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Tag der Muttersprache: no problem oder Zeit zu handeln?

Der 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache. Zeit, sich zu fragen: Wie viel Pflege braucht eine Sprache? Muss sie geschützt werden? Oder sind Phänomene wie „Denglisch“ ganz normal?

Denglisch? Nonstop Schmu!

Peter Littger

Journalist und Bestsellerautor

Peter Littger
  • Let’s face it: Denglisches Kauderwelsch ist öffentliche Standardsprache
  • Englisch erweitert zwar unseren Ausdruck, sorgt aber auch für viel Verwirrung
  • Ausländer lernen ein Deutsch, das wir oft gar nicht mehr sprechen

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Vor ein paar Tagen sah ich in der Berliner U-Bahn eine Werbung der Lufthansa. Es ging um Recruiting für ein Callcenter der Airline, also um Mitarbeiterwerbung für das Kundentelefon der Fluglinie. Zu sehen war eine Frau, und daneben stand: „Make her flight to Bejing bequem.“ Ich habe nicht verstanden, was mir das sagen sollte. War es ein Witz? Ein abschreckendes Beispiel?

Oder einfach die Wahrheit, ungefähr so: Wir bei Lufthansa beherrschen eigentlich keine Sprache mehr richtig. Es ist also nicht schlimm, liebe Bewerber, wenn Ihnen ab und zu nicht das passende Wort einfällt. Kauderwelsch wellkamm!

Hätte ich die Lufthansa-Werbung ein wenig früher entdeckt, hätte ich sie in mein aktuelles Bilderbuch „Lost in Trainstation. Wir versteh’n nur Bahnhof“ aufgenommen. Ich zeige, welches oft bizarre Kauderwelsch in unserem öffentlichen Raum anzutreffen ist: auf Geschäften und Schildern, Warnungen und Werbungen, Produkten und Sonderangeboten. Und nicht zuletzt in Flughäfen und Bahnhöfen, den wohl größten Übungsflächen für unseren zweisprachigen Ehrgeiz. Frei nach dem internationalen Leitspruch der Lufthansa „Nonstop you“ möchte ich sagen, dass wir im eigenen Land eine große Menge Quatsch verbreiten: Nonstop Schmu!

Denglisch – zwischen Belustigung und Verwirrung

Keine Frage, das alles kann ziemlich lustig sein: mal absichtlich, mal aus Versehen. Da heißen eine Kneipe „Come inn“ – und ein Friseur „Kamm in“. Eine Bank wirbt: „I must to the bank“. Die Handelkammer begrüßt neue Mitglieder als „New Kammer“. Das Klopapier bei „Penny“ verspricht ein „Happy End“. Und die Berliner Stadtreinigung nennt ihre Müllwagen „Leer Force One“. Sehr komisch sind auch zusammengesetzte Wörter, die wie kleine Rätselaufgaben daherkommen: „Kursfee“, „Darkmode“, „Nametagrückgabe“

Genau diese Momente der alltäglichen Sprachverwirrung sind es, die mich als „Der Denglische Patient“ interessieren und zugleich ratlos machen: Ist das eigentlich schon Englisch – oder noch Deutsch? So schwierig es ist, diese Frage zu beantworten, so sehr verdeutlicht sie die Unsicherheit, die der Sprachmix auslöst. Etwa wenn ein Geschäft „Bio Company“ heißt, aber kein Geschäft für Lebensläufe ist und mit dem Satz „Take bio, go lucky“ wirbt. Verständlich wäre „Buy organic, be happy.“

Achten Sie einmal darauf: Unser Land ist voll von konfusen Botschaften. Einerseits sind es viele kleine Patzer: Wenn auf einer Mitarbeitertoilette „Stuff only“ („Nur für Zeug“) steht oder eine Sportkneipe mit „Life“-Übertragungen („Leben-Übertragungen“) wirbt. Andererseits die tragischen Sprachunfälle von wahrscheinlich gut bezahlten Leuten, etwa bei der Deutschen Telekom, die „Fun Flats“ („Spaßwohnungen“?) anbietet. Oder „Comfort via Funk“ („Trost durch Gestank“?). Schlimmer sind nur die Fotografen, die „Baby Shootings“ („Baby-Schießereien“) oder gleich ganze „Familien Shootings“ offerieren.

Es gibt immer weniger Lehrbuch-Deutsch

Wie nah Kreativität und kreatives Koma, Kongenialität und K. o. beieinanderliegen, zeigt allein das verbreitete Spiel mit den englischen Wörtern „fair“ und „air“: Manche Unternehmen suggerieren auf – wie ich finde – plumpe Weise Fairness, indem sie sich „Fairwaltungsgesellschaft“ nennen oder Wohnungen zur „Fairmietung“ anbieten. Andererseits gefallen mir die „Sanitätair“ und „Einweisair“, die sich auf dem Flughafen in Salzburg tummeln.

Es gibt allerlei Varianten, aber vor allem gibt es immer weniger Deutsch, wie es in den Lehrbüchern steht. Ich halte das für ein Problem! Zum einen weil oft gute und recht spezielle Kenntnisse der englischen Sprache erforderlich sind. Anstatt über die Abschaffung des Englischunterrichts zu diskutieren, wie jüngst in Nordrhein-Westfalen, sollten wir uns fragen, ob unsere Schulen dem Anspruch unseres ganz normalen alltäglichen Kauderwelschs überhaupt gerecht werden.

Zum anderen verlangen wir von Ausländern, die nach Deutschland kommen, eine Sprache zu lernen, die wir selbst gar nicht mehr sprechen. Im Ergebnis haben wir uns mit englischen Versatzstücken eine neue Fantasiesprache – und ein regelrechtes Sprachchaos – geschaffen, die ausgerechnet diejenigen nicht verstehen, die aus aller Welt zu uns kommen und kein Deutsch beherrschen.

Was lässig wirkt, ist nicht unbedingt sinnvoll

Ich werde oft gefragt, warum wir englischen Wörtern und Redensarten eigentlich den Vorzug vor unserer Muttersprache geben. Ganz sicher, um unseren Ausdruck aufzuwerten: weil englische Begriffe flotter klingen und weltoffener wirken. Aber auch weil es ein Gefühl von Sicherheit verbreitet, etwas ausdrücken zu können, was in unserer eigenen Sprache unmöglich, weniger leicht oder womöglich zu direkt wäre. Doch was lässig und mit fremden Wörtern garniert daherkommt, ist nicht automatisch sinnvoller. Hier ähnelt die Sprachkultur der Esskultur – denn was lecker aussieht, ist ja auch nicht automatisch gesund.

Bleibt die Frage, was angesichts dieses zunehmenden Chaos zu tun ist. Ich sehe vier Möglichkeiten:

  • Wir akzeptieren die sprachliche Entwicklung und dichten fröhlich weiter. Weil es ja auch wirklich Spaß machen kann. Die Berliner Stadtreimer aka Berliner Stadtreinigung machen es vor: „We kehr for you!“

  • Wir liefern immer dort verständliche Übersetzungen mit, wo wir ein internationales Publikum ansprechen – selbst wenn es so wirkt, als würde man den Witz erklären.

  • Wir betrachten Englisch als Seuche und tilgen es möglichst aus unserem Wortschatz, um irgendwie zu einer „reinen“ deutschen Sprache zurückzukehren. So rückwärtsgewandt das wirken mag, es ist die Forderung nicht weniger Sprachkritiker und Sprachpfleger.

  • Wir glauben an unsere Fähigkeiten und arbeiten an unserer Sprachkompetenz. Mit anderen Worten wagen wir den Angriff nach vorn und lernen (noch) besser Englisch, zumal immer mehr Begriffe im Alltag nur noch in englischer Sprache existieren: „Leak“ ist eines von vielen aktuellen Beispielen. In einer wirklich zweisprachigen Gesellschaft würden wir am Ende insgesamt besser zu unterscheiden lernen und automatisch mehr Verständnis entwickeln für den Schmu.

Mich würde Ihre Meinung und Einschätzung interessieren, liebe Leser! Schreiben Sie einen Kommentar. Mailen Sie mir. Thx!

Veröffentlicht:

Peter Littger
© Peter Littger
Peter Littger

Journalist und Bestsellerautor

Peter Littger (Jg. 1973) ist in Kolumnen und Vorträgen „Der Denglische Patient“, unter anderem als Kolumnist für N-TV. Außerdem ist er Autor der Bestseller „The devil lies in the detail. Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache“. Soeben ist von ihm erschienen: „Lost in Trainstation. Wir versteh’n nur Bahnhof. English made in Germany, das Bilderbuch“.

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