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Flüchtlinge als Arbeitskräfte – Wie schaffen wir jetzt 500 000 Jobs?

Nach Aufnahme und Unterbringung benötigen die meisten Asylsuchenden jetzt Arbeit. Was muss sich in der Politik und auf dem Arbeitsmarkt ändern, damit die Integration gelingt?

Der Mindestlohn darf auf keinen Fall angetastet werden

Michaela Rosenberger
  • Das Gastgewerbe könnte mit Flüchtlingen das Nachwuchsproblem lösen
  • Schlechte Arbeitsbedingungen sind der Grund für den Fachkräftemangel
  • Schutzsuchende als Billigarbeitskräfte auszunutzen wäre falsch

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Das Gastgewerbe leidet unter einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel wie kaum eine andere Branche. In deutschen Hotels, Restaurants, Küchen und Catering-betrieben fehlen Zehntausende Fachkräfte. Ein Großteil der rund 40 000 Lehrstellen, die mangels Bewerbern in diesem Jahr unbesetzt bleiben, wurden von Betrieben aus dieser Branche angeboten. Hoteliers und Gastronomen blicken voller Sorge in die Zukunft. Denn der Mangel wird sich noch verschärfen: Wo es heute keine Auszubildenden gibt, gibt es morgen keine Fachkräfte.

Der Flüchtlingsstrom könnte helfen, das Fachkräfteproblem im Gastgewerbe zu lösen. Mindestens 800 000 Menschen, vielleicht deutlich mehr, werden in diesem Jahr in Deutschland Asyl beantragen – ohne Frage eine riesige Herausforderung für unser Land. Aber viele der Schutzsuchenden sind hoch motiviert und ausbildungsbereit. Junge Menschen aus Syrien, dem Irak oder Eritrea könnten die unbesetzten Lehrstellen füllen, und viele würden es mit Freude tun.

Auch diesmal wird unsere Branche eine Chance wohl verstreichen lassen

Für Ausländer ist das Gastgewerbe schon lange eine erste Anlaufstelle auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Fast ein Viertel der Beschäftigten stammen nicht aus Deutschland – branchenübergreifend liegt der Ausländeranteil bei nur 7,2 Prozent. Das zeigt: Bei der Integration der Flüchtlinge könnte das deutsche Gastgewerbe eine wichtige Rolle übernehmen. Könnte.

Der Konjunktiv ist angebracht – leider. Besteht doch wenig Grund zur Annahme, dass man in der Branche diesmal die Zeichen und Chancen der Zeit erkennt. Schließlich kommt der Nachwuchsmangel nicht von ungefähr, sondern ist die Quittung der jahrelangen Versäumnisse vieler Arbeitgeber und ihres Arbeitgeberverbandes, dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga).

Auszubildende werden zu oft als billige Arbeitskräfte angesehen

Obwohl es sich junge Menschen heute aussuchen können, in welchem Beruf sie sich ausbilden lassen, werden Auszubildende im Gastgewerbe weiterhin viel zu oft nicht als Lernende und lohnende Investition in die Zukunft, sondern als billige Arbeitskräfte betrachtet. Obgleich angesichts des Fachkräftemangels eigentlich unverantwortlich, sind die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen vielerorts noch immer miserabel.

Zehn Monate nach seiner Einführung ist längst klar, dass der Mindestlohn keine Jobs gekostet, sondern maßgeblich zum derzeitigen Boom auf dem Arbeitsmarkt beigetragen hat – nie gab es so viele Jobs wie heute. Das Aussetzen des Mindestlohns für eine solch große Gruppe wie die der in Deutschland Schutzsuchenden wäre das Ende des Mindestlohns in Deutschland.

Warum sollte die Arbeit von Flüchtlingen schlechter bezahlt werden?

Schnell würde so ein Arbeitsmarkt unterhalb der endlich eingezogenen Mindestlohngrenze entstehen – nicht nur, aber auch und gerade im Gastgewerbe. Und Asylkritikern und Rechtspopulisten böte es einen idealen Nährboden. Denn viele, die heute vom Mindestlohn profitieren, würden ihren Job an die noch schlechter bezahlten Neuankömmlinge verlieren. Und überhaupt: Was wäre es für ein Signal an die Flüchtlinge, dass ihre Arbeit grundsätzlich weniger wert ist als die ihrer Gastgeber? Schlimm wäre es, wenn es die Politik skrupellosen Arbeitgebern erlauben würde, Menschen, die vor Krieg und Elend geflüchtet sind, als Billigarbeitskräfte auszunutzen.

Mit Blick auf die demographische Entwicklung hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge „einen Segen“ genannt. Für das Gastgewerbe hat sie damit ohne Zweifel recht, hier kommen die vielen hoch motivierten jungen Menschen wahrlich wie gerufen.

Wer eine Ausbildung begonnen hat, sollte in Deutschland bleiben dürfen

Bleibt zu hoffen, dass jetzt viele Betriebe die Chance ergreifen, sich proaktiv um die Flüchtlinge zu bemühen, auf Betreuungseinrichtungen und Ämter zugehen und den Schutzsuchenden eine qualitativ gute Ausbildung und Arbeit zu fairen Bedingungen bieten. Dann kann das Gastgewerbe einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten, kann vielen Flüchtlingen eine erste Anlaufstelle auf dem deutschen Arbeitsmarkt sein und gleichzeitig dem eigenen Fachkräftemangel entgegenwirken.

Die Politik darf diese wichtige Integrationsarbeit nicht durch bürokratische Hindernisse erschweren. Vor allem aber muss es den schwarzen Schafen der Branche unmöglich gemacht werden, Flüchtlinge gnadenlos auszunutzen und sich so einen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten zu verschaffen.

Dieser Text ist auch auf XING Spielraum erschienen.

Veröffentlicht:

Michaela Rosenberger
© www.ngg.net
Michaela Rosenberger

Vorsitzende, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

Michaela Rosenberger (Jg. 1960) ist gelernte Hotelfachfrau und Berufsschulfachlehrerin und wurde Anfang der 1990er Jahre in Lübeck zur Gewerkschaftssekretärin ausgebildet. Seit 2013 ist Michaela Rosenberger Vorsitzende der ältesten Gewerkschaft in Deutschland, der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die NGG vertritt rund 205 000 Mitglieder in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, im Lebensmittelhandwerk und der Gastronomie.

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