auf Kosten der Angestellten.

Das Risiko für Arbeitnehmer steigt

Prof. Dr. Gerd Bosbach

Professor für Statistik, Wirtschafts- und Sozialforschung, HS Koblenz

Prof. Dr. Gerd Bosbach
  • Das Betriebsrentenstärkungsgesetz soll die private Altersvorsorge stärken
  • Es entzieht damit der gesetzlichen Rente schon heute viel Geld
  • Das Risiko trägt allein der Arbeitnehmer, auch für schwankende Aktienkurse

7.907 Reaktionen

Die Versicherungswirtschaft freut sich über das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG). Allein das schon sollte uns stutzig machen, ob das Gesetz wirklich den Arbeitnehmern nutzt. Die Zweifel verstärken sich noch, wenn wir ein wenig nachrechnen.

Früher war eine Betriebsrente in der Regel etwas, das der Arbeitgeber finanziert hat. Das ist schon lange nicht mehr der Fall. Inzwischen steht der Begriff für einen Vorsorgevertrag auf Kosten des Arbeitnehmers, zu dem der Arbeitgeber höchstens noch Zuschüsse gibt. Mit dem BRSG soll dieser Zustand zementiert werden, und es soll gleichzeitig mehr Arbeitnehmer motivieren, in einen entsprechenden Vertrag einzuzahlen. Und zwar zulasten der gesetzlichen Rente. Ob das wirklich den Arbeitnehmern nutzen wird, kann heute niemand sicher sagen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Arbeitnehmer und Steuerzahler am Ende draufzahlen müssen.

Der Arbeitgeber spart mehr, als er weitergeben muss

Der Reihe nach: Ab 2019 werden Arbeitgeber verpflichtet, einen Zuschuss von mindestens 15 Prozent zu neuen Betriebsrentenverträgen zu leisten. Zusätzliche staatliche Förderung soll es für Angestellte mit niedrigem Einkommen geben. Klingt zunächst gut. Aber der Arbeitgeber spart deutlich mehr, als er gibt. Denn er muss auf die eingezahlten Beiträge keine Sozialabgaben leisten. Die Ersparnis für ihn liegt nach Angaben der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages im Schnitt bei mehr als 20 Prozent.

Wir haben also bereits zwei Parteien, die profitieren: die Arbeitgeber und die Versicherer, die ohne die Aussicht auf Gewinne die Verträge nicht anbieten würden. Wie realistisch ist es dann, dass darüber hinaus auch noch die Arbeitnehmer profitieren, nachdem dem System bereits an zwei Stellen Geld entzogen wurde?

Doch es geht noch weiter. Auch der Steuerzahler könnte schon sehr bald die Folgen des BRSG zu spüren bekommen. Denn wenn die Verträge – wie von der Politik gewünscht – schon bald im großen Stil abgeschlossen werden, hat das eine unmittelbare Auswirkung auf die heutige gesetzliche Rente.

Der gesetzlichen Rente könnten bald weitere Milliarden fehlen

In der Regel sind die Einzahlungen in eine Betriebsrente frei von Steuern und Sozialabgaben. Beides muss erst abgeführt werden, wenn das Geld später wieder ausgezahlt wird. Das heißt aber auch, dass mit jeder abgeschlossenen Betriebsrente schon heute weniger Geld in die Renten- und Staatskassen fließt.

Wenn das in dem Umfang passiert, den die Politik anstrebt, reden wir nicht über Millionen Euro, sondern über viele Milliarden. Das würde entweder dazu führen, dass die Renten gekürzt werden müssen – oder dass die Staatskasse das fehlende Geld über einen Zuschuss aus unseren Steuergeldern ausgleicht.

Trotzdem verkaufen Arbeitgeber und Versicherer uns das BRSG als große Chance. Unter anderem deshalb, weil künftig die Bedingungen für die Betriebsrenten zwischen Gewerkschaft oder Betriebsrat und Arbeitgeber ausgehandelt werden. Die Arbeitgeber müssen dann die Auszahlung der Betriebsrenten auch nicht mehr garantieren, sondern nur noch die eingezahlten Beiträge weiterleiten.

Wie soll uns das alles nutzen? Die Befürworter sagen, dass sie das Geld dann freier und dadurch mit mehr Rendite anlegen könnten.

Ich finde, das ist eine sehr löchrige Argumentation. Auf der einen Seite wird der gesetzlichen Rentenkasse Geld entzogen und mit den Versicherern ein weiterer Mitspieler dazwischengeschaltet, dessen Arbeit und Gewinne bezahlt werden müssen. Das soll angeblich durch riskantere Anlagestrategien ausgeglichen werden, von denen aber heute niemand sagen kann, ob sie die gewünschten Renditen auch liefern werden. Ist der Anlagemarkt nicht schon heute durch billiges Geld der Zentralbanken zu aufgebläht? Dieses Risiko trägt am Ende der Arbeitnehmer. Arbeitgeber und Versicherungswirtschaft bekommen ihr Geld schon ab dem ersten eingezahlten Beitrag.

Veröffentlicht:

Prof. Dr. Gerd Bosbach
© Bosbach
Prof. Dr. Gerd Bosbach

Professor für Statistik, Wirtschafts- und Sozialforschung, HS Koblenz

Prof. Dr. Gerd Bosbach (Jg. 1953) ist Professor für Statistik sowie Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz. Vor seiner Tätigkeit in der Lehre war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Statistischen Bundesamt tätig und arbeitete in der Statistikabteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren