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Brauchen wir eine Kultur des Scheiterns?

In Amerika gehört Scheitern zum Prozess. Doch Deutsche, so beobachten Fachleute, haben nach wie vor Angst vor dem Misserfolg. Sind Fehler Makel oder Chance?

Der Gründungsstandort Deutschland braucht ein Update

Christian Lindner
  • Mutige Unternehmer werden ausgebremst statt unterstützt
  • Es fehlt an staatlichen Regeln für Investitionen in Start-ups
  • An Schulen müssten Tablets längst zum Standard gehören

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Zum Ende meiner Schulzeit habe ich mein erstes Unternehmen gegründet. Einige Jahre habe ich erfolgreich Werbung für regionale Unternehmer gemacht. Aber ein zweites Unternehmen, das ich im Jahr 2000 kurz vor dem Höhepunkt der Internetblase gründete, zerplatzte mit der Blase des Neuen Marktes – an Wagniskapital für weitere Investitionen war nicht mehr zu denken. Seither versuchen politische Wettbewerber immer wieder, mir dieses Scheitern eines Unternehmens vorzuwerfen. Leider kein Einzelfall.

Studien belegen, dass ein Drittel unserer Studienabsolventen lieber eine Karriere im öffentlichen Dienst als in der freien Wirtschaft machen will – von einem eigenen Unternehmen ganz zu schweigen. Das Ursprungsland des Automobils liegt bei der Gründerquote nur auf Platz 27 von 29 innovationsbasierten Ländern. Was läuft schief im Land der Tüftler und Denker? Und wie können wir das ändern? Wir brauchen ein Update bei Kultur, Kapital und Köpfen.

Es hagelt wahlweise Neid oder Spott für Gründer

Gründet ein junger Mensch ein eigenes Unternehmen, kennt unsere Gesellschaft meist zwei Reaktionen. Im Erfolgsfall gibt es eine Menge Neid für den Gründer – „der hat ja nur Glück gehabt“. Ist das Unternehmen nicht erfolgreich, kann sich der Gründer Spott und Häme sicher sein: „Konnte ja nicht klappen“ lautet das einhellige Urteil vieler Beobachter. Manch einer freut sich innerlich: Denn das Scheitern des anderen ist doch die Bestätigung dafür, dass es besser war, es selbst nicht zu versuchen. Solch ein Klima bremst junge Frauen und Männer mit Ideen aus. Deswegen brauchen wir ein Mentalitätsupdate – hin zu einer echten Gründungskultur.

Gründer verdienen unseren Respekt. Und ist ein Unternehmer erfolgreich, muss in der Gesellschaft Anerkennung an die Stelle von Missgunst treten. Denn es verdient Anerkennung, Risiken zu tragen und alles auf eine Karte zu setzen. Trifft unternehmerisches Engagement einmal nicht ins Schwarze, darf sich kein lähmender Kübel Häme über den Pionier ergießen. Erfahrungen sind wertvoll, und vielleicht funktioniert ja die nächste Idee?

Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen

Auch beim Kapital für Neugründungen hakt es hierzulande. Nicht etwa, weil das Geld nicht vorhanden wäre. Zwei Billionen Euro haben die Deutschen auf der hohen Anlagekante. Zahlreiche Versorgungswerke etwa suchen händeringend Anlagemöglichkeiten. Trotzdem belegt die Bundesrepublik beim Verhältnis von Wagnis-Investitionen gerechnet auf das Bruttoinlandsprodukt einen der hinteren Plätze in Europa. Der Vergleich mit den USA fällt noch schlechter aus: Die US-Wirtschaft ist knapp fünfmal so groß wie die deutsche – mobilisiert aber 32-mal mehr Mittel für die Digitalbranche. Warum ist das so?

Die deutsche Politik muss die Rahmenbedingungen für ein neues Gründerzeitalter schaffen. Wir brauchen angemessene Regeln für Investitionen in Start-ups und ein Wagniskapital-Gesetz, wie es beispielsweise die „Allianz für Venture Capital“ vorschlägt. Nur bei adäquaten Rahmenbedingungen landet das Geld dort, wo es hilft und Chancen schafft.

Wir müssen die Zuckerbergs von morgen fördern

Für mehr Start-ups benötigen wir auch ein Update in den Köpfen des Landes. Blickt man in die Schulen, herrscht trotz Smartphones und Tablets immer noch im wahrsten Sinne des Wortes Kreidezeit. Das ist nicht das Umfeld, in dem die Zuckerbergs von morgen ausgebildet werden. Deswegen müssen wir die modernsten digitalen Methoden in den Unterricht integrieren. Ein Tablet für jeden Schüler gehört ebenso zum Standard wie die entsprechende Lernsoftware für den Mathematikunterricht. Ein modernes Lernumfeld beinhaltet auch Lehrerinnen und Lehrer, die genauso vertraut mit den neuen Technologien sind, wie wir es uns von den Kindern wünschen.

Auch eine liberale Einwanderungspolitik kann mehr Gründungsdynamik entfalten. Deutschland mangelt es insbesondere in den MINT-Fächern an qualifizierten Fachkräften. Technologieintensive Unternehmen haben Probleme, geeignetes Personal zu finden. Helfen würde ein Einwanderungsgesetz, das die Einwanderung über ein Punktesystem an den Interessen des Arbeitsmarkts ausrichtet und aktiv auf der ganzen Welt um die besten Köpfe wirbt. Außerdem: In Deutschland weisen Migranten eine überdurchschnittliche Gründungsquote auf. Mehr Mut zum Unternehmertum würde unserem Land guttun.

Höchste Zeit, Pioniere auf ihrem Weg zu ermutigen

Deutschland lebt aktuell von seiner Substanz. Die Große Koalition verbraucht die Stärke unseres Landes, die wir uns etwa mit den Agenda-Reformen mühsam erarbeitet haben. Wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftlicher Wohlstand sind kein deutsches Grundgesetz. Sondern sie werden hart erarbeitet. Ich meine: Höchste Zeit, dass wir den Pionieren der deutschen Wirtschaft nicht länger Steine in den Weg legen, sondern sie auf ihrem Weg ermutigen. Denn die Weichen für ein Leben von morgen im Wohlstand werden schon heute gestellt.

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Christian Lindner
© FDP
Christian Lindner

Bundesvorsitzender und Spitzenkandidat, FDP

Christian Lindner (Jg. 1979) ist seit der Landtagswahl im Mai 2012 Mitglied des Landtages sowie Vorsitzender der Landtagsfraktion und des Landesverbandes der FDP in Nordrhein‐Westfalen. 2017 führte er die FDP-NRW als Spitzenkandidat zum besten Wahlergebnis in der Geschichte des Landes. Nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag wurde Lindner im Dezember 2013 zum Bundesvorsitzenden der Freien Demokraten gewählt. Bei der Bundestagswahl am 24. September kandidiert Lindner als Spitzenkandidat der FDP.

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